So unfair werden angehende Lehrer*innen behandelt

Vom Referendariat hört man oft Horrorgeschichten – und leider sind zu viele davon wahr. Das liegt vor allem an einem System, das Machtmissbrauch auf allen Ebenen begünstigt. Ein Erfahrungsbericht und Plädoyer

So unfair werden angehende Lehrer*innen behandelt

Im Referendariat sind nicht die vielen Aufgaben das Problem. Foto: Hannah Ohlinger / Unsplash | CC0

„Weißt du, ich bin hier – und du, du bist hier“, sagte meine Ausbildungsbeauftragte in herablassendem Tonfall, während sie eine Hand vor ihrem Kinn, die andere tief darunter, auf der Höhe ihres Bauchnabels platzierte. Es war Ende Oktober 2016 und ich hatte ein halbes Jahr meines Referendariats an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen hinter mich gebracht. Während ich innerlich ausrastete, fragte ich mich, wie ich diesen Psychoterror noch ein weiteres Jahr aushalten sollte. „Jaja, im Referendariat, da bist du schön der Trottel für alle“, hieß es immer wieder von ehemaligen oder aktuellen Referendar*innen. Bevor ich selbst betroffen war, habe ich mich lange geweigert das zu glauben. Leider ist es ganz genau so – und nur eines von vielen Problemen im Ausbildungssystem werdender Lehrer*innen.

Die Ausbildungsbeauftragten nutzen ihre Privilegien aus

Für alle, die kein Lehramt studiert haben: Theoretisch sollen die jeweiligen Ausbildungsbeauftragten Lehramtsanwärter*innen in ihrem Referendariat zur Seite stehen, ihnen unter anderem in Krisensituationen helfen. Problematisch ist aber, wenn sie ihre Aufgabe weniger in der Unterstützung, sondern sich selbst als weitere maßregelnde Instanz betrachten. Wenn sie statt auszubilden diktieren und Referendar*innen zur eigenen Arbeitsentlastung einsetzen: Vertretungsstunden, Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Materialerstellung, Elternabende oder die Bewirtung irgendwelcher Gäste in der Schule. Als Referendar*in hat man da keine Wahl: Lehnt man die zusätzliche Arbeit ab, kann das in schlechten Noten von Seiten der Schule enden.

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Den Aufgaben, die in den Bereich der Ausbildungsbeauftragen fallen, beispielsweise die gemeinsame Reflexion der Unterrichtsentwürfe oder das Besprechen schulischer Interna, kam die für mich zuständige Lehrerin auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht nach. In eineinhalb Jahren gab es drei Treffen. Vorgesehen sind diese Besprechungen eigentlich wöchentlich, da die Ausbildungsbeauftragen aufgrund ihres Postens auch Unterrichtsentlastung bekommen – sprich pro Woche eine Stunde weniger unterrichten müssen. Es gibt jedoch keine Instanz, die überprüft, ob sie ihren vorgesehenen Jobs auch nachkommen. Konsequenzen hat die mangelnde Betreuung demnach keine.

Wer nicht liefert, muss um die Examensnote bangen

Aber nicht nur die Ausbildungsbeauftragten nutzen die Referendar*innen als freie Ressourcen, die Schulleitung ebenso. Auch hier das Druckmittel: Wer eine gute Note haben will, muss auch etwas dafür tun. Situationen wie die folgende sind keine Seltenheit: „Ach Frau Winter, könnten Sie auf der Karnevalssitzung Schlagzeug spielen?“, fragte mich meine Schulleiterin eines Tages. „Ich kann gar kein Schlagzeug spielen“, antwortete ich. „Sie hatten doch im Studium Klavier im Hauptfach. Das ist doch schnell gelernt. Und Sie wissen doch – bald steht schon ihr Schulleitergutachten an.“ Hieß übersetzt: Würde ich nicht nebenher Schlagzeug lernen, bekäme ich eine schlechte Note.

Natürlich machte ich das alles. Ich übte Schlagzeug zu den Hörnern und Bläsern, ich flötete mit den Fünftklässler*innen am Tag der offenen Tür und spielte auf der Abschlussfeier der Zehntklässler*innen – von denen ich selbst keine*n einzige*n unterrichtet habe – Klavier und sang. Ich startete ein Projekt mit meinen Neuntklässler*innen und brachte es auf die Bühne, betreute Lesenächte und übernahm jede Vertretungsstunde, obwohl das nicht in den Aufgabenbereich der Lehramtsanwärter*innen fiel.

Als es schließlich um meine Notengebung ging, schien sich all der Aufwand trotzdem nicht ausgezahlt zu haben. Ein paar Wochen vor den Sommerferien bat mich die Schulleiterin zum Gespräch. Der Zeitpunkt war mehr als fragwürdig gewählt. Ich hatte ihr die Gutachten meiner Fachlehrer*innen, die meinen Unterricht bewertet hatten, noch nicht gegeben. Darauf sollte meine Note eigentlich basieren. Aber auch das kontrollierte niemand. Nachdem sie mir dann erläuterte, dass sie sich nach viel Hin und Her gerade so zu einer Zwei durchgerungen hätte, fragte ich mich, auf welcher Grundlage diese Note entstanden ist. Aber das wusste leider nur sie allein.

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Theoretisch können Referendar*innen Widerspruch gegen ein Schulleitergutachten einreichen. Aber schon im Studienseminar wurde uns mehrfach nahegelegt, dass man bei Problemen lieber versuchen sollte, die Situation persönlich zu klären. Die Erfolgschancen mit einem Widerspruch seien so gut wie nicht existent.

Was ich für eine gute Note tun muss? So richtig weiß das niemand.“

Neben der Schulleitung vergeben auch die Fachleiter*innen eine Note für jede*n Referendar*in. Doch auch hier fehlt beim Bewertungssystem eine Kontrollinstanz. Was ich für eine gute Note tun muss? So richtig weiß das niemand. Es ist ein großes Ratespiel, wem was gefällt. Es gibt keine schriftlich festgelegten, geschweige denn einheitliche Kriterien: Fachleiter*in A findet Lerntheken toll, während Fachleiter*in B das für den größten Quatsch hält. Konkreten Nachfragen weichen sie mit schwammigen Äußerungen aus.

Auch das Feedback bekommt man nur in mündlicher Form, wenn man nicht selbst während der Nachbesprechung mitschreibt. Die einzelnen Noten werden ebenfalls nur mündlich kommuniziert und nirgends schriftlich festgehalten. Am Ende des Referendariats bekommt man eine Gesamtnote, die aber nicht die Einzelnoten der jeweiligen Stunden enthält.

Es kam nicht nur einmal vor, dass ein*e Referendar*in für eine Stunde eine Eins bekommen hat und ein*e andere*r Referendar*in für eine sehr ähnliche Stunde mit einer Drei nach Hause gegangen ist. Aber auch das kontrolliert oder vergleicht niemand. Bei drei von meinen fünf Fachleiterbesuchen war ich allein in der Klasse und im folgenden Nachgespräch. Meine Ausbildungsbeauftragte hatte an den vereinbarten Terminen – wie auch an meinem Examen – ihren freien Tag. Die Fachleiter*innen haben in ihrer Notengebung also völlig freie Hand, ohne irgendwem Rechenschaft schuldig zu sein. Als kleine Randnotiz: Selbst bei mündlichen Prüfungen im sechsten Schuljahr bewertete ich immer gemeinsam mit einer Kollegin, weil solche Dinge nie ganz objektiv sind.

Angst, etwas falsch zu machen

Als Folge des permanenten Notendrucks und der Unberechenbarkeit der Bewertung entsteht eine weitere Krankheit des Referendariats: unverhältnismäßiger Perfektionismus. In Unterrichtsbesuchen schreibt eigentlich niemand mehr an die Tafel. Warum? Aus Angst, dass es zu schief geschrieben sein könnte oder der Bruchteil der Minute, den das Anschreiben kostet, den Zeitplan aus den Fugen bringt. Denn alles muss perfekt sein. Auch das Tafelwischen wird nicht mehr den Schüler*innen überlassen, sondern selbst übernommen, damit bloß keine Schlieren zu sehen sind. Der Stundenverlaufsplan wird mit Bleistift vorgeschrieben, der Overhead-Projektor dreimal getestet, die Kopien liegen schon einen Tag vorher mehrfach abgezählt in einem sicheren Fach. Den Kindern werden Süßigkeiten, weniger Hausaufgaben oder Ausflüge versprochen, damit sie sich von ihrer besten Seite zeigen.

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Niemals wird in einem Unterrichtsbesuch etwas Neues gemacht. Es gibt Kolleg*innen, die üben ihre Methoden bereits in den Stunden vorab stupide ohne Inhalt: „So, jeder nimmt sich ein Kärtchen. Such deinen Partner. Tauscht euch aus, such jetzt den Partner mit dem gleichen Symbol. Jetzt stellen sich alle gegenüber und jetzt bitte wieder setzen.“ Denn sollte ein*e Schüler*in im Unterrichtsbesuch nachfragen, heißt es, dass die Arbeitsanweisung nicht klar genug war. Die Tatsache, dass Schüler*innen manchmal einfach nicht zuhören, zu faul sind, um richtig zu lesen oder sich von dem Vogel draußen vorm Fenster ablenken lassen, wird nicht in Erwägung gezogen. Es kann nur an der Arbeitsanweisung liegen. Für Menschlichkeit ist im Referendariat kein Platz.

Kein Platz für Probleme

Eigentlich sollte so was in den außerschulischen Studienseminaren, bei denen allgemeinere Dinge wie Elternarbeit oder didaktische Theorien behandelt werden, Thema sein. Doch über wirkliche Probleme spricht hier niemand. „Wie fühlen Sie sich heute?“, war die Lieblingsfrage unserer Seminarleiterin bei unseren vierzehntägigen Treffen. Klassische Reaktion darauf: Vierzehn angehende Lehrer*innen starrten sich mit leeren Blicken an, weil jede*r gerade im Kopf durchging, was er*sie alles Sinnvolleres machen könnte, als die Stunden hier abzusitzen. Es hatte ein bisschen was von einer Therapiesitzung. Man klopfte sich ermunternd auf die Schulter, ging – wie schon im Studium – über theoretische Konzepte zu Unterricht, Elterngespräche oder Konfliktsituationen in den Austausch oder wurde zu Aktivierungsspielchen gezwungen, die sogar meine Schüler*innen lächerlich gefunden hätten.

Eines Montags fasste ich mir im Seminar dann doch ein Herz und gab eine ehrliche Antwort auf die allwöchentliche Frage nach dem Befinden: „Also irgendwie kann das doch nicht sein. Man ist hier doch allen total ausgeliefert. Bei meinen Fachleitergesprächen war niemand dabei. Wenn der einen schlechten Tag hat, oder mich scheiße findet, habe ich eine schlechte Note und keiner sagt was. Meine Schulleiterin lädt mir täglich mehr Extraarbeit auf und meine Ausbildungsbeauftragte freut das, weil sie ein persönliches Problem mit mir hat. Also mit objektiver Bewertung kann ich ja leben, aber das hier ist doch fernab davon.“ Stille, mitleidige Blicke. Schulterzucken. Ich guckte fragend zu meiner Seminarleiterin, die ebenfalls nur mit den Schultern zuckte. Mit einer entschuldigenden Geste rang sie sich ein: „Sie haben es doch bald geschafft“, ab und ließ damit meinen Gefühlsausbruch im Sande verlaufen.

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Ändert endlich dieses System!

Ja, dass das ganze System völlig intransparent, ausbeuterisch und darauf ausgelegt ist, alle Menschen mit eigenem Stil oder anderen Blickwinkeln mundtot zu machen und anzupassen, ist mittlerweile nicht mehr mein direktes Problem, denn ich habe mein Ref erfolgreich beendet. Aber dass anscheinend der Konsens gefunden wurde, dass man das System akzeptiert, weil es eben so ist, das ist schon mein Problem. Und weil ich jetzt nicht mehr von den Meinungen meiner Ausbildungsbeauftragten, Schulleiterin, Fachleiter*innen und Seminarleiter*innen abhängig bin, habe ich endlich die Freiheit, diesen Artikel zu schreiben und einmal ganz laut zu sagen:

Liebe Bezirksregierung. Ändert endlich dieses System. Denn statt nur die Lehramtsanwärter*innen auf den Prüfstand zu stellen, zu hinterfragen, zu durchleuchten und zu Transparenz anzuhalten, sollte es jemanden geben, der*die genau das Gleiche mit den Ausbilder*innen macht. Es sollte sicher gestellt sein, dass die Basis an der Schule stimmt und die Referendar*innen dort eben nicht die Trottel für alle sein müssen, sondern angemessen unterstützt und vor allem ausgebildet werden. Noten sollten nicht nach Lust, Laune und Sympathie vergeben werden, sondern anhand sinnvoller Kriterien, die die Bewertungen transparent und nachvollziehbar machen. Kleine Fehlerchen sollten als menschlich akzeptiert werden. Genau wie der Fakt, dass Schüler*innen eben manchmal nicht zuhören oder langsam verstehen, ohne dass deswegen sofort die Arbeitsanweisung unklar war. Man sagt doch, dass man aus Fehlern lernt. Also lernt ihr doch endlich auch aus euren.