So unterschiedlich sehen Bahnhöfe auf der ganzen Welt aus

Vom prachtvollen Kopfbahnhof in Leipzig bis zur Dorfstation im Weser-Ems-Land – von deutschen Bahnhöfen haben wir meist eine ganz gute Vorstellung. Wie sehen Stationen in anderen Ländern aus?

Bahnhöfe sind oftmals kalt und funktional, sie laden selten zum Verweilen ein. Entsprechend wenig Aufmerksamkeit schenken wir ihnen, wenn wir als Reisende zum Gleis laufen. Die meisten von uns unternehmen höchstens einen Abstecher zum Kaffeeholen, in den Zeitschriftenladen oder zur Toilette – dass wir minutenlang die Architektur der imposanten Bauwerke studieren, kommt wohl seltener vor als die Deutsche Bahn pünktlich ist.

Anders ist es bei Martin Weltner, den man als Bahnhof-Connaisseur bezeichnen kann. Weltner hat bereits in seiner Kindheit ein Faible für Bahnstationen entwickelt. Zunächst bewunderte er den Halt der hessischen Kleinstadt Bebra, in der er aufgewachsen ist. „In Bebra hielten unter anderem Schnellzüge aus allen Himmelsrichtungen und Bebra war deutsch-deutscher Grenzbahnhof, hier konnte man gelegentlich Kontakt zu DDR-Bürgern bekommen“, erzählt der 63-Jährige. Heute interessieren ihn eher die großen Bahnhöfe, in denen viel Verkehr herrscht. „Besonders spannend empfinde ich auch Grenzbahnhöfe“, sagt er, „wo sich Eisenbahner aus verschiedenen Ländern begegnen und für einen möglichst reibungslosen Betrieb sorgen.“

Seine Begeisterung für Bahnhöfe hat Weltner bereits mehrfach in Bildbänden ausgedrückt, über Züge, Bahnbetriebswerke, ausgewählte Bahnhöfe aus der Luft. Sein neuestes Buch, Bahnhöfe der Welt (erschienen im GeraMond-Verlag), ist ein 192-seitiges Kompendium voller Fotografien und Fakten über Stationen weltweit.

Minihäuschen treffen auf Megahallen

In seinem Band fasst Weltner den Bahnhofsbegriff weiter, als ihn etwa die deutsche Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) definiert. Laut Paragraph vier Absatz zwei (Pdf) umfasst ein Bahnhof mindesten eine Weiche, „wo Züge beginnen, enden, ausweichen oder enden dürfen“. In Bahnhöfe der Welt finden sich aber auch Mini-Stopps, die dieser Definition nicht entsprechen – so wie die Station in Barancas, Mexiko, an der lediglich ein Gleis an einem Holzunterstand entlangführt. Oder Haltestellen, die längst nicht mehr in Betrieb sind und als touristische Attraktion dienen – wie der geisterhafte Bahnhof in Dunedin, Neuseeland, oder der aufgegebene Halt in Colonia del Sacramento, Uruguay.

Dann wiederum gibt es Aufnahmen zu sehen von gigantischen Stationen – etwa der Bahnhof in Durban, Südafrika, der direkt neben dem für die Fußballweltmeister*innenschaft 2010 erbauten Moses-Mabhida-Stadion liegt. Oder die gewaltige Halle des Bahnhofs Atocha in Madrid, Spanien, den Hochgeschwindigkeitszüge im Fernverkehr durchqueren.

Weltners Ziel sei es gewesen, einerseits möglichst viele Bahnhöfe „aus allen Winkeln der Erde zu zeigen“, erzählt er. Andererseits habe er veranschaulichen wollen, wie unterschiedlich der Begriff Bahnhof zu verstehen sei. „Von der verträumten Landstation mit nur einem oder weniger Zügen am Tag über Alltagsbahnhöfe, an denen sich seit Jahren nichts verändert hat bis hin zu den hochmodernen Bahnhöfen an den Hochgeschwindigkeitsstrecken, die in den letzten Jahren entstanden sind.“

Der Zugverkehr spielt in verschiedenen Ländern unterschiedliche Rollen

Martin Weltner ist so bahnhofbegeistert, dass er sogar zum Bahnhof-Sightseeing verreist. Früher habe er des Öfteren in Bebra vorbeigeschaut, wohl aus Nostalgie. Heute reise er lieber zu Bahnhöfen ins Ausland, die er noch nicht kennt. „Mich interessiert bei jedem Bahnhof seine Geschichte“, sagt Weltner, „wie sah es einst dort aus, was hat sich verändert, und zwar sowohl zum Guten als auch zum Schlechten.“

Weltners Bildband enthält nicht nur Beschreibungen zu einzelnen Gebäuden und ihrer Entwicklung. Der Autor ordnet auch die Bedeutung des Eisenbahnnetzes im jeweiligen Land ein. Über Thailand erfährt man beispielsweise, dass lediglich sechs Prozent der Reisenden auf der Schiene unterwegs sind und die dringend notwendige Modernisierung der Bahn nur langsam vorankommt. Über das Netz in Australien ist zu lesen, dass der Verkehr auf weiten Teilen auf Dreischienengleisen stattfindet, da bis 1901 verschiedene private Gesellschaften die Netze betrieben und Fahrzeuge mit unterschiedlicher Spurweite verwendeten.

Kleine Haltestellen mit nur einem Gleis, Durchgangsbahnhöfe mit mehreren Dutzend Haltemöglichkeiten, gigantische Kopf- oder Sackbahnhöfe – Weltner gelingt es in Bahnhöfe der Welt, mit seiner Faszination für die vielfältigen Bauten anzustecken. Nach der Lektüre möchte man selbst mal auf Bahnhof-Sightseeing gehen.

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