So unterschiedlich werden Frauen und Männer in Romanen beschrieben

Die hübsche, jungfräuliche Dame und der mutige Held? Eine neue Analyse offenbart: Geschlechter-Stereotype in der Literatur halten sich hartnäckig.

literatur stereotype
"Der Meister" (1824) vom englischen Maler Charles Lock Eastlake - Genderstereotype in Öl. Bild: Birmingham Museums Trust/ Unsplash | CC0

Fangen wir mal mit einem kleinen Ratespiel an. Was glaubt ihr, wird im folgenden Text eine Frau oder ein Mann beschrieben?

Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab ich nie gesehn.
X ist so sitt- und tugendreich,
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Rot, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergeß ich’s nicht!
Wie X die Augen niederschlägt,
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
Wie X kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzücken gar!

Na? Ich nehme mal an, ihr habt richtig getippt, auch wenn ihr euch Goethes Faust bislang noch nicht geben musstet (oder wolltet, wer weiß). Denn korrekt, hier wird eine Frau beschrieben, eine junge Frau. Ihr Name ist Margarete und der begeisterte Redner ist der unselige Faust.

Das Beispiel stammt aus einem der bekanntesten Werke deutscher Autor*innen. Frauen und Männer, das lässt sich ziemlich eindeutig sagen, werden in der westlichen Literatur seit Jahrhunderten zwar sehr unterschiedlich, aber klaren konventionellen Rollen entsprechend beschrieben. Es ist also kein Zufall, dass wir wenn wir die Personalpronomen und Namen ersetzen oder weglassen trotzdem sehr schnell darauf kommen, wessen Lippen, wessen Schultern oder wessen Haar beschrieben wird.

Ich hätte also statt Faust auch fast jedes andere beliebige Werk der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte wählen können; die Wahrscheinlichkeit, dass ihr erkannt hättet, wer darin aufgrund welcher Äußerlichkeiten beschrieben wird, wäre relativ hoch gewesen. Und auch wenn uns solche stereotypen Zuschreibungen in unserer alltäglichen Lektüre vielleicht noch nicht mal auffallen, werden sie deutlich, wenn man Literatur quantitativ untersucht. Sprich: wenn man solche Beschreibungen sammelt und vergleicht.

Eine Analyse von 2.000 Büchern

Die amerikanische Datenspezialistin Erin Davis hat sich für das Magazin The Pudding an diese Aufgabe gemacht: Werden die Körper von Frauen und Männern in der Literatur tatsächlich anders beschrieben? Dafür hat sie 2.000 Bücher, die zwischen den Jahren 1008 und 2020 publiziert wurden, analysiert. Die Bücher wurden nach ihrer kulturellen Relevanz ausgesucht, also Bücher, die auf der New-York-Times-Bestsellerliste standen, für Literaturpreise nominiert waren und Bücher, die in amerikanischen Highschools und Unis auf den Lehrplänen stehen. Die Werke wurden mithilfe eines Sprachprozessors auf folgende Merkmale hin überprüft: Wie oft werden bestimmte Körperteile erwähnt? Und wie (also mit welchen Adjektiven) werden diese Körperteile beschrieben?

Frauen in der Literatur sind mehr Lippe als Hirn und Männer sind vielschichtiger.

Dabei stellte sich heraus, dass es Körperteile gibt, die um ein Vielfaches häufiger erwähnt werden, wenn es um Frauen geht: Haare, Wangen und Augen(lider), wohingegen in der Beschreibung von Männern viel häufiger das Gehirn, ihr Grinsen und ihr Kiefer vorkommen. Auch werden bei Männern und das gilt sowohl bei den untersuchten Autorinnen wie Autoren mehr Körperteile beschrieben. Überspitzt formuliert: Frauen in der Literatur sind mehr Lippe als Hirn und Männer sind vielschichtiger.

Handgelenk und Nägel hier – Faust und Daumen da

In der Untersuchung wurde deutlich, dass die Beschreibung von Frauen sich eher auf wenige, dafür klar sexualisierte und mit Schwäche konnotierte Bereiche beschränkt, Männerkörper hingegen kraftvoller und komplexer erscheinen. Ganz konkret sieht man das etwa an dem Beispiel der menschlichen Hand: Dort werden laut Davis‘ Analyse bei Frauen öfter das Handgelenk, die Nägel und die Fingerspitzen erwähnt. Bei Männern sind es Faust, Handfläche, Handknöchel und Daumen.

Wer Körper beschreibt, beschreibt nicht nur Körper, sondern auch die mit Körpern in Verbindung stehende Macht, ihre Präsenz, ihre Verletzlichkeit, Bedrohlichkeit, Stärke, Schwäche und Schönheit.

Da kann man schnell merken: Mit Daumen kann man deutlich mehr anstellen als mit Fingerspitzen. Wer Körper beschreibt, beschreibt nicht nur Körper, sondern auch die mit Körpern in Verbindung stehende Macht, ihre Präsenz, ihre Verletzlichkeit, Bedrohlichkeit, Stärke, Schwäche und Schönheit. Wer „rote Lippen“ schreibt, beschreibt zwar „rote Lippen“. Aber eben auch zugleich etwas, dessen Bedeutung sich nicht (nur) individuell in unseren Köpfen formt, sondern etwas, was (auch) schon da ist: ein vorgefertigtes Bild. Denn die Idee, dass rote Lippen in jedem Fall zu einer Frau gehören, ist genau das. Ein Bild, das zwar sicherlich auch seine Entsprechung in der Realität hat (oder haben kann), aber eben auch ein Bild, das unsere Vorstellung davon, was sein kann, ziemlich einschränkt. Und wenn wir also kaum anders können, als bei „rote Lippen“ an eine Frau zu denken, haben wir das auch Goethe und Co. zu verdanken.

Literatur ist wirkmächtig

Literatur hat Einfluss auf die Art und Weise, wie wir die Welt sehen (und auf das, was wir übersehen), wie wir selbst die Welt beschreiben und was wir als typisch X und typisch Y wahrnehmen. Solche Kategorien mal ordentlich durchzulüften, sollten sich also ruhig auch literaturschaffende Menschen vornehmen.

Noch ein Beispiel, Davis gibt es selbst, zeigt die Beschreibung von Haaren: Bei Frauen tauchen 16-mal häufiger die Wörter „blond“ und „lose“ in der Beschreibung von Haaren auf, viermal häufiger sind es „golden“ und „weich“, wohingegen Männerhaare zweimal häufiger als „buschig“ beschrieben werden.

Buschig? Einer der bekanntesten Buschelköpfe der jüngeren Literatur ist Hermine Granger aus den Harry-Potter-Romanen. Ein Mädchen. Doch, dass buschige Haare nicht nur buschige Haare sind, und theoretisch auf jedem Kopf wachsen können, wird deutlich, wenn wir uns den Kontext anschauen.

Denn Hermines Haartracht ist kein Zufall, sie ist ein Charakteristikum. Die Haare beschreiben nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ein Stück weit ihren Charakter. Den Charakter eines Mädchens, das anders ist. Ohne viel sonst über sie erzählen zu müssen, kann eine Autorin die Haare als Vignette nutzen, um anzudeuten: Hier schwimmt eine gegen den Strom. Nicht nur verhält sie sich damit nicht geschlechtergerecht, sie wird auch als befremdlich gelesen. Deutlich wird das, wenn man in Band vier der Harry-Potter-Romane nachlesen kann, wie Hermine nach ihrer selbst gezauberten Haarglättung beschrieben wird: „Sie hat etwas mit ihren Haaren gemacht, sie sind nicht mehr buschig, sondern glatt und glänzend, und zu einem eleganten Knoten am Hinterkopf gedreht.“ Man könnte auch sagen: Jetzt ist sie ein Mädchen.

Genderstereotype als literarisches Standardrepertoire

Das hässliche Entlein, welches zum schönen Schwan mutiert, ist ein alter Topos in der Literatur, wir kennen ihn auch aus Musikvideos, Filmen und Serien  und dabei spielen gewisse körperliche Merkmale immer wieder eine ganz spezielle Rolle. Auch hier hat Davis einiges an Daten parat, sie analysierte nämlich auch, wie oft welche Adjektive bei der Beschreibung von Körperteilen vorkamen.

Noch einmal Goethes Margarete: ihre Lippen („Der Lippe rot“), ihre Wangen/ihr Gesicht („Der Wange Licht“) und ihr genereller Eindruck („ist dieses Kind schön“) sind dabei sozusagen literarisches Standardrepertoire. Laut Davis‘ Daten werden nämlich rote, volle Lippen dreimal öfter, ein helles Gesicht zweimal öfter und das Wort „schön“ viermal öfter bei der Beschreibung von Frauen als bei Männern verwendet.

Wie deutlich diese ganzen Stereotype zutage treten, ist für Literaturwissenschaftler*innen nichts Neues. Sandra Folie ist Komparatistin an der Uni Wien und beschäftigt sich mit zeitgenössischer Literatur von Frauen und genderorientierter Literaturtheorie. Davis‘ Daten hätte sie vermutlich blind tippen können, aber für eine Literaturwissenschaftlerin sind sie eben auch ein wenig zu pauschal: Welche Genres wurden untersucht? Wie genau teilen sich die Ergebnisse zwischen Autoren und Autorinnen auf? Und natürlich eine wichtige Einschränkung: Nur weil etwas auftaucht, lässt es sich noch nicht unzweideutig deuten. Denn selbst wenn in einem Roman eine Frau immer mit „losen Haaren“ beschrieben wird, sagt das noch nichts darüber aus, ob es nicht vielleicht satirisch gelesen werden kann, subversiv oder komisch gemeint ist.

Genderstereotype haben eine lange Geschichte

Die Besonderheiten sind natürlich trotzdem eine relevante Kategorie, da die Stereotype widerspiegeln, wie sich Geschlechterrollen im christlichen Europa über Jahrhunderte entwickelt haben – und eben bis heute literarisches Repertoire sind und Einfluss auf unsere Vorstellungswelten haben. Einen Lichtblick gibt es dennoch: Denn obgleich die Analyse zeigt, dass diese Stereotype bis in die Gegenwart hinein wirken, lässt sich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive hoffnungsfroh sagen, dass diese Beschreibungen schon seit einiger Zeit andere Nuancen bekommen. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ab dem späten 18. Jahrhundert immer mehr Frauen als Autorinnen wirken: „Am Anfang mag da viel Imitation eine Rolle gespielt haben, weil den Autorinnen weibliche Vorbilder fehlten, aber gerade sehr progressive Autorinnen haben auch da schon angefangen, eine andere Sichtweise zu entwickeln,“ erklärt Folie.

Als Beispiel nennt Folie die Britin Mary Shelley, die in Frankenstein ein männliches Monster geschaffen hat, welches neben den eher schaurigen auch einige „schöne“ Eigenschaften aufweist: „Wohl waren die Gliedmaßen in der rechten Proportion und auch die Züge hatte ich dem Kanon der Schönheit nachgebildet … Das Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß wie die Perlen.“ In dieser Passage wird schnell deutlich, wie wenig eindeutig die Beschreibung ist, wie Shelley hier also recht eindeutig Zweideutigkeiten streut.

Wenn das mehr Autor*innen machen und es zum Beispiel auch Eingang in die Covergestaltung von Büchern findet, dann wird das natürlich auch etwas mit unserer Sichtweise auf Frauen- und Männerkörper machen.

Folie sieht aber auch in der Gegenwartsliteratur einige Beispiele für, nennen wir es mal neuartiges Körperbeschreiben: „Zumindest was den Mainstream anbelangt, war Charlotte Roches Feuchtgebiete sicherlich ein Schockmoment, es war sehr populär und hat auch den Umgang mit Ekel ein Stück weit in den Mainstream geholt und zugleich die sonst krasse Übertreibung des Schönen und Regulierten, all diese Normen, aufzubrechen versucht.“

Aber sie sieht noch andere vor allem Autorinnen , deren Körperbeschreibungen mit großer Selbstverständlichkeit Stereotype negieren, und wo die Figuren selbst ein neutraleres Verhältnis zu Körpern bekommen wie zum Beispiel bei Bernardine Evaristo, Roxane Gay, Lena Dunham, Maria Sveland oder Virginie Despentes. „Wenn das mehr Autor*innen machen und es zum Beispiel auch Eingang in die Covergestaltung von Büchern findet, dann wird das natürlich auch etwas mit unserer Sichtweise auf Frauen- und Männerkörper machen,“ meint Folie.

Es ändert sich also was. Darüber hinaus weisen die anhaltenden einseitigen und stereotypen Beschreibungen auch auf ein Problem hin, mit dem sich jeder (literarisch) schreibende Mensch auseinandersetzen muss: Wie Wörter finden, die nicht schon randvoll mit Klischees und Plattitüden sind? Wie überhaupt Wörter finden, für etwas, das es hallo, Literatur ja gar nicht gibt? Und wie Wörter finden für etwas, das sich trotz aller Wörter eigentlich nicht beschreiben lässt? Wie ausgedachte Körper, wie die unendliche Liebe. Schriftsteller*innen reflektieren immer wieder über dieses Problem. Oder lassen es ihre Figuren tun. Wie die britische Autorin Virginia Woolf ihre (auch sehr uneindeutige) Figur Orlando aus dem gleichnamigen Roman: „Und sobald er es unternahm, irgendeinen Gegenstand in seinem Hirn vom Platze zu rücken, entdeckte er, daß er über und über mit anderem Stoff bedeckt und verwachsen war, wie eine Glasscherbe, die ein Jahr lang auf dem Meeresgrunde gelegen hat, verwachsen ist mit Gräten und Knochen und Wasserjungfern und Geldstücken und den Haaren ertrunkener Frauen.“

Wörter sind verwachsen mit alten Bildern, auch Bildern von Geschlecht, Schönheit, Stärke aber auch über alte Wörter lässt sich irgendwann drüüberschreiben.