So wehren sich Fahrradkurier*innen gegen Ausbeutung

Die Arbeitsbedingungen bei den Lieferdiensten Foodora und Deliveroo sind eine Katastrophe. Doch die Fahrer*innen in den deutschen Städten wehren sich – mit kleinen Erfolgen.

Eine Kundgebung vor dem Arbeitsgericht © Dennis Pesch

Einen Tag vor Heiligabend war Sarah Jochmann psychisch am Ende. Für Deliveroo fuhr sie in Köln das Essen durch Sonne, Regen, Schnee und Hagel. Eine Winterjacke stellte ihr das Unternehmen nicht. Sie trug ihre eigene unter der völlig durchgeweichten Regenjacke von Deliveroo.

Als es zum Nervenzusammenbruch kam, wartete sie schon zwei Monate auf ihren Lohn. „Ich musste vom Trinkgeld leben“, sagt sie. Die Angst, die Miete nicht mehr zahlen zu können und auf der Straße zu enden, gaben ihr den Rest. Sie saß mit ihrem Fahrrad in der Straßenbahn, als ihr die Tränen kamen.

Zeitdruck, Stress, neue Schläuche auf eigene Kosten

Heute arbeitet Sarah nicht mehr für Deliveroo. Das letzte Mal hat sie am 24. April ausgeliefert. Da lief ihr Arbeitsvertrag aus, der sachgrundlos befristet war. Dabei hatte sie an dem Job eigentlich großen Spaß. Dass sie nicht mehr für Deliveroo fährt, hat sie sich nicht ausgesucht. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt sie. Das hat vor allem mit dem Fahrrad fahren zu tun. Wie wichtig ihr der Sport ist, verdeutlicht das Tattoo, dass sie auf ihrem linken Handgelenk trägt: Es zeigt ihr Fahrrad. Bei aller Freude gab es jedoch auch viele Probleme.

Sarah © Dennis Pesch

Zu Schaffen machte ihr beispielsweise der große Zeitdruck. „Man hat nur 20 Minuten Zeit, eine Lieferung zu machen“, sagt Sarah. In den Restaurants wartete sie lange auf das Essen, bis sie anschließend zu den Kund*innen durch den dichten Kölner Stadtverkehr rasen konnte. Sie brauchte im Schnitt 23 Minuten für eine Lieferung. „Der Stress war so groß, dass ich gegen Verkehrsregeln verstoßen und mich damit in Gefahr gebracht habe“, erzählt sie.

Wenn sie an ihrem Rad mal einen Schlauch tauschen musste oder das Smartphone endgültig das zeitliche segnete, zahlte sie selbst dafür. Handyakkus, Datenvolumen, Fahrradteile und Kleidung, das meiste müssen Deliveroo-Kurier*innen aus eigener Tasche finanzieren. Pro Stunde verdienen die angestellten Fahrer*innen neun Euro bei Deliveroo. Bei ständig laufenden Kosten, bleibt davon am Ende kaum etwas übrig. „So heben die Unternehmen den Mindestlohn aus“, sagt Sarah. Sie begann sich mit anderen Kurier*innen auszutauschen, am Restaurant, dem Loginpoint, aber meistens über Whatsapp. Wo Sarah sich von Deliveroo allein gelassen fühlte, fand sie Rückhalt bei ihren Kolleg*innen.

Die Angst fährt die ganze Zeit mit.“ – Moses, Foodora-Kurier

Etwas besser geht es Moses, der bei Foodora arbeitet. Das ist nicht sein richtiger Name. Er steckt in der Probezeit. Weil Foodora ihn deshalb ohne einen Grund zu nennen kündigen kann, will er anonym bleiben. Dass diese Angst nicht von ungefähr kommt, zeigt eine Aussage von Foodora gegenüber ze.tt: „Generell steht es jedem Mitarbeiter frei, sich in der Presse oder Öffentlickeit zu äußern, sofern dies sachlich einwandfrei und korrekt erfolgt.“

Den Job findet er super. „Das ist mein Ding. Wären die Arbeitsbedingungen etwas besser, würde es anderen sicher auch so viel Spaß machen“, sagt er. Die Flexibilität hat es ihm angetan. Es fühlt sich frei an, dass die Chef*innen weit weg von ihm sind. Dennoch gefällt Moses nicht alles. Meistens fährt er neben den Autos auf der Straße, ist dabei mit 30 Sachen unterwegs. An ein paar Stellen kommt er öfter vorbei. Manchmal muss er dann mittig auf der Straße fahren, weil zwischen Straßenbahnschiene und parkenden Autos kaum Platz ist.

Die Reaktionen der Autofahrer*innen machen ihn fassungslos. „Da rasten viele aus, hier eine Lichthupe, da ein aufheulender Motto. Die bremsen mich aus oder schneiden mich sogar“, erzählt Moses. „Die Angst fährt die ganze Zeit mit“, sagt er. Er wünscht sich deshalb mehr Rücksicht im Verkehr, die Straße ist schließlich sein Arbeitsplatz.

Manchmal kommen mehr Lieferungen rein, als Essen in den Rucksack passt

Bei Foodora bekommt Moses, im Gegensatz zu den Fahrer*innen bei Deliveroo, beispielsweise die Oberkleidung für jede Jahreszeit gestellt, doch seine laufenden Kosten fängt das trotzdem nicht auf. In vier Monaten gingen ihm zwei Hosen kaputt. Als er dort anfing, kaufte er erst mal neue Teile für sein Fahrrad: Reifen für 60 Euro und Bremsbelege für 16 Euro. Mittlerweile zahlt Foodora 25 Cent Verschleißkosten pro gefahrener Stunde. Die sind allerdings auf 42 Euro pro Monat gedeckelt und können nur bei einem extra für Foodora eingerichteten Onlineshop des Unternehmens LifeCycle genutzt werden.

[Außerdem auf ze.tt: Es ist gar nicht schwer, aus Resten was zu kochen]

Foodora verspricht außerdem: „Schäden, die auf den Arbeitsablauf bei foodora zurückzuführen sind, werden nach Nachweis von uns erstattet oder die Reparatur bezahlt.“ Einen solchen Nachweis zu erbringen, ist jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden, wenn es sich nicht gerade um einen von einer Behörde dokumentierten Unfall handelt.

Moses steht unter Zeitdruck. Ist die Auftragslage dicht, kommen schon mal mehr Lieferungen rein, als Essen in den Rucksack passen. Und eigentlich müssen kalte und warme Speisen voneinander getrennt werden. So braucht er manchmal 45 Minuten, bis er auch das letzte Essen ausgeliefert hat. Das muss er dann vor den Kund*innen rechtfertigen, für ihn kein schönes Gefühl.

Nachdem Betriebsräte eingesetzt wurden, änderte sich vieles – nicht zum Guten

Als Sarah bei Deliveroo anfing, war eine wichtige Entscheidung bei den angestellten Kurier*innen schon gefallen. Sie wollten einen Betriebsrat gründen. Ihre Kolleg*innen von Foodora hatten den bereits im Sommer 2017 eingesetzt. „Wir hatten wirklich große Hoffnungen, dass wir dadurch etwas verändern können“, sagt Sarah.

Im Februar wurde der Betriebsrat eingesetzt, doch da war schon klar: Deliveroo hat darauf anscheinend keine Lust, trotz gegenteiliger Aussagen: „Wir haben unsere Fahrer bei der Gründung eines Betriebsrats unterstützt und werden weiterhin eng mit den Vertretern dieses Gremiums zusammenarbeiten“, hieß es beim Portal Ngin-Food. Eine Anfrage von ze.tt bleibt von Deliveroo unbeantwortet. Davon haben weder Sarah noch der Betriebsrat etwas gespürt, sagt sie. Im Gegenteil. Wirklich unterstützt wurden die Kurier*innen von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sarah und ihre ehemaligen Kolleg*innen sind dort engagierte Mitglieder.

Laura von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) © Dennis Pesch

NGG-Gewerkschaftssekretärin Laura Schimmel begleitet Sarah und den Arbeitskampf der Fahrer*innen seit dem vergangenen Jahr. Einen klassischen Betrieb, in dem sie sich sehen und zusammen arbeiten wie bei Köch*innen in einem Restaurant, gibt es nicht. „Der Betrieb ist im Prinzip ganz Köln“, sagt Laura. Das hat auch ihre Arbeit verändert. „Wir müssen Orte schaffen, wo wir Solidarität herstellen. Das haben wir durch Flashmobs, Kuriermeetings und Grillen gemacht, wo wir uns dann austauschen und treffen“, sagt sie. Bei Foodora gibt es Checkpoints, wo die Kurier*innen ihre Schicht beginnen.

Deliveroo allerdings veränderte nach der Initiative zur Betriebsratsgründung alles. Checkpoints gab es keine mehr. Von den im November 120 angestellten Fahrer*innen ist heute niemand mehr übrig. Das Unternehmen ließ alle Verträge auslaufen und stieg komplett auf selbstständige Kurier*innen um. Der Betriebsrat mit dem Deliveroo behauptete zusammen arbeiten zu wollen, existiert nicht mehr. Laura kritisiert das. „Der Betriebsrat als Möglichkeit die eigenen Arbeitsbedingungen zu regeln, ist komplett eliminiert worden.“

Die Kurier*innen scheuen den Konflikt nicht

Weil sich das bereits zu Beginn der Betriebsratsinitiative abzeichnete, gründeten Sarah und zwei Mitglieder des Deliveroo-Betriebsrates eine Facebookseite: Liefern am Limit. Sie posten diverse Probleme aus dem Arbeitsalltag der Branche. Dutzende Fahrer*innen meldeten sich bei ihnen mit Beschwerden über Foodora und Deliveroo. Sarah und ihre Mitstreiter anonymisieren sie, verpacken die Informationen in Share-Pics, aber warnen ihre Kolleg*innen dort beispielsweise auch vor anstehenden Unwettern.

Zur Zielgruppe der Seite gehören die selbstständigen Fahrer*innen bei Deliveroo, sogenannte Freelancer*innen. Foodora sagt, dass sie noch mit vier Freelancer*innen deutschlandweit zusammen arbeiten und seit Anfang 2015 nur sozialversicherungspflichtig einstellen. Die Selbstständigen sind für Liefern am Limit besonders schwer zu erreichen. Viele Freelancer*innen kommen aus dem Ausland. Es können Geflüchtete aus Syrien, aber auch Studierende aus beispielsweise Südamerika sein.

Sarahs Regenjacke © Dennis Pesch

„Die Einstiegsbarriere ist sehr klein“, sagt Sarah. Darüber freut sie sich, da die meisten Migrant*innen sonst kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Sprachliche Barrieren erschweren es ihnen jedoch an die Freelancer*innen heranzukommen, vor allem wenn ihre Kolleg*innen kein Englisch sprechen. Dabei ist ihre Situation umso prekärer. Laura sagt, die selbstständigen Kurier*innen haben viele versteckte Kosten. „Wer krank ist, verdient auch kein Geld“, erklärt sie. Gleiches gilt, wenn das Fahrrad einen Platten hat, der Handyakku leer ist oder die Fahrer*innen in einen Unfall verwickelt sind.

Freelancer*innen verdienen fünf Euro pro ausgeliefertem Auftrag. Sie könnten so bis zu 20 Euro pro Stunde verdienen, sagt Deliveroo. Theoretisch stimmt das. Dazu müssen sie im Durchschnitt alle 15 Minuten einmal ausliefern. Aber was ist, wenn es keinen Auftrag gibt, das Wetter schlecht ist, die Wege lang sind oder das Datenvolumen aufgebraucht ist? 20 Euro pro Stunde wirken so wie eine nicht zu erreichende Utopie.

Es gibt schon erste Erfolge

Es sind solche Anreize, die Laura große Sorgen machen, denn die Gesundheit der Freelancer*innen ist gefährdet. „Wir wissen, dass es häufig Unfälle in dem Beruf gibt. Du bist sechs Stunden draußen unterwegs. Dass da was passiert, ist logisch“, sagt sie. Der Zeitdruck in Zusammenspiel mit dem niedrigen Lohn erhöhen die Unfallgefahr. Freelancer*innen müssen ihre Unfallversicherung selbst abschließen, wenn sie es denn überhaupt tun. Wer nicht versichert ist, muss den Schaden selbst bezahlen, was im schlimmsten Fall Menschenleben sein können.

[Außerdem auf ze.tt: Dieser Roboter soll dir bald Essen liefern]

Gerade bei den Selbstständigen aus dem Ausland, vermutet Laura dass sie ihre Rechte nicht unbedingt kennen. Sarah und Laura wollen die Freelancer*innen genau deshalb aufklären und zusammenbringen. „Sie sollen nicht in die Situation kommen, dass sie vor dem existenziellen Aus stehen“, sagt Sarah. Dabei sind die Existenzfragen längst auch ein politischer Konflikt.

Moses, Sarah und Laura fordern höhere Löhne, eine Kilometerpauschale ohne Deckelung und dass Foodora und Deliveroo die gesamte Kleidung stellen, die sie brauchen. Erhöhungen des Lohns knüpft Foodora derzeit noch an Bedingungen. Fahrer*innen, die ihre Kolleg*innen koordinieren, sogenannte Rider Captains, erhalten zehn Euro pro Stunde; Senior Rider Captains, die Bürotätigkeiten und Schulungen übernehmen, elf Euro.

Wenn wir nichts fordern, wird sich auch nichts ändern.“ – Moses, Foodora-Kurier

Einige Erfolge haben sie bereits gefeiert. Der Verschleißbonus bei Foodora kam erst, als die Medien darüber berichteten, wie Deliveroo mit dem Betriebsrat und den Kurier*innen umgeht. Das langfristige Ziel von Liefern am Limit und der NGG ist ein Tarifvertrag für die Branche inklusive Abschaffung der sachgrundlosen Befristung. „Wir sind keine Eintagsfliege“, sagt Sarah. Laura sieht in der Gründung von Betriebsräten in Köln und Hamburg erste Achtungserfolge. Was sie besonders freut, ist, dass die gewerkschaftlich organisierten Fahrer*innen den Konflikt nicht scheuen und sich Gehör verschafft haben. Beim DGB Bundeskongress etwa kündigte der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) an, die Kurier*innen unterstützen zu wollen. „Es ist unglaublich beeindruckend, wo die Kolleg*innen vor einem halben Jahr waren und wo sie jetzt sind“, resümiert Laura die Entwicklung. Auch sie lernt von den neuen, selbstbewussten Mitgliedern, die eine mutige und kreative Gewerkschaftsarbeit machen, sagt sie.

Sarah kann da nur beipflichten. „Umso größer die Masse ist, umso besser funktioniert das. Wenn nur ein Einzelner da ist, der kämpft, dann kann auch der schnell die Kraft wieder verlieren.“ Dass es trotzdem noch ein langer Weg zu einem Tarifvertrag und der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung ist, wissen sie. Moses ärgert sich darüber. „Der Prozess ist zäh wie ein Kaugummi“, sagt er, obwohl doch eigentlich nur eine Unterschrift von den Unternehmen nötig wäre. Aber: „Wenn wir nichts fordern, wird sich auch nichts ändern.“