So wunderbar friedlich ist die Stimmung bei der Frauenfußball-WM in Frankreich

Unsere Autorin geht meistens zum Männerfußball. Bei der Frauenfußball-WM in Frankreich merkt sie, wie viel angenehmer die Atmosphäre im Stadion sein kann. Ein Erfahrungsbericht

Schon auf dem Weg zum Stadion merke ich, dass etwas anders ist. In Dortmund, wo ich sonst Spiele des BVB schaue, gehen die Menschen schnelleren Schrittes. Viele tragen ein Bier in der Hand, sind alkoholisiert, grölen. Die Polizei trennt heimische und gegnerische Fangruppen voneinander, aus Sicherheitsgründen. Die Stimmung ist immer ein bisschen angespannt.

Als ich in Nizza zum Stadion laufe, zu einem Spiel des Gastgeberlandes der Frauenfußball-WM 2019, schlendern die Leute. Manche liegen sich in den Armen. Man sieht nicht wenige, die Flaggen beider Länder tragen: Frankreich und Norwegen. Getreu dem Motto: Möge das bessere Team gewinnen.

Ich möchte behaupten, ich kenne Fußball. In Deutschland gehe ich meist zum Männerfußball, weil es sich anbietet. Ich feierte die WM 2006 im eigenen Land und den Sieg 2014. Doch erst jetzt, als ich zum ersten Mal live bei einer Frauen-WM dabei bin, merke ich, wie unterschiedlich dieser Sport zelebriert werden kann. Und wie viel friedlicher es bei den Spielen zugeht.

„Beim Männerfußball bin ich in Alarmbereitschaft“

Ich schaue mir die Gruppen von Menschen genauer an, die vor dem Stadion stehen und auf den Einlass warten. Ich sehe viele Familien, Kinder und ältere Frauen, aber auch junge Männer in größeren Gruppen. Niemand grölt, niemand scheint betrunken zu sein. Mir wird etwas bewusst, das ich vorher noch nie so bemerkt habe: Beim Männerfußball bin ich in Alarmbereitschaft. Ich habe keine Angst, aber ich bin stets auf der Hut. Erwarte Auseinandersetzungen, kritische Situationen, eine Anmache oder einen dummen Kommentar. Das versaut mir nicht den Spaß am Spiel, aber es spannt mich an – ein Gefühl, das ich erst bemerke, als es sich in Frankreich nicht einstellt.

Bei meinem ersten Spiel ist das Stadion fast voll. Etwa 35.000 Zuschauer*innen sind gekommen, die meisten unterstützen natürlich die Französinnen mit Gesängen wie „Allez les bleues“ und dem Singen der Marseillaise, der Nationalhymne. Es wird geklatscht, gepfiffen, die Fans springen von ihren Sitzen auf und jubeln bei Toren ihrer Mannschaft. Mehrere La Olas rollen durch das Stadion, getragen von allen Zuschauer*innen.

Bei meinem zweiten Spiel, Kamerun gegen Neuseeland, sind nur etwa 8.000 Fans gekommen. Die Stimmung ist trotzdem gut. Vor dem Stadion spielt eine Brassband, bevor die Menschen das Stadion betreten, tanzen sie eine Runde. Eine Gruppe Kindergartenkinder betritt das Stadion. Auch sie feiern, als ein Tor fällt. Egal für welches Team. Vor mir sitzt eine junge Muslima, die Kamerun-Fan zu sein scheint. Als eine Kamerun-Spielerin eine gelbe Karte bekommt, klatscht sie anerkennend. Ihr Begleiter dreht sich fragend zu ihr um. Sie zuckt die Achseln und entgegnet: „Das war wirklich ein Foul.“

Selfies und Aufmunterungen

Die Kamerun-Fans sind in der Mehrzahl, klar, schließlich war es mal eine französische Kolonie und viele Kameruner*innen leben in Frankreich. Als ihre Mannschaft in der Nachspielzeit das 2:1 schießt und das Spiel gewinnt, brechen die Fans in großen Jubel aus. Im Stadion und auf dem Heimweg wird der Sieg gefeiert, als wäre der WM-Titel gewonnen worden. Ein paar frustrierte Neuseeland-Fans schleichen nebenher zur Straßenbahn. Als die Kameruner*innen sie sehen, gehen sie zu ihnen hinüber, muntern sie auf und machen ein Selfie mit ihnen.

Ich frage einen der Ordner nach der Bilanz des Spieltages. Wie groß das Gewaltproblem sei, wie er mit randalierenden Fans umgehe, mit alkoholisierten Hooligans und Schlägereien? Als der Mann in der orangenfarbenen Weste sicher ist, richtig verstanden zu haben, lacht er und antwortet auf Französisch: „Nein, damit gibt es keine Probleme, Mademoiselle.“

Auf dem Rückweg frage ich mich, was denn nun anders ist bei dieser WM. Abgesehen von dem Offensichtlichen – es stehen Frauen auf dem Platz, es sind weniger Zuschauer*innen da – ist es eine besondere Atmosphäre des Miteinander. Der Fokus der Zuschauer*innen liegt auf der gemeinsamen Leidenschaft Fußball. Die eigene Mannschaft wird angefeuert, zugleich werden die Gegner*innen respektiert. Auf der Suche nach einer Bestätigung für meine persönlichen Eindrücke komme ich mit ein paar Fans ins Gespräch. Als ich eine ältere Dame frage, warum sie heute gekommen ist, antwortet sie: „Ich mag Fußball, aber zu den Männern traue ich mich einfach nicht.“

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