Soll ich heiraten – oder lieber nicht?

Warum heiraten junge Menschen eigentlich heutzutage? Und warum nicht? Wir haben mit Verheirateten und Nicht-Verheirateten über ihre Beweggründe gesprochen.

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Für immer zusammen? Foto: Laura Garcia/ Pexels CC0

Eigentlich doch ganz einfach, oder? Auf die Frage aller Fragen sollte es doch nur klare Antworten geben. „Willst du mich heiraten?“ – „Ja“ oder „Nein“. Ein „Vielleicht“ steht da quer. Doch ein „Vielleicht“ oder vielmehr ein „Im Prinzip schon, aber …“ ist trotzdem eine Antwort, die viele junge Menschen geben, wenn man sie auf die Ehe anspricht.

Vor nicht allzu langer Zeit war die Ehe die Norm, wenn es um heterosexuelle Beziehungen ging. In wilder Ehe, also unverheiratet zu leben,

war gesellschaftlich geächtet, gehörte sich nicht. Wer eine Partner*in hatte, heiratete also über kurz oder lang. Im Jahr 1950 gab es elf neue Ehen pro 1.000 Einwohner*innen, im Jahr 2017 nur noch knapp fünf.

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Heiraten: Irgendwas zwischen Traum und 🤦🏻‍♀️

Doch die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur die Scheidungsquoten – statistisch gesehen wird mehr als jede dritte Ehe geschieden – offenbaren sehr deutlich, dass der Wunsch nach lebenslanger Zweiergemeinschaft oft genug am Alltag zerschellt. Parallel dazu haben auch andere Beziehungsformen zugenommen und die Ehe ein Stück weit verdrängt: Gut zwölf Prozent der Paare lebt ohne Trauschein zusammen (zum Vergleich: 1985 waren es nur fünf Prozent) und zunehmend mehr Menschen leben auch über große Strecken ganz ohne exklusive Beziehung.

Dass liegt nicht nur daran, dass der gesellschaftliche Druck nachgelassen und die Ehe als Versorgungsmodell weitestgehend ausgedient hat. Für viele ist allein eine Hochzeitsfeier als solche schon ein eher abschreckender Gedanke. Denn die meisten Traditionen, die eine Hochzeit klassischerweise begleiten, sind durch und durch patriarchal.

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Auf die Knie! Foto: Jen Theodore / Unsplash | CC0

Sie basieren auf längst überholten Rollenbildern. Der Vater, der die mit einem Schleier in einem weißen Kleid angezogene Braut zum Altar geleitet und ihre Hand an den Bräutigam übergibt, ist nur eines der augenfälligsten Beispiele. Auch die Vorstellung, der Mann habe den Antrag zu machen habe, spricht noch aus einer Zeit, in der Frauen qua Heirat in die Obhut eines anderen Mannes übernommen wurden, dort im Gegenzug häusliche Pflichten und Kindererziehung zu leisten hatten und als Zeichen der Zugehörigkeit auch den Namen des Mannes bei der Eheschließung annahmen. Historisch gesehen sind diese Aspekte übrigens noch nicht wirklich lange überholt: Erst seit 1994 ist es für Eheleute möglich, den jeweils eigenen Namen zu behalten. Doch nur jede fünfte Frau macht davon Gebrauch.

Auf der anderen Seite erfreuen sich selbst diese so altbacken wirkenden Traditionen ziemlich stabiler Beliebtheit. Mehr als die Hälfte der (heterosexuellen) Befragten gab im Rahmen einer Statista-Umfrage an, sich den Heiratsantrag durch den Mann zu wünschen. Ein Drittel der Befragten sagte sogar, dass zuvor um Erlaubnis des Vaters der Braut gebeten werden solle. Laut der Hochzeitsplanerin Daniela Jost werden für eine Hochzeit bei professioneller Planung durchschnittlich 13.000 Euro ausgegeben, allein 1.000 Euro sind es im Schnitt für das Brautkleid. Die Feier um die romantische Beziehung – sie gibt nicht nur Auskunft über den Zustand der Progressivität in einem Land (jede 14. neu geschlossene Ehe ist mittlerweile gleichgeschlechtlich) – sondern auch über die Haltbarkeit von normativen Geschlechterrollen.

Wir wollten daher wissen: Was verbirgt sich hinter solchen Zahlen? Was bewegt junge Menschen, den Schritt zu gehen oder warum lehnen sie ihn ab?

Auf kaum eine andere Frage haben wir auf der anonymen Umfrageplattform tellonym so viele Antworten bekommen. Wir haben eure anonymen Antworten ausgewertet, aber auch mit jungen Menschen persönlich gesprochen. Und dabei festgestellt, dass sich die durchschnittliche Einstellung gegenüber der Ehe irgendwo in einem Spektrum zwischen Ablehnung, Romantik und Pragmatismus einpendelt.

Ich bin halt echt nicht romantisch.

Laura, seit zwei Jahren mit einem Mann verheiratet

Laura* zum Beispiel würde sich auch selbst der Pragmatismus-Fraktion zuordnen. Im Gespräch entschuldigt sie sich mehrfach für ihren nüchternen Blick auf die Ehe und betont, wie wenig sie mit klassischen Rollenbildern anfangen kann. Mit einer festen Beziehung allerdings schon. Laura und ihr Mann sind seit zwei Jahren verheiratet, seit mittlerweile 14 Jahren ein Paar. „Wegen einem Krankheitsfall in der Familie hatten wir darüber gesprochen, was denn passieren würde, wenn einer von uns krank wird. Und wir wollten beide, dass wir dann der*die allererste Ansprechpartner*in für das Krankenhaus sind. Und klar, dass kann man auch über eine Patient*innenverfügung regeln, aber eine Ehe erschien uns beiden unkomplizierter. Wir wollten einfach nur rechtlich nachholen, was für unsere Beziehung eh schon klar war. Auch in anderen Bereichen.“

Mit der Ehe ändern sich eben auch rechtlich und finanziell einige Angelegenheiten. Wer verheiratet ist, genießt dank Ehegattensplitting und Besonderheiten bei der Erbschaftssteuer zum Teil deutliche finanzielle Vorteile. Aber auch gemeinsame Versicherungen können Ehepaare finanziell erleichtern, wie auch Begünstigungen bei der privaten Altersvorsorge. Außerdem haben Ehepartner*innen ein gesetzliches Erbrecht und einen Hinterbliebenenschutz (auch Witwen- und Witwerrente genannt). Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es, dass Eheleute einander unterhaltspflichtig sind – also sich finanziell oder durch ihre Arbeit gegenseitig unterstützen müssen. Für während einer Ehe geborene Kinder gilt zudem, dass der Ehemann automatisch als Vater anerkannt wird. Ganz egal, ob er der biologische Vater ist oder nicht.

Wenn man ein Kind zusammen kriegt, will man halt nicht extra den Vater als Vater anerkennen lassen.

Laura

Auch Laura hat einige Freundinnen, die wegen diesem letzten Punkt geheiratet haben. „Wenn man ein Kind zusammen kriegt, will man halt nicht extra den Vater als Vater anerkennen lassen. Dann lieber schnell heiraten, denken sich viele.“

Laura selbst hat zwar nicht schnell, dafür aber im kleinen Kreis geheiratet. Im Standesamt waren nur ihre beiden besten Freund*innen dabei, anschließend sind sie zu viert essen gegangen. „Es war ein echt schöner Tag, aber total unaufgeregt. Ich kriege allein beim Gedanken an Hussen und Sektempfang zu viel! Ich will keinen Sektempfang! Und wenn mein Mann einen Junggesellenabschied gewollt hätte, hätte ich doch noch ‚Nein‘ gesagt. Als würde mit der Ehe seine Freiheit aufhören, und er müsste nochmal richtig was mit ‚den Männern‘ saufen gehen – was für ein kompletter Blödsinn“, Laura schüttelt sich, wenn sie an Standardhochzeiten, wie sie es nennt, denkt.

Ich kriege allein beim Gedanken an Hussen und Sektempfang zu viel!

Laura

Ob sich denn in ihrer Beziehung etwas verändert hat, will ich wissen? „Nein, das hatte ich aber auch nicht erwartet“, sagt sie. „Ich trage keinen Ring, ich habe meinen Namen behalten und mir fällt es jetzt nach zwei Jahren noch manchmal schwer, wenn ich als ‚Ehefrau‚ vorgestellt werde. Für mich ist das irgendwie Ausdruck von Besitztum und alten Rollen, die ich ganz schrecklich finde. Unsere Beziehung war vorher sehr innig und sie ist es jetzt ganz genauso.“

Weil man das halt so macht.

Leonie, nennt sich selbst romantisch

Leonie hat ganz andere Vorstellungen vom Heiraten. Sie ist das Kontrastprogramm zu Lauras nüchternen Pragmatismus. In ihrem Freundinnenkreis erklärt sie, sei eine Hochzeit auch einfach ein Statussymbol. Der Antrag, der Junggesellinnenabschied, die eigentliche Hochzeit, die Flitterwochen. Alles sei irgendwie schon auch sehr wichtig für die Selbstdarstellung: „Vorletztes Jahr haben gleich zwei Freundinnen einen Heiratsantrag bekommen, da wurde richtig geguckt, wer die größere Feier macht,“ erklärt sie leicht entnervt und führt aus, wieviel Zeit und Geld und Kreativität von ihrem Freundinnenkreis in die Vorbereitung des ganzen Spektakels fließen. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Es ist viel. Sehr viel.

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Ein Kleid für den schönsten Tag des Lebens?! Foto: Charisse Kenion / Unsplash | CC0

Ob sie selbst auch heiraten möchte? „Ja, schon“, erklärt sie, „weil man das halt so macht. Eine bessere Erklärung habe ich auch nicht. Also natürlich bis auf die Liebe.“

Auch Leonie gehört zu den Frauen, die sich wünschen, dass der Partner vorher beim Vater um die Hand anhält: „Ich fände es einfach schön“. Niklas und Lotte wiederum verschlägt es, gelinde gesagt, etwas den Atem, als ich sie auf die Um-die-Hand-anhalten-Tradition anspreche. Beide halten sie für völlig überholt und auch sexistisch: „Das geht den Vater ja mal gar nichts an“, meint Niklas. Lotte schüttelt mit dem Kopf und sagt nur: „Ich habe mit Hochzeiten wirklich in meinem ganzen Bekanntenkreis so gar nichts zu tun, das spielt in meinem Leben keine Rolle. Zum Glück!“

Niklas ging es bis vor einem Jahr ganz ähnlich, dann hat er seine Freundin geheiratet. Sie brauchte ein Visum für Deutschland, ein ganz pragmatischer Grund. „Meine Familie und auch einige Bekannte haben dann total Alarm geschlagen: ‚Wie kannst du das so leichtfertig machen, weißt du nicht, dass das für immer ist?!‘ Das hat mich schon überrascht, wie engstirnig viele das sehen. Meine Frau und ich hatten vorher eine offene Beziehung, seit der Hochzeit sind wir uns allerdings echt näher gekommen und ich hatte gar nicht mehr den Wunsch, mit jemand anderem etwas zu haben. Aber das engt mich gerade gar nicht ein, ich find’s einfach nur spannend“, führt er aus.

Schaut her, wir haben es geschafft!

Thomas, Hochzeitskritiker

Thomas ist ebenfalls eher hochzeitskritisch eingestellt. Für ihn sind es hauptsächlich die Hochzeiten selber, die eine abschreckende Wirkung durch ihre oft deutlich zelebrierte Heteronormativität und die überkandidelte Beweihräucherung von Liebe darstellen. „Schaut her, wir haben es geschafft! Und dann das ganze Brimborium aus weißem Kleid, Schleier, der Vater führt die Braut zum Altar, der Mann darf das Kleid vorher nicht sehen….“, Thomas rollt mit den Augen, „also ich finde Hochzeiten wirklich aus vielen Gründen schlimm, aber wenn mir und meinem Partner durch eine Hochzeit Dinge ermöglicht werden, die wir sonst nicht hätten, würde ich auf jeden Fall gerne heiraten.“

Johann pflichtet ihm bei: „Auch wenn ich die Institution Ehe für überholt halte, würde ich gerne heiraten. Für mich würde das – auch wenn ich weiß, dass es eigentlich Quatsch ist – noch mehr Sicherheit bedeuten. Und außerdem finde ich die Idee schön, dann eine Familie zu sein. Ich weiß, dass das für viele konservativ klingt, aber jemandem durch ein Eheversprechen zu zeigen ‚Ich will für dich sorgen und ich will, dass du Teil meiner Familie wirst‘, finde ich trotzdem sehr romantisch.“

Ich glaube nicht, dass man eine Person an sich binden kann.

Mia, Ehe-Ablehnerin

Mia hingegen lehnt die Ehe ganz ab: „Ich glaube nicht, dass man eine Person an sich binden kann. Wieviele Ehen sind schließlich schon geschieden. Meine Eltern sind getrennt und ich habe mitbekommen, was das mit einer Familie machen kann. Ich glaube, wenn man zusammenbleiben will, macht man es auch so. Eine Ehe kann dann nur das Unglück verlängern und ist viel schwieriger zu beenden, als die meisten denken. Eine Freundin von mir muss jetzt für die Anwaltskosten bei der Scheidung mehr zahlen, als sie für die Hochzeit ausgegeben hat. Na, Glückwunsch.“

Also: Ehe – ja oder nein? Diese Frage ist, wie auch unsere Gespräche gezeigt haben, nicht nur persönlich. Sie ist eben auch politisch. Geht es doch bei Hochzeiten auch um die normative Darstellung von Geschlechterrollen, und oft genug um einen exklusiven Anspruch auf das Rundum-glücklich-Paket. Nicht zu vergessen die finanziellen Vorteile, die Ehepartner*innen genießen. Sie werden mittlerweile von vielen Expert*innen kritisiert: So hat das Ehegattensplitting negative Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen, und kann auch dazu führen, dass kinderlose Ehepaare weniger Steuern als Alleinerziehende mit Kindern zahlen. Es gibt Menschen, die wollen da ganz bewusst nicht mitmachen. Auch, weil sie glauben, dass der Staat in ihrem Privatleben nichts zu suchen hat.

Ehe: Ja oder Nein? Bei dieser Frage fällt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – das Private und das Politische ein Stück weit ineinander. Wer wollen wir sein und wie wollen wir uns darstellen? Als Frauen in Unschuld signalisierenden weißen Kleidern, als Männer, die immer als Erste fragen müssen? Als ein Paar, das ganz bewusst mit heterosexuellen Traditionen bricht und sie queer umdeutet?

Mit einem „Ja“ oder „Nein“ werden in jedem Fall auch Antworten auf diese Fragen gegeben werden müssen.

 

*Alle Namen geändert.

Aber ganz unabhängig davon: Was macht Heiraten denn eigentlich mit einer Beziehung? Lassen sich Wünsche nach mehr Sicherheit und Romantik durch eine Eheschließung überhaupt umsetzen?

Wir haben für unseren nächsten Beitrag zum Thema Heiraten mit einer Paartherapeutin gesprochen.