Sonne, Schweiß und miese Selfies: So erschöpft sehen wir im Urlaub wirklich aus

Statt uns auf den Moment einzulassen, stressen wir uns im Urlaub für das perfekte Foto. Die Bilderstrecke „Bored Tourists“ zeigt dieses Phänomen.

Vor Sehenswürdigkeiten lässt sich immer wieder das gleiche Szenario beobachten. Tourist*innen rennen mit gezückter Kamera oder dem Smartphone auf diese Attraktionen zu, immer auf der Jagd nach dem perfekten Foto. Dass sie ihre Umgebung dabei zuerst durch den Bildschirm betrachten und vermutlich dasselbe fotografieren wie tausende Menschen vor ihnen, blenden sie völlig aus. Statt sich inspiriert zu fühlen, bleibt am Ende nur eine gewisse Benommenheit zurück.

Der britische Dokumentarfotograf Laurence Stephens hat genau dieses Phänomen zum Thema seiner Bilderreihe und dem des gleichnamigen Buches Bored Tourists gemacht. Die Idee entstand bei einem seiner Auslandsaufenthalte. Als er 2015 nach Barcelona zog und auf der Suche nach einem neuen Projekt war, irrte er lange uninspiriert durch die Straßen. Irgendwann fand er sich in der Kathedrale wieder – und spürte, dass er sein neues Sujet entdeckt hatte. „In den kühlen, dunklen Räumen der Kathedrale wurde mir schnell das humoristische Potenzial von Touristenorten wie diesen bewusst“, erzählt er. „Völlig im Kontrast zu der wunderschönen Architektur stehend blickte ich auf eine Ansammlung von desillusionierten Touristen, gelangweilt, halb schlafend, die unabsichtlich darauf warteten, fotografiert zu werden.“

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Die Abgründe des Tourist*innendaseins

Nach ein paar Schnappschüssen setzte er sein Projekt drei Sommer lang an anderen Orten in Spanien und Portugal fort. So zeigt Bored Tourists Menschen, die erschöpft in ihrem Reiseführer lesen, Backsteine durch Bauzäune fotografieren, an absurden Orten posieren. Er versuche, so Stephens, in einem Foto das Außergewöhnliche unseres gewöhnlichen menschlichen Verhaltens herauszustellen. Als Bilderstrecke wird das dann besonders deutlich. „Statt zu viel in einem Bild zu sagen, geht es mir eher darum, die Geschichte Foto für Foto aufzubauen“, berichtet er.

Während jedes Foto den gezeigten Moment in seiner Ironie und Absurdität perfekt wiederzugeben scheint und wie zufällig aufgenommen wirkt, steckt in Wirklichkeit eine Menge Geduld dahinter, erklärt Stephens: „Meine Bilder sind nicht gestellt. Das kann eine ziemlich anspruchsvolle Art sein, zu arbeiten. Es kann Tage dauern, an denen ich herumlaufe, schaue und warte, bis ich dann das eine starke Bild einfange.“ Schließlich könne etwas, das er in einem Augenblick entdecke, im nächsten schon verschwunden sein. Seine Kamera sei für sein Projekt entsprechend immer zur Hand und voreingestellt gewesen.

Wir erzeugen die Illusion, wir hätten eine bessere Zeit gehabt, als es tatsächlich der Fall war.“ – Laurence Stephens

Dass Stephens Fotos quadratisch daherkommen, ist für ihn nicht nur eine ästhetische Entscheidung gewesen: „So zu fotografieren hat auch gut zum Thema gepasst, da es auf die Generation Instagram anspielt.“ Wir – gerade Tourist*innen – seien immer mehr darauf konzentriert, unser Leben, unsere Erfahrungen zu dokumentieren, meint Stephens. „So viele von uns, die Social Media nutzen, haben das Gefühl, sie müssten ihre Erlebnisse kommunizieren, werten, beurteilen und sich von anderen beurteilen lassen.“

Können wir uns noch auf Situationen einlassen?

Für ihn kann dieses Phänomen aber sowohl positiv als auch negativ betrachtet werden. Auf der einen Seite sieht Stephens, dass es Spaß macht, die eigenen Erfahrungen zu teilen und Erinnerungen zu schaffen, auf die man zurückblicken kann. Andererseits beobachtet er auch, dass wir nicht mehr wirklich fähig sind, in die Situationen einzutauchen, die wir so unbedingt dokumentieren wollen. Abgesehen davon, dass uns das ständige gegenseitige Bewerten unglücklich zurücklassen kann. „Das führt dazu, dass wir uns selbst dazu drängen, Erinnerungen zu konstruieren, die uns online gefälliger wirken lassen. Dadurch erzeugen wir die Illusion, wir hätten eine bessere Zeit gehabt, als es tatsächlich der Fall war.“

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Als er selbst noch ein Kind war, meint Stephens, sei das anders gewesen. Wenn seine Familie mal Sightseeing gemacht habe, dann habe sie sich auf einen Ort eingelassen. Mehr als es wohl heute möglich wäre, wenn sie dorthin zurückkehren würden. Wie kann man dann heutzutage verhindern, selbst zu einem Bored Tourist zu werden? Stephens Ratschlag, um Überforderung zu vermeiden: „Keine zu großen Pläne schmieden und Raum für Abenteuer lassen. Und aufhören, Momente zu dokumentieren, in denen man sich eigentlich verlieren sollte.“