So beginnt gewöhnlich der Wiener Opernball – dieses Mal eröffnet ihn ein queeres Tanzpaar

Der Ball ist ein gesellschaftlicher Höhepunkt. Schon Sophies und Iris‘ Anmeldung dafür machte Schlagzeilen. ze.tt hat mit Sophie über ihre Motive und die Reaktionen gesprochen.

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Der Wiener Opernball gilt als das gesellschaftliche Highlight Österreichs. Foto: © MARKUS LEODOLTER/ Getty Images

Sophie Grau (21) aus Fellbach und Iris Klopfer (22) aus Ludwigsburg werden am 20. Februar in Wien Geschichte schreiben: Die Medizinstudentin und die angehende Musikstudentin sind die ersten Frauen, die den Wiener Opernball als gleichgeschlechtliches Paar eröffnen.

Der Opernball ist ein gesellschaftlicher Höhepunkt in Österreich und findet dieses Jahr zum 64. Mal in der Wiener Staatsoper statt. Eröffnet wird der Ball traditionell mit dem Einzug des Jungdamen- und Jungherrenkomitees – wie die jungen Tanzpaare im offiziellen, dezent verstaubten Jargon heißen. In diesem Jahr debütieren 144 Paare zwischen 17 und 24 Jahren aus elf Ländern im schneeweißen Abendkleid und schwarzen Frack – darunter auch Sophie und Iris.

Schon ihre Anmeldung für den Ball produzierte allerhand Schlagzeilen. In einer Agenturmeldung wurde ihre Sexualität falsch bezeichnet und durch viele Medien verbreitet. Über die Aufregung ihrer plötzlichen Bekanntheit, den Spott von Skandal-Dauergast Richard Lugner und wie es den beiden Bühnenerprobten mit dem anspruchsvollen Wiener Walzer geht, erzählt Sophie im Gespräch mit ze.tt.

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Sophie und Iris aus Baden-Württemberg tanzen auf dem diesjährigen Opernball. Foto: © privat

ze.tt: Sophie, in einer Meldung der Deutschen Presseagentur steht, dass ihr als heterosexuelles Paar den Ball eröffnet. Stimmt das?

Sophie: Nein. Wir sind nicht heterosexuell. Wir sind aber auch kein Pärchen. Wir sind beide queer. Wir sind beide Teil der LGBTQIA-Community. Mehr muss die Öffentlichkeit nicht wissen.

Wie habt ihr auf die Falschmeldung reagiert?

Die erste Reaktion war: Hilfe! Wir sind in dem Bericht hetero. Ahhhhh. Und dann schrieben schon die ersten Freund*innen: Auf T-Online bist du hetero. Ich bekam die Krise, weil es falsch ist. Wir haben uns überlegt, vielleicht eine*n queere*n Journalist*in zu suchen. Es gibt einfach Unterschiede in der Berichterstattung. Die Sache mit der Geschlechteridentität ist eine komplizierte.

Es wurde auch geschrieben, dass ihr mit eurer Teilnahme für mehr Chancengleichheit von queeren Paaren bei konservativen Veranstaltungen werben wollt.

Wir wollen tanzen. Primär. Wenn damit eine Tür geöffnet wird und das Aufmerksamkeit auf bestimmte Identitäten lenkt, ist das nichts Schlechtes.

War euch die Tragweite eurer Bewerbung als erstes Debütantinnenpaar bewusst?

Wir haben auf einen abstrakte Weise damit gerechnet. Aber keine*r konnte wissen, was da alles einfließt. Mein E-Mail-Postfach ist voll. Der Opernball ist ein Riesending. Alleine schon durch die Übertragung im Fernsehen jedes Jahr, wenn die Sprecher erzählen: Hier ist der Herr Bundespräsident. Und hier der Herr Bundeskanzler.

Und ihr dachtet euch, da wollen wir auch mal hin?

Ja, wir waren in Standardtanz-Stimmung. Ich spiele vier Instrumente und habe nicht mehr die Zeit, abends tanzen zu gehen. Ich möchte wieder mehr tanzen. Irgendwann haben Iris und ich ein Opernballvideo angeschaut und wir sind draufgekommen, dass man sich bewerben kann.

Es gab auch Kritik: Der Bauunternehmer Richard Lugner, der es mit seinen Opernball-Stargästen immer wieder zu fragwürdigen Schlagzeilen bringt, sieht das Image des Balls in Gefahr. Beschäftigt euch das?

Der interessiert uns nicht wirklich.

Der Opernball ist eine konservative Veranstaltung mit vielen Vorschriften. Ihr müsst beispielsweise schwarzen Frack und weißes Kleid tragen. Wie sehr beschäftigt dich das?

Klar passen wir uns an die Traditionen des Opernballs an, weil man das aufrechterhalten muss. Wir sind beide Leute mit Bühnenerfahrung, wir verstehen das. Ich werde einen Frack tragen und Iris ein weißes Kleid, um die Symmetrie in Schwarz und Weiß aufrechtzuerhalten.

Es gäbe genug Paare, die nicht in diese Opernballästhetik reinpassen. Es müssten noch mehr Türen geöffnet werden. Was passiert, wenn zwei Frauen ein Kleid anziehen wollen oder zwei Herren im Anzug debütieren wollen?

Du sprichst das Thema Kleidung an. War es jemals Thema, dass ihr beide im weißen Kleid auftanzt?

Es ist die Frage, ob die Oper da nachgegeben hätte. Aber darüber will ich nicht spekulieren, weil wir direkt in die Bewerbung reingeschrieben haben, dass meine Geschlechteridentität variabel ist.

War damit entschieden, dass du den männlichen Part übernimmst?

Ich trage den Frack, weil ich größer bin. Und weil ich nicht binär bin. Iris identifiziert sich als Cis-Frau und trägt gerne Kleider.

Worauf freust du dich am meisten am Opernball?

Ich habe zuletzt erfahren, dass es eine Disco und Livemusik gibt. Man denkt sich, das ist nur ein großer Raum. Aber nein. Es sind elf. Das war uns nicht bewusst. Also das Aufbrezeln und in einem richtig schönen Raum tanzen, darauf freue ich mich.

Wer ist die bessere Tänzerin. Du oder Iris?

Hängt von der Disziplin ab. Iris hat sehr lange rhythmische Sportgymnastik gemacht und ich tanze nebenher seit sechs Jahren Irish Dance, also Stepptanz. Zusammen haben wir in eher informellen Settings getanzt. Beim Warten in der Schlange, vor Konzerten, tanzen wir. Und wir haben zusammen choreographiert.

Den Linkswalzer – das Opernballkriterium schlechthin – könnt ihr?

Wir haben ihn beide ursprünglich mal in einem Tanzkurs gelernt, aber nicht viel getanzt, weil es eine spezifische Abwandlung des Walzers ist. Aber wir üben.

Wie geht es dir mit der Rolle der Führenden?

Also wenn wir Discofox tanzen, führt Iris. Ich finde es gut, wenn Tänzer*innen alle Spuren kennen. Wer führt, muss führen können. Viele von den Jungs im Tanzkurs konnten das nicht. Aber viel wichtiger ist, dass alle Spaß haben, dass das Tanzpaar gut funktioniert. Nicht, als was man geboren wurde.

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