Spice Girls, Britney und No Angels: Eine Ode an die Trash-Musik

Die Spice Girls gehen wieder auf Tour. Unser Autor wird ganz melancholisch und erinnert sich an seine ganz persönlichen Trash-Stars der Musikszene. 

Die Spice Girls gehen wieder auf Tour. Unser Autor wird ganz melancholisch und erinnert sich an seine ganz persönlichen Trash-Stars der Musikszene. Ein Kommentar

Schon 2012 feierten die Spice Girls ein kurzes Comeback. Foto: Marius Becker / dpa

If You Wanna Be My Lover, You Gotta Buy Me Some Tickets für die Comeback-Tour der Spice Girls im nächsten Jahr: Die britische Girl-Band, die in letzter Zeit eher mit Koks-Selfies statt mit #1-Hits in den Schlagzeilen landeten, geht 2019 wieder auf Tour, um unser Life ein bisschen up zu spicen. Eine wird jedoch fehlen: Victoria Beckham – aka Posh Spice – wird laut Medienberichten nicht dabei sein, wenn die vier übrigen Bandmitglieder ihre Lippen synchron zu alten Hits bewegen und ihre Augen dabei erschreckend leer aussehen werden. Auch wenn Posh noch nie dafür bekannt war, die Band gesanglich auf ein Celine-Dion-Level zu heben, wird man sie und ihren stark unterkühlten Blick vermissen. Feel You, Posh!

Außerdem auf ze.tt: Schlagersänger*in zu sein ist ein mühsamer Job – aber diese beiden lieben ihn

Die musikalischen Erfolge der Band liegen schon lange zurück und würde ich meine jüngeren Cousinen fragen, ob sie denn wissen, wer die Spice Girls sind, würden sie diese wohl für eine nicht-genderneutrale Gewürzmischung oder eine freche Teenie-Serie halten. Aber die Kinder der 1990er und frühen 2000er will know und will love: Denn die Spice Girls, Britney Spears, Avril Lavigne, Ben, Blümchen und Co sind einfach Kult und stimmen mich auf eine seltsame Weise melancholisch. Sie stehen nämlich für Jugend, für eine Zeit, in der wir uns vielleicht noch nicht so viele Gedanken und Sorgen um die Zukunft gemacht haben. Zeiten, in denen wir nicht wussten, was ein Selfie ist; in denen Teenager noch nicht in irgendwelche Apps gelipsnyct haben; in denen das Handy noch nicht smart war, maximal zehn SMS – damals noch Kurznachrichten mit maximal (!) 160 Zeichen – speichern konnten und Snake der absolute Shit war. Für mich stehen all diese Musiker*innen nicht unbedingt für überragendes musikalisches Talent, aber wem muss ich hier etwas vormachen: Ich liebe die Trash-Musik und ihre Interpret*innen!

Mir ist klar, dass sie meist nur die Ausgeburten einer Marketinganalyse innerhalb der Musikindustrie sind. Aber für mich und bleiben sie Kult – trotz oder gerade wegen kleinerer und größerer Verfehlungen. Denn das macht sie irgendwie menschlich und nahbar. Hier sind meine persönlichen Favorit*innen:

Britney und Avril

Wer Spice sagt, muss auch Britney sagen: Die Mrs. Lifestyles Of The Rich And Famous ist ein schillerndes Sternchen auf dem Trash-Boulevard. Vor knapp 19 Jahren erschien ihr Debütalbum … Baby One More Time und von da an verlief ihre Karriere wie eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin: stockend, ermüdend, unangenehm, aber unumgänglich und doch zielführend. Vom unschuldig dreinblickenden Schulmädchen zur Männer-vernaschenden Stewardess, von Triple-Denim-Britney – roter Teppich mit Justin Timberlake, never forget! – zur eigenen Show in Las Vegas. Um Britney hat sich eine Art Personen-Kult entwickelt. Ihre Fans erwarten geradezu, dass sie auf ihren Bühnenshows Playback singt und sich unmotiviert, langsam und fahrig über die Bühne schleppt, gezwungenes Lächeln inklusive. So kennen wir sie, so lieben wir sie. Also screamt und shoutet es out: Denn das ist nun mal Britney, Bitch!

Direkt unter meinen Britney-Maxi-CDs – Maxi CDs sind so was wie Singles, liebe Gen Z – liegt Let Go!, das Debütalbum von Avril Lavigne. Und oh lord habe ich mich damals cool gefühlt, als ich mir diese CD bei Karstadt – Karstadt ist so was wie Amazon, liebe Gen Z – an der Kasse gekauft habe. Denn Avril war damals irgendwie anders: Sie war not your everyday girl, die Rocker-Göre, die statt Hochsteckfrisur glatte, lange Haare trug, die mit Baggy-Jeans und Skateboard durch die Straßen flitzte und eine Krawatte zum T-Shirt trug, weil das eben total alternativ und crazy war. Dass auch Frau Lavigne letztlich nur eine Marionette der Musikindustrie war, hab ich erst verstanden, als sie die Emo-Attitüde gegen platinblonde Haare tauschte und mir entgegenschrie, dass sie – hey, hey – meine Freundin nicht mag. Da hat sie bei mir wohl nicht so ganz aufgepasst, doch das ist ein anderes Thema. Denn was soll ich sagen: You’re trying to be cool? You look like a fool to me!

Xtina und Tic Tac Toe

Eine weitere Frau, die auf einer Ebene mit Britney und Avril konkurrierte, war Christina „Dirty“ Aguilera, die weder das unschuldige Schuldmädchen noch die punkige Göre sein wollte: Xtina rieb sich am Boden des Boxrings, brachte uns mit Beautiful kollektiv zum Heulen, hatte ein großes Herz für Strähnchen und machte den Unterlippen- und Nasen-Piercing für eine kurze Zeit cool! Ähnlich wie Britney, die sie noch vom Disney Club kannte, erlebte auch Xtina so manche Höhen und Tiefen, musste sich immer wieder dumme, unangebrachte Sprüche zu ihrem Körper anhören, änderte ihre Looks so häufig wie wir unser Facebook-Profilbilder in der Pubertät – Facebook ist so was wie Instagram, nur mit Eltern, liebe Gen Z – und hatte dabei eine unfassbare Stimme. Und dann war da ja noch dieses Ding mit Cher: Der für mich beste schlechteste beste Film aller Zeiten, Burlesque, ist nur ein weiterer Grund, Christina Aguilera zu lieben.

Doch nicht nur international, auch national hat die Trash-Musik einiges zu bieten: Ich erinnere mich gerne an die drei passiv-aggressiven, wütenden Frauen von Tic Tac Toe, die kein Blatt vor den Mund nahmen, Schimpfwörter wie Scheiße in die deutschen Charts brachten, damals schon die Outfits trugen, die heute für viel, viel Geld in den Schaufenstern in Berlin-Mitte zu sehen sind, und für mich damals für Unangepasstheit, für Dagegensein standen. Nun muss man an dieser Stelle auch sagen, dass ich noch sehr jung war und mittlerweile verstanden habe, dass auch Tic Tac Toe nicht aus dem Ghetto, sondern aus einer Castingagentur stammen. Trotzdem werde ich niemals diese eine Pressekonferenz vergessen, bei der sich das Trio vor laufenden Kameras erst beschmipfte, dann trennte, um einige Jahre später ein Comeback mit dem Song Spiegel und in leicht veränderter Besetzung zu feiern. An dieser Feier nahmen offenbar nicht allzu viele Gäste teil, sodass sich die Band sich 2007 wieder auflöste – und auch bei einem Abschied fließen die Tränen dann wieder auf Knopfdruck.

No Angels, Jeanette und Sarah

Damals, als Detlef D! Soost noch ein Mensch und keine Maschine – Mach dich krass!11!!!! – war, brachte er zusammen mit ProSieben und der Casting Show Popstars eine Band zur Welt, die ohne Frage einen Meilenstein, wenn nicht gar einen komplett neuen Weg, der deutschen Popmusik markiert: Lucy, Sandy, Jessica, Nadja und Vanessa sind keine Engel und gingen im Jahr 2000 als die No Angels aus der Castingshow hervor. Die fünf setzen nicht nur Fashion Trends, sie erfanden auch mal eben so ein neues Element: In dem Musikvideo zu Daylight In Your Eyes, das offenbar vor Greenscreen und Ventilator gedreht wurde, mimte jedes Bandmitglied ein Element. Feuer, Wasser, Erde, Luft und – ja was eigentlich? Geist! Die No Angels haben damals einfach mal dir nichts, mir nichts das fünfte Element erfunden. Und das soll ihnen doch bitte erst mal jemand nachmachen! Mittlerweile sind die No Angels tatsächlich keine Engel mehr: Nach dem Versuch, den Grand Prix 2008 nach Deutschland zu holen, und weiteren musikalischen Eskapaden, trennte sich die Girl Band 2014 dann endgültig. Seitdem sind die Mitglieder in aller Welt verteilt, moderieren Radioshows, treten in Musicals auf oder erinnern sich auf RTL vorm Greenscreen an „Die 25 …“ peinlichsten Momente ihrer Karriere. Dennoch bleiben die fünf unvergessen – und werden für mich immer die Castingband der Herzen bleiben. Denn: Erinnert ihr euch noch an Nu Pagadi? An Room 2012? Overground? Queensberry? Banaroo? beFour? Genau. Ich auch nicht.

Und wer No Angels sagt, der*die muss auch Jeanette Biedermann und Sarah Connor sagen! Diese beiden Frauen erhalten sicherlich auch heute noch regelmäßig Anfragen vom ZDF-Fernsehgarten, dabei sind sie so viel mehr! Jeanette Biedermann, bekannt aus dem RTL-Lowbrainer und Quotengarant GZSZ, hat sich bei mir nachdrücklich Respekt verdient: als die Frau, die sich im Video zu Rockin‘ On Heaven’s Floor selbst in Brand setzt. Und auch Sarah Connor ist für mich nicht die Frau, die mal Dschungelkönig Marc Terenzi auf ProSieben heiratete, sondern die Frau, die so viel Love hat, dass sie diese weggibt, an dich, an mich, an uns alle. Und ihre Zeilen zu Bounce! haben sicherlich so manchen Menschen dazu empowert, ungesunde Beziehungen zu beenden und von Zero to Hero zu starten.