Spieleabend – eine Ehrenrettung

Der gemeine Spieleabend gilt als die spießigste Freizeitgestaltung seit schon immer. Zu Unrecht, findet unsere Autorin. Ein Kommentar

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Wie wär's mit ner Runde Mahjong? Ellicia / Unsplash | CC0

Wenn man noch nicht sicher weiß, wer man ist, hilft es zu wissen, wer man auf keinen Fall sein möchte. Für uns war das früher glasklar. Wir wollten vor allem nicht spießig sein. Und es gab keine Veranstaltung, die auch nur ansatzweise so spießig war wie ein Spieleabend.

Ein Spieleabend war spießig, läpsch, altbacken. Wer einen Spieleabend für eine amüsante Abendgestaltung hielt, der*die hatte wohl auch in der Schule immer gerne Tafeldienst. Während wir glaubten, nur weinselige Konversation über halb angelesene Bücher würde unserer erhofften Coolness gerecht, spielten sich die Spießer*innen mit den Siedler von Catan ins piefige Abseits. Einen Spieleabend doof zu finden, war Teil unserer Weltanschauung. Und „Die machen wohl nen Spieleabend“ ein bitterer Diss.

Ja, so war das.

Heute sehe ich das anders. Wer mich mit „Die macht gerne ’nen Spieleabend“ beleidigen möchte, nur zu! Das perlt an meiner abgezockten Seele ab. Ich mag nämlich Spieleabende. Ich halte sie nicht länger für die Krönung der Spießigkeit. Und ich habe es mir zum Anliegen gemacht, sie zu rehabilitieren. Reclaiming Spieleabende sozusagen.

Aber zunächst mal eine Runde Begriffsklärung. Was ist überhaupt ein Spieleabend? In meiner früheren Vorstellung beeinhaltete ein Spieleabend wochenlange Planung, also die Frage, wer denn die Mousse au Chocolat mitbringt und wer die Zutaten für den Hugo und außerdem ein teures, schwierig zu erklärendes („Guck vielleicht einfach erst mal eine Runde zu“) Brettspiel, bei dem man diverse Chips sammeln konnte und nie ganz damit fertig wurde. Alles in allem nicht so spannend. Heute weiß ich: Nur weil man Wodka auch mit Red Bull mischen kann, ist es immer noch kein schlechtes Getränk. In anderen Worten, auch beim Spieleabend kommt es auf die Mischung an.

Heute weiß ich: Nur weil man Wodka auch mit Red Bull mischen kann, ist es immer noch kein schlechtes Getränk.

Als ich für diesen Artikel anfing, in meinem Bekanntenkreis herumzufragen, fand ich zudem schnell heraus, dass es gar nicht der Spieleabend als solcher war, der den meisten Leuten Schauer über den Rücken schickt, sondern lediglich der Begriff. Einen Abend zu planen, ihn dann Spieleabend zu nennen, wurde abgelehnt, aber irgendwo zusammen zu sein und eine*r sagt: „Hey, lasst doch ne Runde XY spielen“, war völlig in Ordnung.

Was mich zum nächsten Punkt bringt, denn Menschen spielen nun mal gerne.

Ich bin sicher, es gibt schon ein paar Studien zur positiven Auswirkung des Spielens auf mentales Wohlbefinden, aber an dieser Stelle möchte ich einfach mal nur persönlich zusammengespielte Empirie anführen: Spielen entspannt. Spielen baut Stress ab. Wer sich über ein paar Stunden lang einer im Prinzip willkürlichen Tätigkeit wie Würfeln hingibt, wer versucht, ein Pokerface bei bestmöglichem Blatt aufzusetzen und wer bei Tabu vor lauter Eifer Wörter verschluckt, der*die ist dem Alltag dabei erfolgreich entflohen. Und das tut schließlich gut.

Es ist dabei auch irgendwie egal, was gespielt wird. Ich persönlich bin bei Spielen nicht allzu wählerisch, Tabu, Trivial Pursuit, Team UP!. Ich liebe sie alle. In schwachen Momenten kann ich sogar Wer bin ich was abgewinnen. Das Tolle ist ja auch: Bei Spielen lernt man sich kennen. Bei Spielen werden auch die Karten neu gemischt. Denn nicht jede*r, der*die sonst ganz vorne mit dabei ist, ist das auch beim Spielen. Scheue Menschen werden zu Teamleader*innen, Leise zu Wortführer*innen und wer sich beim Verlieren schwer tut, der*die wird das schlecht verbergen können. Spielen deckt auf und deswegen verbindet es.

Mir fällt keine bessere Möglichkeit ein, neue Menschen zu integrieren oder kennenzulernen, als bei einem gemeinsamen Spieleabend. Wenn ihr eine*n neue*n Partner*in habt und sollt die Freund*innen kennenlernen, wünsche ich euch von Herzen, dass irgendwer ein Spiel vorschlägt, denn charmanter und ungezwungener (!) als beim gemeinsamen Spiel könnt ihr euch kaum in eine neue Runde einbringen.

Wer einmal einen Abend lang Kneipenquiz gespielt hat, weiß, was ich meine.

Spielen kann man sehr ernst nehmen, man kann es aber auch lassen. Das Schöne ist, dass man bei beiden Varianten Freude daran haben kann. Denn spielen lockt auch Eigenschaften hervor, die wir im Alltag eher unterdrücken. Albernheit, Großmäuligkeit, dicke-Hose-tum und Risikobereitschaft. Beim Spielen wird gespielt, beim Spielen wird performt. Wir können kurz jemand anders sein, die angeberischere, die wählerischere, die spitzfindigste Version unser Selbst. Wir können gemein sein („Sorry, du musst schon wieder ins Gefängnis“), ohne dass es uns wirklich schadet. Wir können raffgierig sein („Ich baue noch zwei Hotels“) und uns vollkommen gut damit fühlen. Indem wir beim Spielen solche Eigenschaften ausleben können, entlasten wir uns auch ein Stück weit. Wir entlasten uns und kommen zugleich anderen näher.

Also: Spielt miteinander! Und schert euch nicht um das, was andere denken mögen. Ich habe an der Uni mal ein Seminar zu „cool“ in der Gegenwartsliteratur belegt und da zwar fachlich überhaupt nichts gelernt, aber folgendes mitbekommen: Cool darf nichts mit Anstrengung zu tun haben. Cool ist nur cool, wenn es lässig und ohne Mühen erscheint. Was ich sagen will: Spieleabende spießig zu finden, halte ich für anstrengend. Uncool. Es ist quasi die Spießigkeit 2.0: Sich über etwas vermeintlich anerkannt Spießiges zu erheben, schraubt nur die eigene Spießigkeit hoch. Klar, Spieleabende können spießig sein. Aber das gleiche gilt für Rockkonzerte, Poetry Slams und chilliges Abhängen. Es kommt, wie immer, auf euch selber an.

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