Sportart aus „Harry Potter“: Wie sich Quidditch-Verbände für Genderintegration einsetzen

Inzwischen wird es deutschlandweit gespielt: Quidditch, der Sport aus den Harry Potter-Romanen. Von manchen wird er als Fantasy-Rollenspiel belächelt. Dabei gewinnt der Sport immer mehr an Vorbildcharakter, was Genderintegration betrifft.

Matthias Renner, Ende 20 und etwa 1,90 Meter groß, mit kurzem, dunklem Haar, läuft in einem Sportshirt über den roten Gummiboden der Augsburger Traglufthalle. „Jeder nimmt sich einen Besenstiel, wir üben Pässe“, ruft Renner. Er trainiert das Team der Augsburg Owls im Muggel-Quidditch – der nicht-fiktiven Form des Spiels.

Quidditch, das ist die beliebteste Sportart in der Welt von J. K. Rowlings Harry Potter-Romanen. Als Harry das erste Mal davon hört, versucht sein späterer Freund Hagrid den Sport so zu erklären: „Es ist wie – wie Fußball in der Muggelwelt – alle fahren auf Quidditch ab – man spielt es in der Luft auf Besen und mit vier Bällen – nicht ganz einfach, die Regeln zu erklären.“

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Das Muggel-Quidditch findet natürlich nicht in der Luft statt, sondern auf dem Boden. Jeweils am Ende des etwa 30 Meter langen Feldes sind drei Ringe, jeweils von der Größe eines Hula Hoop-Reifens, aufgebaut: die äußeren in 1,40 Metern, der mittlere in 1,80 Metern Höhe. Durch sie müssen die Spieler*innen einen Volleyball werfen, um Punkte für ihr Team zu erzielen. Und statt auf einem Besen durch die Luft zu fliegen, läuft man hier über das Spielfeld und klemmt sich dabei einen Holzstiel zwischen die Beine.

Die Traglufthalle ist schlecht beheizt; drinnen ist es kaum wärmer als draußen. Von der nebenan trainierenden Aerobic-Gruppe ist dumpf die Musik der Spice Girls zu hören. Wer beim Quidditch ein Treffen kostümierter, zauberstabwedelnder Harry-Potter-Fans erwartet hat, den überrascht der Ehrgeiz, mit dem die Spieler*innen über das Feld hetzen, die Bälle jagen und sich in Zweikämpfe stürzen. „Zwei Offense-Chaser spielen Quaffel-Doppelpass in Richtung Hoops, Defense-Chaser versuchen abzuwehren! Beater auf die andere Seite: zwei gegen zwei, versucht in Bludger-Control zu kommen“, schreit Renner in Sportlehrermanier. Als Quidditch-Neuling im Probetraining mag man dabei an den bärtigen Hagrid denken: Quidditch ist schwer zu erklären und ebenso schwer zu verstehen.

Harry Potter ist Fluch und Segen“

Erfunden wurde das nicht-fiktive Quidditch 2005 am Middlebury College in Vermont von zwei Studierenden. Einer der beiden ist Alex Benepe. Der gebürtige New Yorker mit langen, dunkelblonden Haaren engagiert sich bis heute für den Sport. „Anfangs hatten wir viele Skeptiker. Es war schwierig, Leute dazu zu bringen, an Quidditch zu glauben.“

Angetrieben habe ihn dabei die freche, kindliche Energie, die das Spiel bei den Leuten weckt. Und obwohl Quidditch eine dem Rugby ähnelnde Vollkontaktsportart ist, werde es häufig als Fantasy-Rollenspiel belächelt. „Du musst die Leute nur dazu bringen, ein Spiel mit zwei ernsthaften, wetteifernden Teams anzusehen, und sie ändern ihre Meinung“, glaubt Benepe. Ähnlich sieht das Nina Heise, Präsidentin des Deutschen Quidditchbunds: „Harry Potter ist Fluch und Segen.“ Einerseits werde Quidditch als Harry-Potter-Fanaktivität heruntergespielt, andererseits bringe es eben auch Aufmerksamkeit für den Sport.

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In der Augsburger Halle wird zum Abschluss des Trainings eine Partie gespielt. Spätestens jetzt muss man sich als skeptischer Neuling eingestehen, wie anspruchsvoll der Sport ist: Ball fangen, werfen, gegnerischen Attacken ausweichen und irgendwie versuchen, den Besenstiel nicht fallen zu lassen. Wer dabei anfängt zu fluchen, wird von den Anderen mit „Language“ ermahnt. Beim Quidditch wird Wert auf korrekten Umgangston gelegt.

Quidditch und Genderintegration: Mit gutem Beispiel vorangehen

Nicht nur auf Sprache wird geachtet. Quidditch will auch Vorreiter in Sachen Genderintegration sein. Die Teams sind deshalb gemischtgeschlechtlich organisiert, was nicht nur Männer und Frauen einschließt, sondern auch Trans*- und Inter*-Personen; das ist in den Regeln festgeschrieben. Bei den Augsburg Owls sind es heute sieben Männer und sechs Frauen.

Um die Integration voranzutreiben, hat der Deutsche Quidditchbund eigens ein Social-Impact-Team eingerichtet. „Die Strukturen machen es uns nicht einfach. Auf der Tür unserer Umkleiden steht immer noch Mann oder Frau. Für Personen, die sich weder männlich noch weiblich definieren, ist das ausschließend“, erklärt Simon Sadowski, Sprecher des Social-Impact-Teams, „aber wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen. Für Turniere werden die Schilder dann schon mal überklebt und jede Person kann sich aussuchen, auf welches WC sie geht.“ Das soziale Engagement im Bereich Genderintegration verhelfe Quidditch in der LGBTQ-Community zu mehr Popularität, „das ist ein Alleinstellungsmerkmal und so holen wir Quidditch etwas aus der Harry-Potter-Fan-Ecke heraus.“

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Und die Sportart wächst: Der Deutsche Quidditchbund zählt aktuell 34 Voll- und sechs Entwicklungsmitglieder. Sieben weitere Teams befinden sich im Aufbau. Sie tragen Namen wie Münchner Wolpertinger, Horkruxe Halle oder Düsseldorf Dementors und seit zwei Jahren messen sie sich in einer Liga. Der Spielbetrieb trage zur Bekanntheit des Sports bei, sagt Nina Heise. „Mein persönliches Ziel ist es, eine so große Abdeckung zu erreichen, dass alle, die Lust haben mit Quidditch anzufangen, nicht mehr als eine halbe Stunde ins Training fahren müssen.“ Und gespielt wird auch international: Seit 2012 wetteifern die Nationalteams um den Weltmeistertitel. Dieses Jahr fand die WM in Florenz statt und endete am 2. Juli mit einem Sieg der Vereinigten Staaten. Das US-Team ist mit seinen Siegen 2012 und 2014 der Rekordmeister unter den Nationalteams.

Nach der Abschlusspartie geht auch in Augsburg das Training zu Ende. Die Spieler*innen beklatschen sich, bauen die Torringe ab und ziehen sich am Spielfeldrand um. „Quidditch ist was für alle, die sich richtig verausgaben wollen“, sagt Matthias Renner, „die Leute müssen nur über ihren Schatten springen. Dann merken sie, wie viel Spaß das macht.“ Etwas Ähnliches rät Albus Dumbledore, der Schulleiter des Zauberinternats Hogwarts, einmal seinem Schüler Harry Potter: „Neugier ist keine Sünde.“

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