Stalking an der Uni: Wenn Studierende ihre Dozent*innen belästigen

Nora und Johannes unterrichten an der Uni Freiburg. Beide sind Opfer von Studentinnen geworden, die sich krankhaft in sie verliebt hatten.

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„Sie war plötzlich überall, wo ich war." Quelle: Unsplash/CC0

Tock, tock, tock. Nora* ist Dozentin an der Universität Freiburg und verbringt einen Dezemberabend zu Hause, als sie die Geräusche an ihrer Fensterscheibe hört. Sie kommen von Steinen, die jemand unablässig dagegen wirft: eine junge Frau, die ihr bis nach Hause gefolgt ist und die jetzt im Schneidersitz vor ihrem Haus auf dem Boden sitzt. „In diesem Moment war mir klar, dass eine Grenze überschritten wurde“, sagt Nora heute.

Nora heißt eigentlich anders, genauso wie Marie* die Steinewerferin. Sie ist Noras Studentin. Marie fiel Nora in ihrem Seminar auf: Sie war aufmerksam und sehr interessiert – allerdings nicht nur am Lehrtoff. „Am Anfang gehörte sie zu einer Traube von Studierenden, die mir nach der Sitzung Fragen gestellt haben“, erzählt Nora. Dabei blieb es nicht. Marie verliebte sich in Nora.

Nora fand ihre Studentin zunächst nur anhänglich

Fünfmal die Woche saß Marie in der Bibliothek oder in der Mensa an Noras Nachbartisch. Nora hielt die Studentin zunächst nur für sehr anhänglich und bat ihr sogar hin und wieder an, sich zu ihr zu setzen. Das erste Mal sei ihr mulmig geworden, als Marie Kommilitoninnen fragte, wie diese Noras Attraktivität bewerten würden. „Als ich sie darauf angesprochen habe, ist sie weggelaufen“, sagt Nora. So habe die Studentin immer reagiert: „Ihr Weg der Kommunikation war die E-Mail.“

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Jeden zweiten Tag schrieb Marie ihr Nachrichten. Gestand ihre Liebe. Erzählte Persönliches. Fantasierte von versteckten Botschaften, die Nora angeblich in ihrem Unterricht an sie richten würde. „Sie nahm an, dass wir auf die gleiche Weise empfinden würden“, sagt Nora. „Dafür gab es aber überhaupt keine Basis – wir hatten immer nur rein fachliche Gespräche.“ Nora vermutet, dass die Mischung aus der Bewunderung für eine Autoritätsperson und der fehlenden Distanz fatal gewesen sei: „Das ist wohl die klassische Verliebtheitskonfiguration.“

Sie nahm an, dass wir auf die gleiche Weise empfinden würden.“

„Dann war sie plötzlich überall, wo ich war“, sagt die Nora, deren Fachgebiet zu ihrer Sicherheit hier auch nicht genannt wird. Das Verhalten der Studentin ist nach der universitätseigenen Broschüre gegen sexuelle Belästigung und Stalking ein klarer Fall. Unter dem Punkt Stalking steht hier: „Das Opfer wird gegen seinen Willen auf wiederholte, unzumutbare Art und Weise beobachtet, verfolgt oder penetrant belästigt“. Das Phänomen, in der deutschen Rechtssprache „unbefugte, beharrliche Nachstellung“ ist nach § 238 Abs. 1 im Strafgesetzbuch ein Straftatbestand.

Johannes war das Zielobjekt von Schwärmereien

Auch Johannes* kennt dieses Phänomen gut – wie Nora möchte auch er anonym bleiben und seine Fachrichtung nicht angeben. Nach den ersten Stunden eines Tutoriums begann die seltsame Episode mit Studentin Carla*. Sie schickte ihm Mails mit privatem Bezug, Gedichte und Fotos. Schließlich auch einen handgeschriebenen Brief. „Wir kannten uns überhaupt nicht, das war absurd!“, sagt Johannes. Eine Schwärmerei, die auf reiner Projektion basierte.

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Ein halbes Jahr lang habe er kaum auf Carlas Spielchen reagiert und wenn er antwortete, dann diplomatisch. Heute sagt er: „Ich hätte viel früher viel rücksichtsloser sein sollen.“ Als er schließlich ganz klar sagte, er habe kein Interesse, hörten die Avancen auf. „Das Komische daran war, dass sie wirklich aus allen Wolken gefallen ist“, sagt er. „Wir hatten anscheinend völlig unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität.“

Wir kannten uns überhaupt nicht, das war absurd!“

Bei Nora ging die Geschichte noch weiter. Sie erhielt insgesamt rund 40 Mails, in denen Marie mit Suizid drohte: „Bekenne dich zu mir, ich weiß, dass du mich liebst. Sonst bringe ich mich um.“ Diese Androhung verursachte bei Nora Panik. Auch als ihr schließlich klar wurde, dass es Marie vor allem um Aufmerksamkeit ging und darum, auf Noras Leben Einfluss zu nehmen, litt sie sehr darunter: „Ich konnte nicht mehr völlig unbefangen unterrichten“, sagt sie. „Es betrifft dich, obwohl du es dir nicht ausgesucht hast.“

Wie kann man sich bei Stalking wehren?

Ina Sieckmann-Bock, Gleichstellungsbeauftragte der Uni Freiburg, rät beim Verdacht auf Stalking Folgendes zu tun: „Man kann erst mal sagen: ,Lass das! Keine E-Mails, keine Annäherungsversuche!‘ Aber wenn es Stalking ist, wirkt das meistens nicht. Und dann ist es ganz wichtig, dass der Kontakt zu dem Stalker komplett abgebrochen wird, weil das immer fälschlich als Zuneigung verstanden wird.“

Wenn das nicht helfen würde, werde der*die vermeintliche Stalker*in mit dem Fehlverhalten konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Im Ernstfall die Polizei eingeschaltet.

Ich wollte nur, dass das aufhört und nicht, dass ein Fehler für ihr ganzes Leben verhängnisvoll wird.“

Nora glaubte zu lange daran, das Problem aus eigener Kraft lösen zu können. Und sie wollte ihre Studentin schützen; vor möglichen Konsequenzen wie Hausverbot oder Exmatrikulation bewahren. „Ich wollte nur, dass das aufhört und nicht, dass ein Fehler für ihr ganzes Leben verhängnisvoll wird.“

Nora war unsicher, an wen sie sich wenden konnte. Auch nach einem Gespräch mit einer Person ihres Vertrauens fühlte sie sich allein gelassen. Am Ende nahm Nora ihre Studentin nach dem Unterricht beiseite und sprach sehr eindringlich mit ihr. „Das gab noch mal einen großen Eklat und viel Geschrei“, sagt sie. Aber daraufhin belegte Marie zumindest keine Seminare mehr bei Nora – das war ihr das Wichtigste. Mails bekommt die Dozentin zwar immer noch, aber seltener und weniger bedrohlich.

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Bei Nora wie bei Johannes haben die Erlebnisse Spuren hinterlassen: Beide sagen, sie seien distanzierter geworden, misstrauischer. Nora wünscht sich, dass es verpflichtende Beratungskurse gibt und dass mehr über konkrete Fälle gesprochen wird. Sie ist schockiert, wie sehr das Thema den Uni-Alltag prägt – obwohl unter den Dozent*innen kaum darüber geredet werde. Nora sagt, es sei ein offenes Geheimnis, dass die meisten Professor*innen ihre Tür immer einen Spalt offenließen, um sich gegen Belästigungen zu schützen. „Ein Kollege sagte mir: Gehen Sie davon aus, dass es solche Zwischenfälle zweimal pro Jahr gibt.“


*Name der Person geändert

HILFE HOLEN

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Dieser Artikel erschien in abgewandelter Form am 23. Februar 2017 zunächst auf fudder.