Statt Rollstuhl: Die Krankenkasse empfiehlt dieser jungen Frau, Windeln zu tragen

Anastasia Umrik lebt mit einer Muskelerkrankung ein selbstbestimmtes Leben mit einem Rollstuhl. Ausgerechnet ihre Krankenkasse will das jetzt ändern.

"Ich habe Lust auf ein möglichst normales Leben", sagt Anastasia Umrik. Foto: Alina Umrik

„Tagsüber im Rollstuhl, nachts im Bett“, steht auf ihrem Twitter-Profil. Und Anastasia Umrik ist tagsüber viel unterwegs. Die 32-Jährige arbeitet als Coachin, trifft sich mit Freund*innen, geht zu Konzerten oder mit ihrem Freund spazieren. Unterstützt wird sie dabei von einer persönlichen Assistenz. Anastasia ist wegen einer Muskelerkrankung auf Unterstützung angewiesen. „Ich kann mich inzwischen kaum mehr bewegen, nur die Arme funktionieren noch einigermaßen gut, sodass ich kleine Tätigkeiten allein machen kann. Lippenstift auftragen und an der Nasenspitze kratzen. Sonst nichts“, sagt sie.

Zu dieser Unterstützung gehört ein Rollstuhl, der Anastasia mobil macht – und der ihren Assistentinnen hilft, Anastasia zu helfen. „Ich habe Leute, die sind 1,65 m groß und welche, die sind 1,80 m groß“, erklärt sie. Alle müssen sie heben können, auf die Toilette oder ins Bett. In ihrer Wohnung hat sie dafür einen Lift, außerhalb ihrer Wohnung ihren Rollstuhl mit Sitzlift-Funktion. Der macht es ihr möglich, bei Veranstaltungen an Stehtischen zu stehen oder bei Konzerten etwas zu sehen.

Anastasia Umrik unterwegs. Foto: privat

Nun soll ihr diese Möglichkeiten genommen werden, einfach so. Auf einen Antrag für einen neuen Rollstuhl mit gleicher Funktionalität bekam Anastasia Umrik die Absage der Techniker Krankenkasse. Sie solle zwar einen neuen Rollstuhl bekommen – aber nicht den, den sie braucht. Die Techniker Krankenkasse schreibt: „Es ist auch ein Elektrorollstuhl mit vergleichbarer Funktion oder vergleichbarem Nutzen (…). Dieser verfügt jedoch über keinen Sitzlift.“

Anastasia Umrik ist „Heckmeck“, wie sie es nennt, von der Krankenkasse gewöhnt. Dass ein Hilfsmittel erst nach einem Widerspruch genehmigt werde, zum Beispiel. Auch Telefonate mit der Krankenkasse gehören zu ihrem Alltag. Doch mit der Reaktion der Sachbearbeiterin auf ihren Beschwerdeanruf hatte Anastasia nicht gerechnet. Die Sachbearbeiterin empfahl ihr, „sie solle sich eine Windel anziehen“ und, bevor sie das Haus verlasse, „pinkeln gehen“. Nach dem Telefonat entschloss Anastasia sich, das öffentlich zu machen und schrieb auf Twitter:

„Ich habe wenig Energie für diese Art von Kämpfen. Ich habe keine Zeit. Keine Kraft. Ich habe Lust auf ein möglichst normales Leben. Und das hoffentlich ohne Windeln, denn ich brauche sie nicht. Ich erwarte nicht viel, aber Menschlichkeit schmückt alle“, schrieb Anastasia Umrik auf Twitter. Das ist nun vier Tage her. Bisher gibt es keine schriftliche Reaktion der Techniker Krankenkasse, nur eine Entschuldigung für das Telefonat auf Twitter.

Ich habe Lust auf ein möglichst normales Leben.

Anastasia Umrik

Auf Nachfrage von ze.tt sagt der Pressesprecher der Techniker Krankenkasse: „Wir sind mit Hochdruck an einer Lösung dran.“ Für das „unglückliche Telefonat“ wolle man sich in aller Form entschuldigen. Eine schriftliche Zusage für den Rollstuhl mit Lift hat Anastasia Umrik bisher noch nicht.

„Ich kann nachvollziehen, dass die Krankenkasse den Rollstuhl nicht für 500 Euro mit Gold besprühen will“, sagt die 32-Jährige. „Es geht hier aber nicht um einen Luxusartikel, eine Steuerung aus Swarowski-Steinen oder so. Es geht um elementare Dinge.“ Anastasia Umrik will weiterhin am Leben teilhaben, wie andere junge Frauen auch.

„Mit dem Lift kann ich mir meinen Wein an der Bar selbst bestellen“, sagt sie, stockt kurz – „vielleicht ist das nicht gut, das zu schreiben“ – und meint dann: „Wobei: Auch das ist Leben. Das Leben besteht aus mehr als aus dem Bett kommen und aus dem Fenster gucken“. Das sollte für Menschen mit Behinderung genauso gelten wie für Menschen ohne Behinderung.

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