Stefanie hat den weltweit ersten Menstruationsladen eröffnet – in Bayern

Die Periode war für Stefanie Wagner lange ein unliebsames, schambesetztes Thema, das sie am liebsten totschwieg. Heute führt sie einen Menstruationsladen und redet über die Tage, wann immer sie kann.

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Stefanie Wagner in ihrem Laden. Foto: © Laura Dahmer

Die Frau mit den Binden. So ist Stefanie Wagner im kleinen bayerischen Ansbach und auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Und die 37-Jährige hat kein Problem damit. „Wenn ich über Menstruation rede, geht mein Herz auf. Und dank mir redet ganz Ansbach über Menstruation“, sagt sie und lacht. Denn Stefanie hat in Ansbach einen Menstruationsladen aufgemacht, den ersten weltweit, wie sie sagt. Tatsächlich stößt man, zumindest im Internet, unter dem Stichwort Menstruation neben diversen Onlineshops und verpackungsfreien Läden nur auf ihr Geschäft.

Mitten in der Ansbacher Innenstadt, direkt in einer der kleinen Seitenstraße, die an die große Einkaufsstraße angrenzt, findet man Stefanies Laden. Schon von draußen springt das Thema Menstruation den Vorbeigehenden förmlich ins Gesicht. „Coole Sachen, die DEINE TAGE besser machen“, steht dort in Großbuchstaben am Schaufenster.

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Alle Tassen im Schrank?! Foto: © Laura Dahmer

Und drinnen? Dreht sich alles ausschließlich um die weibliche Periode. Regale voller plüschig weicher Binden, in knalligem Türkis, Grün und Lila, aber auch ganz gediegen in Schwarz und Weiß. Es riecht nach Duftölen, an der Wand prangt groß „Almo“, geschrieben aus Stoffbinden. Almo steht für „Alternative Menstruationshygiene“ und ist der Name von Stefanies Laden. Sie selbst ist gerade am Telefon, zurzeit, so erzählt sie später, sei die Hölle los. Das Geschäft mit der Binde läuft. „Wagner vom Menstruationsladen“, sagt sie selbstbewusst, als sie den Hörer abnimmt. „Ich rede super gerne über die Periode„, bemerkt sie lachend, als sie auflegt.

Die Packung habe ich dann entweder versteckt unter anderen Einkäufen oder unauffällig hinter meinem Rücken zur Kasse transportiert.

Stefanie Wagner

Das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil: Noch vor acht Jahren wäre Stefanie, heute bekennende Bindenträgerin, niemals ohne Tasche Binden kaufen gegangen. Damals arbeitete sie noch als Angestellte im Einzelhandel, Damenhygiene gehörte zu ihrem Sortiment. Und dennoch: Immer, wenn sie Nachschub brauchte, ging sie nach Feierabend extra in einen anderen Laden. Binden kaufen, das war ihr wahnsinnig unangenehm. „Die Packung habe ich dann entweder versteckt unter anderen Einkäufen oder unauffällig hinter meinem Rücken zur Kasse transportiert“, sagt die „Bindenfrau“, wie sie sich selbst mittlerweile selbst grinsend nennt.

Und nicht nur, weil es ein Menstruationsprodukt ist: „Ich fand es total peinlich, dass ich keine Tampons benutze. Damals dachte ich, alle benutzen Tampons. Die Werbung ist voll damit, auch unter Freundinnen gibt oft niemand zu, Bindenträgerin zu sein“, so Stefanie. Diese Vermutung blieb sogar, obwohl sie genau wusste, dass sie in ihrer Arbeit damals pro Tag kistenweise Binden im Regal auffüllen musste –Tampons aber nur alle paar Wochen. Auch in ihrem Menstruationsladen ist die Stoffbinde der Verkaufsschlager. Dabei führt die 37-Jährige dort ebenso Menstruationstassen und weitere Hygieneprodukte. „Bei vielen Frauen drückt der Tampon oder trocknet von innen aus, auch die Tasse funktioniert dann oft nicht gut. Aber sie schämen sich, Binden zu benutzen, weil die bei vielen so ein Windel-Image hat“, glaubt sie.

Stefanie kam erst so wirklich zu dem Thema Menstruation, als sie sich vor einigen Jahren im Internet auf die Suche nach einer Menstruationstasse machte. Sie wollte keine Plastikbinden mehr benutzen. Dabei stieß sie in einem Onlineshop auf Stoffbinden und bestellte schließlich zehn verschiedene, für insgesamt fast 200 Euro. „Nach drei Monaten waren neun der zehn Binden reif für die Tonne“, sagt Stefanie. Das machte sie sauer. Sie beschloss, es besser zu machen und fing an, sich ihre Binden selbst zu nähen. Nach etwa zwei Jahre langem Experimentieren kam eine Stoffbinde heraus, die der ähnelt, die sie heute in ihrem Laden verkauft. Ihre erste selbstgenähte Binde von damals trägt sie heute noch. Mindestens zehn Jahre lang sollen die halten, die Stefanie in ihrem Laden verkauft.

Jede Frau auf der Welt sollte ein so geiles Gefühl in ihrer Hose haben.

Stefanie Wagner

Weil sie mit ihrem Werk so zufrieden war, wollte sie ihre selbstgenähten Binden weiterverkaufen. „Das war ein geiles Gefühl. Da dachte ich mir: Jede Frau auf der Welt sollte ein so geiles Gefühl in ihrer Hose haben“, sagt Stefanie strahlend, „aber ich wusste nicht, wie ich das machen soll. Ich, die es total peinlich findet, Binden zu kaufen.“ Erst gab sie ihr Eigenwerk zum Ausprobieren an Freundinnen weiter, dann wagte sie es und stellte sich spontan mit einem Verkaufsstand auf ein Festival. Weil das gut lief, machte sie einen Onlineshop auf und fing sie an, neben ihrem Vollzeitjob zu allen möglichen Messen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu fahren. „Mit der Zeit bin ich offener geworden was das Thema angeht – durch meine Binden, schon crazy“, sagt Stefanie.

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Viele viele bunte Binden. Foto: © Laura Dahmer

Sie, die früher Binden unter Gemüse und Müsli versteckt Richtung Kasse schmuggelte, redet mittlerweile über Menstruation, wann immer es geht. Wenn sie heute eine Plastikbinde anfasst, gruselt sie der Gedanke daran, wie lange sie die während ihrer Periode täglich getragen hat. Obwohl sie bei vielen Messen anfangs kaum Umsatz machte, gab Stefanie ihre Mission nicht auf, jede Frau auf der Welt mit guten Menstruationsprodukten zu versorgen. Im Juni vergangenen Jahres kam dann der Entschluss, in ihrer Heimatstadt Ansbach einen Menstruationsladen zu eröffnen. Und das läuft: 50.000 Stoffbinden, schätzt Stefanie, hat sie insgesamt schon verkauft. Sie lässt ihre Produkte mittlerweile in einer naheliegenden Näherei anfertigen, weil sie mit den Bestellungen sonst nicht mehr hinterherkommt.

Ihre Kund*innen hätten jedes Alter, trügen Dreadlocks und Kostüm, sagt die Ladenbesitzerin. Gerade bei jungen Frauen und Mädchen käme sie mit ihren Stoffbinden gut an, durch Fridays for Future und die Klimakrise hätten viele den Wunsch, Plastik zu vermeiden und weniger Müll zu produzieren. „Oft nehmen die Mädchen ihre Mütter mit – oder andersrum.“ Die 37-Jährige verkauft ihre Binden aber auch an ältere Frauen. „Ich glaube, ein guter Teil wird gar nicht unbedingt für die Periode, sondern für schwache Blasen verwendet“, vermutet sie.
Als die Nachricht in Ansbach herumging, dass Stefanie einen Menstruationsladen aufmacht, wurde das sofort in den sozialen Medien diskutiert. Viele gingen davon aus, der Laden mache sicher bald wieder zu. „Das Schöne war aber, dass die meisten Reaktionen sehr positiv waren“, bemerkt sie. Und das, obwohl sie selbst von Ansbach ein sehr spießiges, verklemmtes Bild hatte. „Das ist auch immer noch so. Obwohl sich das langsam ein bisschen ändert. Vielleicht ist Ansbach ja doch nicht so spießig“, sagt die 37-Jährige lachend.

Wenn wir uns mit unserem Zyklus, der Periode und dem ganzen Thema anfreunden, wird unser Leben viel einfacher.

Stefanie Wagner

Ob Ansbach oder nicht: Dass die weibliche Periode nach wie vor ein Tabuthema ist, merkt Stefanie besonders dann, wenn sie öffentliche Anzeigen schaltet. „Dann kommt oft ein Shitstorm – leider hauptsächlich von Frauen, die echt garstige Sachen über ihren eigenen Körper sagen. Wir alle haben unsere Tage. Aber es gibt viele Frauen, die wollen davon nichts hören und sehen.“ Stefanie findet das schade. „Wenn wir uns mit unserem Zyklus, der Periode und dem ganzen Thema anfreunden, wird unser Leben viel einfacher.“ Sie selbst fährt oft einen Gang zurück, wenn sie ihre Tage hat, und kommuniziert das dann auch offen. Sie möchte mit ihrem Geschäft ein Gespräch anfangen – nicht nur in Ansbach. „Jede Stadt sollte einen Menstruationsladen haben“, findet die „Bindenfrau“.

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