Stohhalmverbot: Umweltschutz ohne Inklusion funktioniert nicht!

Für die Einen ist der Plastikstrohhalm ein Spaß im Cocktailglas, für die Anderen unverzichtbar, um eigenständig trinken zu können. Ein Kommentar

Für die einen ist der Plastikstrohhalm ein Spaß im Cocktailglas, für die anderen ist er unverzichtbar, um eigenständig trinken zu können.  Auf politischer Ebene müssen endlich alle mitgedacht werden. Ein Kommentar

Umweltschutz muss endlich inklusiv werden. Foto: Quiony Navarro / Unsplash | CC0

Plastik ist billig in der Produktion und im Kauf, schlecht für die Umwelt und wird viel zu oft achtlos weggeworfen. Es verrottet nicht. Das führt zu massiver Umweltverschmutzung. Wir alle kennen die Bilder von verschmutzten Ozeanen, Stränden, an denen Kunststoffmüll angespült wurde und Tieren, die sich im Plastik verfangen, verletzen und daran sterben.

Erst vor wenigen Tagen gab es die Meldung, dass in menschlichen Körpern schädliches Mikroplastik gefunden wurde. Klar, irgendwas muss gegen diesen achtlosen Konsum unternommen werden. Es reicht nicht aus, dass einzelne Personen versuchen, nachhaltiger und bewusster zu leben. Wir brauchen klare, konsequente Entscheidungen auf politischer Ebene, damit sich strukturell und nicht nur individuell etwas verändert.

Strohhalme, Plastikbesteck, Ohrstäbchen – all diesen Produkten will das EU-Parlament nun eine Absage erteilen. Zumindest wurde am vergangenen Mittwoch einem Verbot dieser Wegwerfprodukte aus Plastik zugestimmt. Noch vor Ende des Jahres wollen sich die Umweltminister*innen der EU auf eine gemeinsame Position verständigen, damit ein Kompromiss ausgehandelt werden kann. Wie genau dieser aussehen wird, entscheiden das Europa-Parlament und die EU-Staaten gemeinsam. Bisher sieht die geplante Neuerung vor, dass Einwegprodukte, für die es bereits eine bessere Alternative gibt, aus der EU verbannt werden.

Umweltschutz behindert Inklusion

Die Frage ist nur: Gibt es für all diese Produkte bessere Alternativen? Nein, zumindest nicht für alle in unserer Gesellschaft. Der Aktivist Raul Krauthausen erklärt, warum für Menschen mit bestimmten Behinderungen der Plastikstrohhalm eine grundlegende Voraussetzung für den Alltag ist. Der Plastikstrohhalm ermögliche nämlich ein eigenständiges Trinken für Menschen, die zum Beispiel ihre Arme nicht bewegen können oder an Parkinson erkrankt sind. An dieser Stelle könne man einwerfen, dass es ja nicht um ein generelles Verbot von Strohhalmen ginge, sondern dass es für diese genügend Alternativen aus anderen Materialien gebe.

Aber Krauthausen betont auf seinem Blog, dass weder Papier, noch Bambus oder Silikon die funktionalen Vorteile von Plastik ersetzen könnten.  Er sagt: „Metallstrohhalme lassen sich nicht biegen. Sie bergen ein Allergierisiko oder sogar eine Verletzungsgefahr. Denn wenn jemand eine Spastik hat, schneidet er sich daran den Mund auf oder beißt sich einen Zahn aus. Wie gefährlich Halme aus Glas in einem solchen Fall wären, bedarf wohl kaum einer Erklärung.“

Plastikhalme sind immer noch die beste Lösung.“ – Raul Krauthausen

Strohhalme aus Bambus seien ebenfalls unflexibel und zudem sehr teuer. Silikon werde schnell unhygienisch und Knicke würden nicht bestehen bleiben. Papier sei ebenfalls unflexibel. „Zudem lösen sich die Halme nach kurzem Gebrauch auf und bergen so ein zusätzliches Verschluckungsrisiko. Heiße Getränke werden zur Gefahr und funktionieren auch mit Acryl- oder Pastastrohhalmen nicht. Plastikhalme sind immer noch die beste Lösung. Sie sind günstig, hygienisch, mehrfach verwendbar, sie haben – im Idealfall – einen Knick, bergen kein Verletzungsrisiko und lassen sich mit den Zähnen problemlos festhalten.“

Raus aus der Rolle der Bittsteller*innen

Und Raul Krauthausen führt das Problem weiter aus: Eine explizite Erlaubnis für Menschen mit Behinderung weiterhin Plastikstrohhälme benutzen zu dürfen, diese medizinisch verschreibungspflichtig zu machen oder in Restaurants, Cafés und Kneipen diese nur nach expliziten Nachfragen herauszugeben, macht das Problem aber auch nicht besser.

Wieder würden neue Barrieren aufgebaut, die es Menschen mit Behinderung schwer machen, autonom zu leben. Wieder würden Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft benachteiligt werden und in die Position des*der Bittsteller*in gebracht werden oder eine vermeintliche Extrawurst bekommen.

Ja, wir müssen unseren Plastikkonsum vermindern. Wir müssen achtsamer mit unserer Umwelt umgehen. Und es braucht auch auf politischer Ebene organisierte Regelungen, um unseren Verbrauch zu kontrollieren. Aber das darf nicht auf Kosten anderer Menschen passieren – die Politik muss inklusiv denken, wenn wir gute Gesetze für alle wollen. Und wenn das Wissen fehlt, dann muss an der Stelle eben Rat von Expert*innen zu den entsprechenden Themen gesucht werden, denn von denen gibt es genug.

Politik muss inklusiv denken, wenn wir gute Gesetze für alle wollen.“

Natürlich müssen wir über die Verschmutzung durch Plastik sprechen und natürlich braucht es hier auch Verbote. Aber der Strohhalm scheint doch ein denkbar kleines Problem, wenn wir über Umweltverschmutzung, CO2–Ausstoß und Klimawandel sprechen. Wie wäre es, wenn wir Massentierhaltung, Flüge, Schifffahrten, die Autoindustrie, oder den Kohleabbau und und und auch noch sehr viel konsequenter in den Blick nehmen?


von Judith Riemann auf EDITION F

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