Street Styles of Tehran: Wie iranische Fashionblogger*innen das Bild ihrer Heimat prägen

Ein Blogger und eine Fotografin aus Teheran finden, dass die Kleiderordnung des islamischen Regimes zu besonders kreativen Styles führt. Mit ihrer Arbeit wollen sie Vorurteile abbauen.

Wenn der Iran in den Schlagzeilen europäischer Medien auftaucht, erfährt man oft mehr über Donald Trumps Twitter-Feed als über den Alltag der Menschen, die dort leben.

„Wenn ein Land sanktioniert und isoliert und in den Medien konstant negativ dargestellt wird, ist das erste, was stirbt, die Kultur“, sagt Araz Fazaeli. Er ist der Gründer des Blogs The Tehran Times, der sich mit Street Fashion aus dem Iran beschäftigt, um die Kultur zu bewahren. „Unsere Mission ist es, die Eleganz und Anmut zu zeigen, mit der sich iranische Menschen ausdrücken“, schreibt Araz auf seiner Webseite. „Dazu bilden wir oft ignorierte Aspekte des iranischen Lebens ab: Mode und Kunst.“

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Foto: Narsis Zahed

Araz lebt und arbeitet inzwischen als Designer in Paris und betreibt den Blog mit Hilfe eines jungen Teams in Teheran. Mit dem Begriff Street Fashion soll gezeigt werden, wie Menschen sich anziehen, bevor sie auf die Straße gehen. Denn im Iran gibt es dafür Regeln, die von Ordnungskräften mal mehr und mal weniger streng ausgelegt werden. Männer können in Schwierigkeiten geraten, wenn sie kurze Hosen oder ein Tanktop tragen, Frauen sollen Haare, Arme und Beine sogar vollständig bedecken.

Die Szene ist klein, aber besonders kreativ

Gerade weil ihr Kleidungsstil so strengen Regeln unterliegt, zeugen die Outfits von Frauen oft von besonderer Kreativität und verdeutlichen, wodurch die iranische Street Fashion heraussticht. Araz gibt ein Beispiel: „Sagen wir, es gibt einen neuen Balenciaga-Sneaker, für den sich die Modewelt interessiert. In Europa würden Frauen ihn mit oversized Shirts kombinieren. Im Iran legen sie sich das oversized Shirt um wie einen Manteau. Natürlich will man den selben Trends folgen wie Menschen im Rest der Welt. Es erfordert aber mehr Kreativität.“ Der Manteau ist ein langer Mantel, der auch die Arme bedeckt und bis zu den Knien reicht, und ein obligatorisches Kleidungsstück für Frauen.

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Foto: Donya Joshani

„Vor zehn Jahren war so etwas wie ein offener Manteau ohne Knöpfe nicht vorstellbar“, sagt Donya Joshani. „Heute kann aber vieles als Manteau ausgelegt werden.“ Donya ist Fotografin, lebt seit zwei Jahren in Berlin und hat lange für The Tehran Times gearbeitet. Auf ihrem Instagram-Account bildet auch sie Iraner*innen mit Modebewusstsein ab. Sie glaubt, dass der Manteau für einen Aufschwung der iranischen Design-Szene verantwortlich ist: „Vor den Sanktionen gab es noch Ableger von Zara oder H&M. Es gab außerdem iranische Äquivalente, die sehr simple Designs verkauften, und High-Fashion-Designer, die nur Anzüge für Männer hergestellt haben. Aber es gab keine Möglichkeit, einen interessanten Manteau zu kaufen. H&M designt keine Manteaus. Also musste man es selbst machen.“ Heute werden interessante Manteaus zum Beispiel von den Schwestern Shiva und Shirin Vaqar designt. 2016 wurden sie für den LVMH Prize for Young Fashion Designers nominiert und nach Paris eingeflogen, wo namhafte Modemacher*innen ihre Arbeit bewerteten. Donya findet das eine beeindruckende Errungenschaft: „Unsere Szene ist klein, aber die Menschen müssen auch besonders hart arbeiten. Sie dürfen nicht auf Plakaten werben, sie können nicht in der Vogue oder der InStyle stattfinden. Sie haben nur Instagram.“

Unsere Szene ist klein, aber die Menschen müssen auch besonders hart arbeiten.

Donya Joshani

Straßenfotografie baut Vorurteile ab

Donyas Job bei The Tehran Times bestand darin, auf den Straßen von Teheran jede Woche zwei Menschen mit interessantem Style zu finden und sie zu fotografieren. Modeblogs aus Europa haben selten die Nahbarkeit eines spontanen Shootings auf der Straße. Da will man sich eher den Glamour einer kosmopolitischen Fashion-Szene anlegen und nicht vor seiner Haustür stehen. Araz nutzt aber diese Hinweise auf Authentizität, um Vorurteile abzubauen. Diese Vorurteile sind ihm zum Beispiel begegnet, während er in Vancouver zur High School ging: „Meine Mutter hat mich von der Schule abgeholt und sie trug eine Markenhandtasche, vielleicht war es Luis Vitton. Am nächsten Tag machten sich die kanadischen Kinder über mich lustig: Wie kann sich deine Mutter eine Markenhandtasche leisten, wenn doch in eurem Heimatland die Menschen noch Kamele reiten?“

Donya gibt auf die Frage nach der Intention ihres Instagram-Kanals an, sie wolle „zeigen, dass wir nicht in einer isolierten Wüste leben und nicht auf Kamelen zur Arbeit reiten.“ So absurd es klingt, scheinen viele Iraner*innen im Ausland mit dieser sehr spezifischen Falschannahme konfrontiert zu werden. Das Kamel ist ein Sinnbild für die eingeschränkte und vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des Iran. Araz sagt: „Dank Social Media sind junge Menschen auf der ganzen Welt vernetzt. Zu denken, dass junge Menschen im Iran nicht dieselben Einflüsse haben, weil sie in einem islamischen Land im Nahen Osten leben, finde ich beleidigend. Mehr als das: Sie sind kreativer. Sie finden Wege, die Regeln zu respektieren und trotzdem Style und Persönlichkeit zu beweisen.“

Diese Persönlichkeit wird in der Straßenfotografie besonders gut ausgedrückt. „Es ist nicht schwer, einem Model stylische Klamotten anzuziehen, davon ein gut ausgeleuchtetes Foto zu machen und zu sagen: Das ist Mode“, sagt Donya. „Ist das aber interessant, ist es persönlich? Straßenfotografie zeigt, wie Personen aussehen wollen. Sie drücken etwas aus mit der Art und Weise, wie sie sich anziehen.“ Weil auf den Bildern Persönlichkeiten ausgedrückt werden, kann man sich mit denen dann auch außerhalb der Landesgrenzen identifizieren, und aus einer abstrakten Vorstellung von einem Land werden echte Menschen, mit denen man vieles gemeinsam hat. Mode ist dafür nur ein besonders anschauliches Beispiel.