Supergirl gegen den Brexit: So will Madeleina Kay die Brit*innen vom Bleiben überzeugen

Madeleina Kay singt gegen den Brexit – im Superheldinnenkostüm und mit Schäferhündin Alba. Dass Großbritannien im kommenden März wirklich aus der EU austritt, glaubt sie nicht.

Madeleina Kay_Brexit_by Jeff Kew

Der drohende EU-Austritt des Vereinigten Königreichs hat die Studentin Madeleine Kay aus Sheffield zur singenden Aktivistin gemacht. Foto: Jeff Kew

„Wir haben immer gehofft, dass wir alleine stärker wären, aber das sind wir nicht“, singt eine junge Britin in die Kamera ihres Laptops. Den Song könnte man für ein beliebiges Liebeslied halten. Ist er aber nicht: I think we should stay gehört zu den Liedern, die Madeleina Kay aus Protest gegen den Brexit geschrieben hat. Der drohende EU-Austritt des Vereinigten Königreichs hat die Studentin aus Sheffield zur Aktivistin gemacht. Tatenlos zusehen wollte sie nicht. Stattdessen ist sie mit ihren Protestsongs inzwischen in unzähligen Städten von London über Brüssel bis Berlin aufgetreten.

Eine Superheldin für Großbritannien

Am 29. März 2017 teilte die britische Premierministerin Theresa May dem Europäischen Rat mit, dass das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen würde. Die Verträge der EU sehen dafür zweijährige Verhandlungen vor: Bis Ende März 2019 sollen diese beendet sein. Noch gibt es aber keinen Deal, mit dem beide Seiten einverstanden sind. Ihnen läuft die Zeit weg. „Die ganze Welt schaut auf uns, aber hier wollen die Leute nichts mehr vom Brexit hören: Sie haben es einfach satt“, sagt Madeleina. Lange Zeit hatte sie auch die Remain-Kampagne satt: Alle sprachen davon, wie schlecht der Brexit sei. Niemand sprach aber davon, welche Vorteile die EU bot. „Der Kampagne fehlte eine positive Botschaft, ihr fehlte Hoffnung“, kritisiert sie heute.

Nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 war sie desillusioniert und griff nach ihrer Gitarre. Politisch hatte sie sich bisher nicht engagiert. Der erste Protestsong, den sie schrieb, hieß I’m sorry we left EU. Ihn stellte sie ins Netz und eine lokale Gruppe der Liberaldemokrat*innen, eine der Parteien im Parlament des Vereinigten Königreichs, lud sie ein, bei einer Demo gegen den Brexit aufzutreten. Auf der Bühne fing sie an, ein Supergirl-Kostüm zu tragen. Und sie trat nicht allein auf: „Ich habe eine große, weiße Schäferhündin. Viele halten sie für eine Wölfin und wollen Fotos mit ihr“, erzählt Madeleina. „Als ich ihr ein Kostüm mit EU-Flaggen angezogen habe, waren die Leute verrückt nach ihr. Da habe ich mir gedacht, vielleicht sollte ich mich auch verkleiden.“ Heute prangt das rote S auf ihrem Oberteil und um ihre Schultern flattert ein Umhang. Das Vereinigte Königreich brauche jetzt eine Superheldin, findet sie.

Als sie einen Bloggingwettbewerb der Europäischen Kommission gewann, wurde sie nach Brüssel eingeladen. Im Oktober 2017 ging sie dort im Superheldinnen-Kostüm zu einer Pressekonferenz von Michel Barnier, dem Brexit-Beauftragten der EU, und dem britischen Konservativen David Davis – und wurde vor die Tür gesetzt. „Das Sicherheitspersonal fand mein Kostüm wohl seltsam, dabei hatte ich überhaupt nicht die Absicht, die Pressekonferenz irgendwie zu stören“, erinnert sie sich erboßt. Etwas Gutes hatte der Rausschmiss aber: „Die Medien haben mir den Hashtag #EUSupergirl gegeben. Seit dem Tag ist es immer größer geworden und es gab immer mehr Auftritte.“

Nicht perfekt, aber die beste Option

Madeleina eckt an: Egal, ob sie vor ihrer Laptopkamera singt oder zu Großveranstaltungen eingeladen wird, ihre Auftritte sind anders als die von britischen Politiker*innen. Wenn sie grinst, blitzt ein Silberring an ihrem Lippenbändchen auf. Ihr Pony ist blau gefärbt, ihr Kostüm schrill, ihre Lieder zum Mitsingen gemacht. „Ich will die erreichen, die eigentlich nichts mehr vom Brexit hören möchten, weil auch sie verstehen müssen, dass diese Entscheidung ihr Leben verändern wird“, sagt sie dazu. Ihre Kritik trifft vor allem das Bildungssystem: „In unseren Schulen lernen wir zu wenig über britische Politik und noch weniger über EU-Politik. Das müssen wir jetzt nachholen.“

Mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert fuhr sie im Dezember in einem quietschgelben Bus quer durch das Vereinigte Königreich, Irland und Belgien, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Bollocks to Brexit stand in großen Buchstaben auf dem Bus. Das heißt so viel wie Scheiß auf den Brexit. Seitdem findet sie das Vorhaben der Brit*innen vor allem egoistisch: „Der Brexit kann zum Beispiel furchtbare Auswirkungen auf die irische Wirtschaft haben, obwohl die Republik Irland ja nicht mitbestimmen kann, ob das Vereinigte Königreich austritt oder nicht.“

Dass die EU perfekt sei, sagt sie nie. „Ich habe nicht EU-Recht oder so studiert. Aber ich habe mir die Mühe gemacht, zu recherchieren und mit Leuten zu sprechen, die mehr wissen als ich.“ Ihre persönliche Liste mit Vorteilen der EU ist lang: Darunter sind jahrzehntelanger Frieden zwischen den Mitgliedsstaaten, der Schutz von Konsument*innen- und Arbeitnehmer*innenrechten, der Binnenmarkt. Aber es gibt noch viel zu verbessern, räumt sie ein. Vieles ist ihr zu bürokratisch. Einmal wollte sie eine Europäische Bürgerinitiative, eine Art offizielle Petition, starten, aber der bürokratische Aufwand war gigantisch. „Um daran etwas zu ändern, müssen alle EU-Bürger*innen zusammenarbeiten. Das ist die beste Option, die wir haben.“

Die Zeit wird knapp

Am 29. März 2019 soll nicht nur der Brexit besiegelt sein. Es wird auch Madeleinas 25. Geburtstag sein. Dass es dann vorbei ist mit dem Brexit, glaubt sie nicht. „Entweder muss das Vereinigte Königreich um eine Verlängerung bitten, was die EU aber nur zuließe, wenn es ein zweites Referendum gäbe“, glaubt Madeleina, „oder die britische Regierung nimmt den Artikel 50, der den Austritt eingeleitet hat, zurück und bleibt in der EU, weil sich ein Austritt einfach nicht regeln lässt.“

Torschusspanik hat Madeleina nicht. Stattdessen gibt sie nicht auf: „Meistens füllt sich mein Kalender erst einige Tage vorher“, sagt sie und lacht. „Die Medien und die Politik sind schnell und stressig, da bleibt keine Zeit zum Abwarten.“ Im Februar und im März möchte sie noch mehr Songs aufnehmen und wird bei Podiumsdiskussionen und Demonstrationen auftreten. Die Brit*innen vom Bleiben zu überzeugen, ist nicht ihr einziges Ziel. Stattdessen hat sie bereits das nächste ins Auge gefasst: junge Menschen in ganz Europa dazu zu animieren, bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai dabei zu sein. Sie will Überzeugungsarbeit leisten – mit ihrer Gitarre und im Supergirl-Kostüm.