Tag der Muttersprache: Ich will nicht mehr, dass Menschen verstummen

Muttersprache ist nicht nur eine höchst politische, sondern auch emotionale Angelegenheit. Das weiß unsere Autorin, weil sie selbst zwei Muttersprachen spricht. Ein Essay

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Aus der Scham, die unsere Autorin einst für ihre Muttersprache empfand, wurde Trotz. Und anschließend Liebe. llustration: © ze.tt / Elif Kücük

Ich bringe kaum einen ordentlichen Satz auf Deutsch zustande, als ich mit fast vier Jahren in den Kindergarten komme. Da sind lediglich Wort- und Satzfetzen, die ich meist im Fernsehen aufschnappe. Ein Familienvideo aus dieser Zeit zeigt mich, wie ich im Wohnzimmer immer und immer wieder „Königin Löwen!“ brülle, lauter und lauter, je öfter meine ältere Schwester mich mit „König der Löwen“ korrigiert. Zum Schluss fließen bittere Tränen. Mit knallrotem Kopf zerreiße ich die Fernsehzeitschriften auf dem Sofa, in denen meine Schwester zuvor blätterte. Was wollt ihr denn verdammt, es hört sich doch beides gleich an! Sprache hat mich schon immer wütend gemacht: mit ihren eigenen Regeln und jenen, die erst zu welchen werden, wenn sie durch Sprache formuliert werden. Diese Wut ist eines der quälendsten und schönsten Gefühle, die ich kenne.

Meine Mutter hatte beschlossen, mich in ihrer Muttersprache zu erziehen: Türkisch. Das war keine Entscheidung aus Bequemlichkeit –meine Eltern sprechen beide Deutsch, wenn auch nicht so gut wie Türkisch – sondern zu meinem Wohle: „Ich dachte, dass es wichtig ist, dass ein Kind erst mal eine Sprache gut beherrscht“, sagt sie. Heute bestätigen Kognitions- und Sprachwissenschaftler*innen das, was meine Mutter damals instinktiv ahnte: Sie raten Migrant*innen, mit ihren Kinder nicht unbedingt Deutsch, sondern ihre Familiensprache zu sprechen. Gila Hoppenstedt vom German Institute for Immersive Learning (GIFIL) begründet das damit, dass die Muttersprache der Schlüssel für die zweite Sprache sei. Die erste Sprache forme kognitive Voraussetzungen, um Inhalte zu verstehen und zu verarbeiten. Darauf können wir immer wieder zurückgreifen, auch wenn wir eine neue Sprache lernen. Das Gegenteil könne im schlimmsten Falle dazu führen, dass sich die muttersprachlichen Kenntnisse der Kinder verschlechtern, während sich ihre Deutschkenntnisse auch nicht verbessern, meint Natalia Gagarina vom Berliner Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft.

Was bleibt, wenn uns die Sprache genommen wird?

Dabei ist Bilingualität weltweit keine Seltenheit. Mehr als die Hälfte der Menschen sprechen zwei Sprachen, Schätzungen schwanken zwischen 60 und 75 Prozent. Und wie auch in Deutschland ist Muttersprache an vielen Orten der Welt politisch. Dass ich mit einer Sprache aufwachsen durfte, die meine nächsten Bezugspersonen so gut beherrschten, dass der Austausch sie nicht aus Anstrengung zerrieb, sie ihren Kindern die Welt begrifflich erfahrbar machen konnten, um sie gemeinsam zu begreifen, ist nicht selbstverständlich. Die Familiensprache meines Vaters war einst Kurdisch, bis sie durch staatliche Repression von der türkischen Dominanzkultur verdrängt wurde. Noch heute gibt es viele, vor allem ältere Menschen in kurdischen Städten Südostanatoliens, die kein Türkisch sprechen können. Doch in den öffentlichen Behörden, Krankenhäusern und Schulen wird Türkisch gesprochen, das Kurdische wird als Bedrohung wahrgenommen. Diese Menschen verstummen in einem Raum, der ihnen zuvor Schutz bot. Mit Sprache beziehen wir uns zur Welt und erlangen zugleich die Fähigkeit, von uns selbst Abstand zu nehmen, uns selbst zum Gegenstand unserer Worte zu machen, ein Ich zu werden. Was bleibt, wenn uns das genommen wird?

Stattdessen fühlen sich auch hierzulande manche von der Muttersprache oder Mehrsprachigkeit anderer Menschen bedroht. Damit meine ich nicht nur die, die einem in der Straßenbahn mal gerne „Redet gefälligst Deutsch in Deutschland!“ entgegenbrüllen.

Schaue ich mich im Umfeld meiner Eltern um, der sogenannten Gastarbeiter*innen und ihrer Kinder in Deutschland, sehe ich, dass ganze Generationen dasselbe Schicksal der Sprachlosigkeit teilen, an dem sie zerbrochen sind und zerbrechen. Ich kenne unzählige Biografien und Geschichten, die von Gewalt, Verlust und Demütigung geprägt sind. Viele Frauen haben sexualisierte Gewalt erfahren. All dies sind unbehandelte Traumata, die nun an die nächste Generation weitergegeben werden. Manche aus diesem Umfeld haben sich in Therapie begeben, oft erfolglos. Es gibt in Deutschland immer noch zu wenige Therapeut*innen, die sie in ihrer Muttersprache behandeln können.

Stattdessen fühlen sich auch hierzulande manche von der Muttersprache oder Mehrsprachigkeit anderer Menschen bedroht. Damit meine ich nicht nur die, die einem in der Straßenbahn mal gerne „Redet gefälligst Deutsch in Deutschland!“ entgegenbrüllen. Gibt man in der Google-Suche „Muttersprache“ ein, werden lauter Ergebnisse ausgespuckt, in denen es mal wieder um das eine geht: Integration. Es bereitet mir schon Magenkrämpfe, dieses Wörtchen zu tippen. Sprache hat eindeutig die Kraft, real und körperlich zu wirken.

Hierzulande wird allen Ernstes darüber diskutiert, welche Sprache Menschen zu Hause sprechen

Im Dezember 2014 machte die CSU mit der Forderung Schlagzeilen, Migrant*innen sollten auch zu Hause Deutsch sprechen. Dies wollte man auf dem Parteitag als Leitantrag verabschieden. Sechs Jahre zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Aussagen „Multikulti hat ausgedient, wir müssen zusammenwachsen“ und „Dazu muss man erstmal die Sprache lernen des Landes, in dem man lebt“ in ähnlichen Gewässern gefischt. Doch es gab große Kritik für den Vorstoß der CSU, auch aus der CDU. Daraufhin schwächte der damalige Parteichef Horst Seehofer die Forderung ab. Man habe nie migrantische Familien dazu verpflichten wollen, zu Hause Deutsch zu sprechen, hieß es. Aus der Formulierung,  Zuwander*innen sollten „dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen“, wurde „sollen motiviert werden“. Wie großzügig.

Während ein französischer Akzent als charmant und feingeistig wahrgenommen wird – mais oui, das passt doch zu uns Deutschen durchaus! – wurden meine Eltern aufgrund ihres türkischen Akzents oft verhöhnt.

Bei den Diskussionen um Herkunfts- und Dominanzsprache geht es wohlgemerkt nie um das Französische oder Englische – genau so wenig, wie es um französische oder britische Migrant*innen geht, wenn von Integration gesprochen wird. Es geht immer um Menschen, die selbst in der zweiten, dritten Generation aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft als fremd gelesen werden. Es geht um marginalisierte Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder der Klasse, der sie angehören, das Selbstbild einer kulturell homogenen, weiß-christlichen Gesellschaft stören. Während ein französischer Akzent als charmant und feingeistig wahrgenommen wird – mais oui, das passt doch zu uns Deutschen durchaus! – wurden meine Eltern aufgrund ihres türkischen Akzents oft verhöhnt. Ich erinnere mich an all die Momente, die ich als Kind beobachtete, wie meine Eltern in Diskussionen mit Beamt*innen, Polizist*innen, Arbeitskolleg*innen stotterten, um nicht zu verstummen, und ihnen ihre sprachliche Unterlegenheit gleichsam ins Gesicht gescheuert wurde wie eine selbstgefällige Ohrfeige. Jedes Mal hat auch meine Wange geglüht danach, jedes Mal dachte ich, in mir sei etwas kaputt gegangen.

Wie ich anfing, mich für meine Muttersprache zu schämen

Ich bin aber ganz geblieben. Der Ehrgeiz meiner Eltern und ihr Wille, den Kindern diese Erniedrigungen zu ersparen, hat mich wieder zusammengeflickt, auch wenn die Stiche oft schmerzten. Das Alphabet musste ich schon vor meiner Einschulung rauf und runter sagen (meiner Schwester hatte meine Mutter das Lesen und Schreiben bereits vor der Einschulung beigebracht, aber sie bekam Ärger, weil sich meine Schwester im Unterricht zu sehr langweilte), später gab es für jede Zwei, die ich im Fach Deutsch mit nach Hause brachte, einen tadelnden Blick, weil es keine Eins war. Die Lehrer*innen sagten meinen Eltern: „Aus Şeyda wird mal was.“ Sollte heißen: Sie hat sich die Sprache zu eigen gemacht. Sie kann später ihre Stimme hörbar machen.

In einer anderen Gesellschaft wären wir keine derart wütende Familie gewesen. Sich zu behaupten, hätte auch nicht über Sprache als Mittel der Macht funktioniert, in der Abweichungen bestraft werden. In einer anderen Gesellschaft hätte ich vielleicht auch nicht begonnen, mich auf der weiterführenden Schule für meine Mehrsprachigkeit zu schämen. Wenn meine Freundin Cornelia zu Besuch war, und meine Eltern mit mir Türkisch sprachen, bin ich in Grund und Boden versunken. Ich hatte gelernt, dass ich über eine gemeinsame, exklusive Sprache dazugehören darf, warum wollten meine Eltern sie mir wieder nehmen? Meine Wut richtete sich nun gegen sie. Im Türkischunterricht in der 6. Klasse tat ich völlig unfähig. Und ich war nicht die Einzige: Mein Klassenkamerad Kaan, von dem ich genau wusste, dass er bestens Türkisch sprach, war plötzlich nicht im Stande, die einfachsten türkischen Wörter auszusprechen, sobald herkunftsdeutsche Kids mit im Raum waren. „Kooookuuuuklaaaaar“ stammelte er einmal, als er das Wort „Çocuklar“, Türkisch für „Kinder“, vorlesen sollte. Wir anderen lachten laut, weil wir natürlich wussten, dass es „Tschodschuklar“ ausgesprochen werden musste. Und machten es ihm dann nach, als wir selber dran waren.

Ich kann selbst aussuchen, welche meine Muttersprache ist

Aus der Scham wurde im Laufe der Jahre Trotz, die Wut habe ich mit Liebe vermengt. Was Sprache für eine Kraft hat, ist unfassbar. Und erst Mehrsprachigkeit! Über Sprache werden Welt- und Selbstbilder verhandelt, die je nach Sprache variieren können. Heute kann ich laut auflachen, wenn mir jemand mit dem allseits bekannten „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ begegnet – denn das gehört nämlich auch dazu: zu erwarten, dass migrantisierte Menschen fließend Deutsch sprechen und sie dann doch wieder daran zu erinnern, warum sie eigentlich nicht in der Lage dazu sein sollten, fremd soll eben fremd bleiben. Ich würde dann aber am liebsten antworten: „Wissen Sie, ich spreche vier Sprachen fließend, bei der fünften muss Google Translator vielleicht mal nachhelfen, vous baudet, shut up, vattene, e allah belanı versin“, und genüsslich an meiner Zigarette ziehen. Ich fühle mich dadurch oft mächtig, auch wenn ich weiß, dass das ein trügerisches Gefühl ist. Wer nach einem vermeintlichen Grund sucht, mir meine Daseinsberechtigung und Zugehörigkeit abzusprechen, wird ihn schon finden.

Ich weiß auch, dass ich privilegiert bin. Ich kann diesen Kampf um Wörter führen, ihm auch spielerisch begegnen, weil ich studiert habe, weil Sprache mein Werkzeug ist. Was ich auch erst lernen musste: Auch Muttersprache ist ein Konstrukt. Ich kann selbst aussuchen, welche meine Muttersprache ist. Auf die Idee brachte mich meine Schwester, als sie mich vor einigen Jahren darauf hinwies, in meinem Lebenslauf Türkisch und Deutsch als Muttersprachen anzugeben. Deutsch ist heute die Sprache, die mir die größte Selbstsicherheit gibt. Aber nur, weil ich die Chance hatte, zuvor mit einer anderen Muttersprache aufzuwachsen. Bedeutet dies, dass ich dagegen bin, dass wir als Gesellschaft eine gemeinsame Sprache finden, die weder Mutter, Vater, noch irgendetwas ist? Ganz und gar nicht. Ich will, dass Menschen, die das wollen, jede Möglichkeit geboten wird. Aber nicht, weil sie Angst haben. Sondern allein, weil sie ein Miteinander auf Augenhöhe erwartet.