Tag der Pflegenden: Was jetzt für Menschen in Pflegeberufen wichtig ist

Die 26 Jahre alte Gesundheits- und Krankenpflegerin Lea Friedrich fordert mehr Wertschätzung für ihr Berufsfeld. Wie kann das auch nach der Corona-Krise langfristig gelingen? Ein Interview

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Der 12. Mai ist seit 1965 der Internationale Tag der Pflegenden. Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Zurzeit befindet sich Lea Friedrich, 26, in Elternzeit. Ihre erste Tochter ist Ende vergangenen Jahres zur Welt gekommen, sie verbringt ihre Tage in der um ein weiteres Mitglied gewachsenen Familie. Wenn sie wieder in ihren Job zurückkehrt, wird die Gesundheits- und Krankenpflegerin in Berlin zurückgeworfen in einen stressigen Alltag.

Sie ist seit 2017 examinierte Pflegerin, nicht fix auf einer Station, sondern als Springerin überall dort im Einsatz, wo sie gebraucht wird. Ihr Beruf macht Lea Spaß, wie all ihre Kolleg*innen verspürt aber auch sie häufig Wut und Frust. Deshalb hat sie mit Kolleg*innen vor vier Jahren den Berliner Pflegestammtisch gegründet, um sich zu vernetzen.

Um die Forderungen ihres Berufsstandes auch in die Öffentlichkeit zu bringen, haben Lea und ihre Kolleg*innen 2017 zudem den ersten Walk of Care gestartet. Nach Berlin findet der Walk of Care inzwischen auch in weiteren deutschen Großstädten statt wie Stuttgart, Aachen oder Hamburg. Mit Transparenten und Musik ziehen hunderte Pflegekräfte in ihrer Arbeitskleidung durch die Straßen.

Der Walk of Care findet jedes Jahr am 12. Mai statt, anlässlich des Geburtstages von Florence Nightingale am 12. Mai 1820. Die britische Krankenpflegerin revolutionierte im 19. Jahrhundert die Pflege, als sie nach ihrem Einsatz im Krimkrieg das Sanitätswesen in Großbritannien reformierte und der Krankenpflege zu ihrem Status als Lehrberuf verhalf. Nightingales Schriften gelten als Grundlage für die moderne westliche Pflegetheorie. Sie betonte immer wieder, wie viel Wissen nicht nur für den Ärzt*innen-, sondern auch für den Pflegeberuf notwendig sei. Der 12. Mai ist seit 1965 der Internationale Tag der Pflegenden.

Mehr Wertschätzung für den Beruf, seine Expertise und überhaupt eine Pflegekultur, das fordern Pflegeaktivist*innen wie Lea Friedrich, die in diesem Jahr den Walk of Care aufgrund der Corona-Pandemie digital begehen.

ze.tt: Lea, wie erleben deine Kolleg*innen in Pflegeberufen gerade die Corona-Zeit?

Lea Friedrich: Viele Kolleg*innen aus der Pflege berichten mir von einem interessanten Nebeneffekt, den die Pandemie auch hat. Da viele Operationen abgesagt wurden und die Belegung auf den Stationen teilweise nur 50 Prozent beträgt, ist jetzt gerade genug Zeit, um tatsächlich so zu pflegen, wie man es sich im Normalfall wünscht oder wie es in vielen anderen Ländern auf der Welt ja auch schon ist. Neben dem Bild von stressigen Intensivstationen und Beatmungsmaschinen entstehen auch solche Bilder und ich wünsche mir, dass die nach der Pandemie auch Normalität werden. Wir profitieren ja alle davon, wenn eine Pflegekraft Zeit hat, sich zu deiner Oma ans Bett zu setzen und ihr auch mal zuzuhören, anstatt ihr nur die Medikamente hinzustellen.

Du hast gemeinsam mit anderen, vor allem jüngeren Pflegekräften, im Jahr 2017 den Walk of Care ins Leben gerufen. Was war der Anlass dafür?

Angefangen hat der Walk of Care aus einer Initiative vom Berliner Pflegestammtisch. Der wiederum ist in meiner Ausbildungszeit entstanden. Auch ich hatte einen großen Frustmoment mitten in der Ausbildung und war kurz davor, abzubrechen. Zum Glück waren wir eine Gruppe von Auszubildenden, die gesagt haben: Okay, also entweder wir werfen gemeinsam das Handtuch und brechen ab, oder wir machen was. Erst hatten wir die Idee, zu streiken. Die haben wir schnell verworfen, wir wollten irgendwie etwas Konstruktiveres und haben an unserer Pflegeschule eine Pflegekonferenz organisiert. So haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir selber zu Veränderung beitragen können und haben eben einfach nicht mehr aufgehört. Es sind eigentlich selten die Menschen in Führungsetagen, die wollen, dass es uns schlecht geht. Es ist ein strukturelles Problem.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen mehr Personal, garantierte Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Berufseinsteiger*innen brauchen Zeit und Betreuung für die praktischen Anleitungen. Was wir in Büchern lernen, müssen wir ja auch anwenden können. Und das ist in der Realität immer wieder schwierig, weil dafür nicht mehr so die Zeit da ist. Wenn eine Station unterbesetzt ist, heißt es: Praxisanleitung gibt es heute nicht, ihr müsst direkt ran. Wir fordern eine gute Ausbildung für die Pflege. Und wir brauchen eine gemeinwohl-orientierte Finanzierung.

Du forderst für die Lösung des Problems neben dem politischen auch einen kulturellen Wandel. Wie soll der aussehen?

Der kulturelle Wandel, den wir anstreben, beschreibt eigentlich, wie Pflege in der Gesellschaft gesehen wird. Wir müssen dieses klassische Bild der Nonne überwinden. Also das historisch gewachsene Bild von: Wir machen das aus Barmherzigkeit, aus Fürsorge, es ist unbezahlt und meistens von Frauen ausgeführt.

Wie kann man diesen Wandel in Gang setzen?

Wir vom Walk of Care nutzen vor allem kulturelle Mittel dafür. Wir machen ganz unterschiedlich Projekte, die mit Theater oder Poetry Slam zu tun haben, Musik oder Kurzfilmen. Gerade mit dem Film können wir zeigen, was wir uns tatsächlich wünschen für den Beruf und was wir gerne anders machen möchten. Wir sind auch oft im Kasack unterwegs, der Arbeitskleidung, weil wir die Pflege beim Einkaufen oder im Supermarkt sichtbar machen wollen. Ich habe ein totales Glück, weil ich meine kreative Seite so ausleben kann. Dazu habe ich eine halbe Stelle in der Kreativwerkstatt meiner Klinik. Dieses ganze Format, dieser Raum, ist durch unseren Einsatz erst entstanden. Der Raum an unserer Klinik soll Mitarbeiter*innen Entfaltungsräume schaffen. So sollen junge Arbeitskräfte gehalten und der Beruf generell auch nach außen sichtbar und attraktiv gemacht werden.

Beim Walk of Care legt ihr Wert darauf, von Gesundheits- und Krankenpflegenden zu sprechen. Wieso bezeichnest du dich nicht gerne als Krankenschwester?

Es kommt darauf an, mit wem ich spreche. Ich stelle mich auch vor als Schwester Lea, das stört mich nicht. Ich setze nur gerne neue Impulse und kläre auf. Wie ich auftrete, definiert ja auch, wie ich gesehen werde. Manchmal habe ich das Gefühl, bei Gesundheits- und Krankenpflegerin wissen manche Menschen nicht, was das eigentlich ist, da ist Krankenschwester verbreiteter. Aber ich finde es gerade für einen kulturellen Wandel wichtig, meine tatsächliche Berufsbezeichnung zu nennen. Mir gefällt das Wort Gesundheit dabei. Es geht nicht nur darum, Kranke zu pflegen, sondern auch um das Erhalten von Gesundheit und ich lege darauf den Fokus. Deswegen werde ich nie müde, das lange Wort auch auszusprechen. Und ich finde das wichtig, weil es männlichen Kollegen den Raum gibt, dass sie diesen Beruf auch ergreifen können und keine ‚Hilfsarbeiter‘ oder ‚Zivis‘ sind.

Seit Jahren beschweren sich Pfleger*innen über schlechte Arbeitsbedingungen, Stress und Bürokratie. Aber grundsätzlich hat sich am System Pflege nichts verändert. Woher nehmt ihr die Energie, weiter aktiv zu bleiben?

Ich möchte meinen Beruf ja ausüben. Aber so, wie es jetzt ist, kann ich das nicht 40 Jahre machen. Doch mit der Aussicht, die wir uns selbst erschaffen, mit der Vision, die wir von moderner Gesundheits- und Krankenpflege haben, habe ich richtig Bock darauf. Ich habe Lust, mitzugestalten. Ich möchte die Verantwortung auch nicht an die Politik abgeben. Wir machen das selber und wir setzen uns ein! Wir fordern eine politische Mitbestimmung. Wir möchten mit an den Tischen sitzen, wenn entschieden wird. In den Gremien fehlt die Pflege oft, auch das ist historisch so gewachsen und da gehen wir ganz krass gegen vor. Es tut gut, sich selbst einzubringen. Ich habe das Gefühl, dass ich, auch wenn ich um vier Uhr aufstehe und vielleicht müde und erschöpft bin, inzwischen mit einem anderen Selbstverständnis pflege. Ich sehe mich nicht als passiven Teil in einem riesigen System, sondern als einen sehr aktiven.

Der britische Streetart-Künstler Banksy hat zur Corona-Pandemie ein Bild veröffentlicht, auf dem ein kleiner Junge mit einer Pflegerinnenpuppe im Superman-Umhang spielt. Spider-Man und Batman legen neben ihm im Müllkorb. Wie fühlst du dich damit, dass jetzt viele Leute von Pfleger*innen als Held*innen sprechen?

Ich finde es gut und wichtig, dass es auch eine weibliche Krankenpflegerin ist, die dargestellt wird. Ich finde es aber auch wichtig, dass Männer den Beruf ergreifen. Ich freue mich über diesen Fokus, den das Thema Gesundheit kriegt. Dieses ‚Bleib gesund‘ ist jetzt in aller Munde, wo es sonst nur auf Geburtstagskarten steht. Dass ich so auch als Heldin dargestellt werde, macht mich stolz und macht mir Hoffnung, dass wir das schaffen mit dem kulturellen Wandel. Aber ja, Applaus reicht halt nicht aus. Natürlich wünsch‘ ich mir, nicht nur als Heldin gefeiert zu werden, sondern dass Menschen sich selbst um ihre eigene Gesundheit kümmern und sich nicht nur darauf verlassen, dass ich da bin, wenn sie Hilfe brauchen. Ich wünsche mir, dass sich Menschen auch umeinander kümmern.

Wie können euch Leute unterstützen, die selbst nicht in der Pflege tätig sind?

Ihr könnt davon erzählen, dass es Menschen gibt, denen es nicht egal ist, wie wir alle in Zukunft gepflegt werden und die das jetzt schon angehen. Ihr könnt auf Social Media oder auf unsere Website schauen und am 12. Mai um 16 Uhr beim Livestream dabei sein. Ab sofort läuft unsere Kampagne #gibuns5, dafür könnt ihr euch selbst fotografieren. Man sollte auf dem Bild das Gesicht sehen und eure Handfläche, so als würdet ihr uns ein High Five geben. Damit zeigt ihr, dass ihr unsere Forderungen unterstützt und hinter uns steht.

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