Tausend Interessen? So findest du einen Beruf, der zu dir passt

Die Wahl des richtigen Berufs fällt vielen schwer. Für Menschen, die vieles spannend finden und ständig neue Ideen haben, ist sie nochmal eine besondere Herausforderung. 

Tausend Interessen? So findest du einen Beruf, der zu dir passt

Menschen mit vielen Begabungen und Interessen sind gute Teamplayer, weil sie die Bedürfnisse von anderen mitdenken. Foto: Brooke Eagle / Unsplash | CC0


Die einen sind überzeugt, dass es sie gibt. Die anderen halten sie ähnlich wie Hochsensibilität nur für ein Marketingphänomen: Dieser Artikel handelt von sogenannten Scanner-Persönlichkeiten. Vielbegabte Menschen, denen es aufgrund unzähliger Interessen, Fähigkeiten und spezieller Denkmuster oft schwer fällt, berufliche Erfüllung zu finden.

Vorweg sei gesagt: Wissenschaftlich belegt oder definiert ist die Scanner-Persönlichkeit nicht. Trotzdem fühlen sich viele Menschen dieser Gruppe, welche die US-amerikanische Autorin Barbara Sher in den 1990er-Jahren erstmals beschrieben hat, zugehörig. Wenn im Folgenden von Scannern, Multitalenten, Vielbegabten etc. die Rede ist, dann hat das vor allem den praktischen Grund, dieser Gruppe einen Namen zu geben. Ob sie im wissenschaftlichen Sinne tatsächlich existiert, sei dahingestellt. Es darf sich also jede*r Leser*in angesprochen fühlen, die*der sich in den Eigenheiten, die Christina von justmycoach im Folgenden beschreibt, wiederfindet.

Christina coacht seit Jahren Menschen, die wie sie hochsensible Scanner sind, und lässt sie in ihrem Blog und Podcast an ihren Erfahrungen teilhaben. Wobei sie die Bezeichnung Scanner gar nicht mag: „Wir sind gefühlvolle, kreative Menschen. Viele können sich deshalb nicht gut mit diesem technischen Begriff, der auch eine gewisse Oberflächlichkeit in sich trägt, identifizieren.“ Sie spricht lieber von Multiheld*innen, weil dieser Ausdruck die Vielfältigkeit und Stärken betont.

Auf Umwegen zum Coachingberuf

Ihren Traumjob hat sie im Vergleich zu anderen Vielbegabten recht schnell gefunden, ohne Umwege ging es aber auch bei ihr nicht: Obwohl sie schon im neunten Schuljahr gesagt bekommt, dass ein beratender Beruf zu ihr passe, landet sie zunächst im Marketing – „weil man nicht einfach Coach wird“, wie die Berufsberaterin damals behauptet. Nach Abitur und Ausbildung mit Bestnoten öffnet ein Stipendium für sie aber die Tür in den Coachingberuf: Die IHK zahlt ihr die ersten drei ihrer bislang sieben Ausbildungen. Da ist sie Anfang 20, coacht in ihrer Freizeit jede*n, die*der fragt, und sammelt so Erfahrungen.

Nach und nach kristallisiert sich dabei ihr Schwerpunkt heraus. Sie selbst stellte schon als Jugendliche fest, dass sie hochsensibel ist, später entdeckt sie den Scanner in sich. Beide Erkenntnisse erleichtern und nerven sie zugleich, bis sie begreift, welches Potenzial diese Eigenschaften mit sich bringen und wie sie sie einsetzen kann. 2017 findet sie den Mut, den Marketingjob aufzugeben und damit „das System“, wie sie die freie Wirtschaft nennt, zu verlassen. Sie macht sich mit Coaching-Angeboten für Multiheld*innen selbstständig und spricht damit die an, die sie schon lange unbewusst angezogen hat.

Die Nachfrage sei groß, denn die meisten Vielbegabten leiden darunter, nicht ins System zu passen und sehen sich von Kindesbeinen an mit verletzenden Aussagen konfrontiert wie „Du bist nicht okay“, „Du hast zu viele Interessen, entscheid‘ dich mal“, „Du kannst nicht alles haben“ oder auch „Du bringst nichts zu Ende“. Sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen bedeute aber nicht, sich einfach nur in eine Schublade zu stecken: „Die negativen Glaubenssätze sitzen tief bei uns. Da tut es gut zu wissen, dass es für unsere angebliche Andersartigkeit eine Erklärung gibt und wir keine Schuld tragen. Viele Coachees brechen in Tränen aus, wenn ihnen das klar wird. Sie haben ja bis dahin alles versucht, um zu funktionieren – teilweise bis zum Burn-out“, sagt Christina. So seien auch das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gruppe und der Austausch wichtig für den eigenen Weg: „Wenn du weißt, wie du funktionierst und was du brauchst, hast du die Chance, dir dein Leben zu kreieren. Alles ist dann möglich, weil dir dieses Wissen so viel Macht, Selbstliebe und Energie gibt.“

Wenn du weißt, wie du funktionierst und was du brauchst, hast du die Chance, dir dein Leben zu kreieren.

So ticken Scanner-Persönlichkeiten

Aber wie funktionieren die meisten Scanner-Persönlichkeiten eigentlich? Laut Christina haben sie Tausende Interessen, sind wissbegierig und lernwillig. Es fällt ihnen schwer, sich festzulegen, denn Routinen und das stumpfe Abarbeiten von Prozessen macht sie wahnsinnig. Durch ihre schnelle Auffassungsgabe können sie sich im Nu einen Überblick verschaffen, verstehen Zusammenhänge und können sie adaptieren. Darum hinterfragen sie auch Systeme und das vielerorts übliche „Das haben wir schon immer so gemacht“-Denken.

Dank ihrer Kreativität und ihrer Fähigkeit, vernetzt zu denken, stellen sie am liebsten neue Prozesse auf, entwickeln Produkte und Strategien und optimieren bestehende. „Im Unterschied zu prozedual denkenden Menschen, die dazu neigen, vorgegebene Prozesse Punkt für Punkt auszuführen, denken Scanner optional. Sie schauen sich also die einzelnen Schritte an, ordnen sie neu, streichen und ergänzen und optimieren so den Prozess“, sagt die 26-Jährige.

Diese Berufsfelder eignen sich für Multitalente

Darum seien Scanner gut in Schnittstellenpositionen aufgehoben – also dort, wo unterschiedliche Aufgabenbereiche oder Berufsbilder aufeinandertreffen – weil sie die Prozesse jeder*s Einzelnen, mit der*dem sie zusammenarbeiten, nachvollziehen könnten und genau wüssten, was andere brauchen, um einen guten Job zu machen. Das mache sie nicht nur zu wertvollen Mitarbeiter*innen, sondern auch zu guten Ausbildungs- oder Führungskräften. Es läge ihnen, ihr Wissen weiterzugeben, zu motivieren und Probleme lösungsorientiert anzugehen, statt in Panik zu verfallen.

„Multihelden wollen Prozesse selbst erschaffen, gestalten, optimieren. Sie brauchen deshalb eine dynamische, kreative Tätigkeit, in der sie eigenverantwortlich arbeiten können und eine gewisse Freiheit und vor allem Abwechslung haben“, so Christina. Kreativberufe wie Grafik- oder Webdesigner*innen, Journalist*innen oder Texter*innen, künstlerische Handwerksberufe oder Jobs in Bereichen wie Businessdevelopment, Prozessoptimierung, Personalentwicklung, Consulting, Training oder Coaching, Entwicklung und Forschung hält sie für scannerfreundlich.

„Aber bei diesen Berufen müssen wir uns trotzdem in ein wirtschaftliches, prozessorientiertes System einfügen – etwas, was vielen gegen den Strich geht.“ Für die Coachin ist das eigene Unternehmen daher die ideale Lösung: Hier könnten Scanner all ihre Interessen und Fähigkeiten in Businessideen packen, strategisch arbeiten und Innovationen voranbringen – und zwar zu den eigenen Regeln. Als Allrounder könnten sie zudem viele Aufgaben selbst erledigen, wofür andere Hilfe von außen benötigen.

Prozessdenker*innen gehört die berufliche Zukunft

Ob es nun um ein Angestelltenverhältnis oder das eigene Unternehmen geht: Beruflicher Erfolg steht und fällt für Vielbegabte auch damit, ob sie eigene Bedürfnisse und Werte leben können. Christina empfiehlt deswegen, in Vorstellungsgesprächen oder Praktika die richtigen Fragen zu stellen und sich die Abläufe im Unternehmen genau anzuschauen: „Wenn ich mir meiner Werte bewusst bin, kann ich gezielt danach suchen. Schüttelt mein Gegenüber zum Beispiel den Kopf, wenn ich nach Fortbildungen frage, weil mir meine Entwicklung wichtig ist, oder runzelt es die Stirn, wenn ich wissen will, wie mit Fehlern umgegangen wird, weiß ich, ob ich dort glücklich werde oder nicht.“

Gerade wenn es um die spätere Berufswahl geht, seien Praktika und persönliche Eindrücke und Gespräche eine wichtige Orientierungshilfe – auch im Hinblick auf ein Studium. Denn viele seien später überrascht, dass der Beruf, der am Ende dabei herauskommt, gar nicht zu ihnen passt. Hier sollten sich Berufs- und Studienanfänger*innen die Erlaubnis geben, ausprobieren zu dürfen. Und selbst dann, wenn Scanner schon einen Job haben, der ihnen Bauchschmerzen bereitet, lohne es sich, erstmal genau hinzusehen, bevor sie sich einen ganz anderen suchen: „Manchmal reicht es schon, mit Kolleg*innen zu sprechen. Wenn ich zum Beispiel bestimmte Aufgaben nicht mag und die mir den ganzen Job madig machen, kann ich fragen, ob es jemanden gibt, dem gerade diese Dinge Spaß machen und der sie im Tausch gern für mich übernimmt.“

Christina ist sich sicher, dass den heute oft noch verschmähten Scanner-Persönlichkeiten beruflich die Zukunft gehöre. Entgegen dem derzeitigen Trend, wonach Unternehmen vor allem fachlich spezialisierte Mitarbeiter*innen bevorzugen, glaubt sie, dass Allrounder bald mehr denn je gefragt sein werden: „Den Job von Spezialisten können Maschinen irgendwann übernehmen. Wir Prozessdenker lassen uns dagegen nicht so leicht ersetzen.“