Die Beschäftigten dieses Unternehmens dürfen sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen

„Die Leute können sich den Arbeitsrhythmus aussuchen, der für sie am Besten funktioniert.“ PricewaterhouseCoopers gewährt seinen 200.000 Mitarbeiter*innen neue Freiheiten. Längst überfällig oder verrückt? 

In Teilzeit zu arbeiten, ist oft nicht möglich. Warum eigentlich nicht?

In Teilzeit zu arbeiten, ist oft nicht möglich. Warum eigentlich nicht? Foto: Christin Hume / Unsplash | CC0

Werber Jean-Remy von Matt lässt Bewerber*innen, die nach Work-Life-Balance zu fragen wagen, stahlhart abblitzen. Tesla-Gründer Elon Musk ackert 120 Stunden die Woche. Schneller, härter, mehr – das ist kein Slogan für ein SM-Studio, das ist das Arbeitszeitmodell des vergangenen Jahrhunderts. Damals, als Stunden abreißen ebenso Distinktionsmerkmal wie Karrierevoraussetzung war und sich ganz Wackere entweder Feldbetten ins Büro stellten oder ihr Powernapping direkt unter den Schreibtisch verlegten.

Arbeit geht auch anders!

Der britische Wirtschaftsprüfungs-Gigant PricewaterhouseCoopers (PwC) mit über 200.000 Mitarbeiter*innen weltweit und über 30 Milliarden Jahresumsatz sagt jetzt: „Wie Sie arbeiten wollen, liegt ganz bei Ihnen.“

Das Unternehmen setzt ein neues Programm auf, das Flexible Talent Network. Interessierte geben an, wie sie sich ihre Arbeitszeit vorstellen und das Unternehmen sucht dann passende Projekte für sie raus.

„Die Leute können sich den Arbeitsrhythmus aussuchen, der für sie am Besten funktioniert – ob das jetzt weniger Stunden jeden Tag sind oder nur ein paar Monate am Stück im Jahr“, heißt es von Unternehmensseite.

… und zwar so:

Dabei beschäftigt PwC die Mitarbeiter*innen für bestimmte Phasen im Jahr, die sogenannten busy periods. Die dauern immer wieder mindestens 100 Tage, verteilt auf vier bis sechs Monate. Die Mitarbeiter*innen sind angestellt, führen aber keine klassischen Jobs aus. Stattdessen erfüllen sie spezifische Rollen, die gerade in einem bestimmten Projekt gebraucht werden.

Das nützt dem Konzern zufolge beispielsweise Menschen, die eine selbstständige Geschäftsidee verfolgen, am Anfang aber noch ein anderes, regelmäßiges Einkommen brauchen. Außerdem Reise-Fans, die gern länger am Stück unterwegs sein wollen. Aber auch Eltern, die während der Schulzeit ihrer Kinder arbeiten und die ganzen Sommerferien frei haben wollen.

Notwendige Anpassung

Natürlich setzt PricewaterhouseCoopers so ein Programm nicht aus altruistischen Motiven auf. Eine Umfrage des Unternehmens unter 2.000 Menschen in Großbritannien hatte zuvor ergeben, dass für fast die Hälfte bei einer Job-Entscheidung flexiblere Arbeitszeiten das Wichtigste sind.

„Um die besten Leute anzuheuern, müssen wir größere Flexibilität und verschiedene Arbeitsmöglichkeiten bieten“, erklärt das Unternehmen. „Wir werden wahrscheinlich eine steigende Anzahl an Menschen erleben, die im Laufe ihrer Karrieren aus festen Jobs aus- und einsteigen. Organisationen, die sie dabei unterstützten, werden am Ende einen Wettbewerbsvorteil haben.“

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Genau den sehen auch andere. Deloitte zum Beispiel, ein anderer Wirtschaftsprüfungs-Konzern und ebenso wie PwC Teil der Big Four, hat die ähnlich funktionierende Open Talent Community ins Leben gerufen. Aus gutem Grund. Denn die Personalfluktuation bei den Big Four ist hoch – bis zu 20 Prozent schätzen Branchen-Insider*innen. Es ist also schwer, gute Leute zu finden, zu holen und sie auch zu halten.

Jetzt sind die Unternehmen dran

Besonders für gut qualifizierte Berufseinsteiger*innen zeigen Untersuchungen und Studien immer wieder: Ihnen ist die flexible Einteilung von Arbeitszeit wichtiger als hohes Gehalt. Sie sind weniger bereit als ihre Eltern, für die Karriere ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen und ihre Abenteuerlust aufs Rentenalter zu verschieben.

Ähnliches legt auch der Milliennial Survey 2018 von Deloitte nah. Der Konzern befragte dafür in 36 Ländern mehr als 10.000 Menschen, die zwischen 1983 und 1999 geboren sind. 43 Prozent der Teilnehmenden wollen ihren Job in den nächsten zwei Jahren wechseln und liebäugeln zunehmend mit der Gig Economy, also freier Auftragsarbeit. Einer der Hauptgründe dafür: flexiblere Arbeitszeiten.

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Entsprechend hoch ist die Nachfrage für Alternativen und Teilzeit. Für das ab dem Geschäftsjahr 2018/2019 beginnende Flexible Talent Network gab es innerhalb von zwei Wochen schon über 2.000 Anmeldungen.

Teilzeit ftw!

Dass man mehr Arbeit erledigt, je länger man arbeitet, ist übrigens ein Mythos. Von über 2.700 Teilnehmenden einer Studie des Kronos Workforce Instituts schätzten 45 Prozent, dass sie – ohne unterbrochen zu werden – ihre Jobs auch in weniger als fünf Stunden täglich erledigen könnten. Ähnliches haben Versuche mit Sechsstundentagen in Schweden ergeben. Weniger Zeit, mehr Produktivität. Ein anderer Test mit der Viertagewoche in Neuseeland hat gezeigt: Die Work-Life-Balance verbesserte sich mit Teilzeit massiv, während das Stresslevel deutlich sank.

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„Die Studie bestätigt, dass wir alle viel effizienter mit unserem Arbeitstag umgehen können. Angestellte brauchen mehr Flexibilität im Hinblick darauf wie, wann und wo sie arbeiten. Wenn Angestellte Zeit zur Erholung bekommen, werden sie produktiver, kreativer und gesünder – das heißt, es gibt auch weniger Krankheitstage“, erklärt Dan Schawbel, Autor und Forschungsdirektor bei Kronos.

Diese neuen Modelle mit Teilzeit haben auch laut PricewaterhouseCooper positive Auswirkungen, und zwar weit über das Unternehmen hinaus: „Flexibilität anzubieten ist nicht nur gut für Angestellte, sondern auch fürs Geschäft, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft.“