„The Politician“: Können wir keine Intimität mehr zulassen?

Ohne Rücksicht auf Verluste: In der Polit-Satire auf Netflix liefern sich machtbesessene Teenager an einer Highschool Kämpfe wie echte Politiker*innen. Eine Kritik

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Payton Hobart (Ben Platt) ist überzeugt, einmal Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Foto: Netflix

Achtung, dieser Text enthält Spoiler!

Was haben die Serien Glee, Pose und American Horror Story gemeinsam? Wir haben sie den Regisseuren und Drehbuchautoren Ryan Murphy und Brad Falchuk zu verdanken. Nun auch ihre neueste Kreation The Politician, die seit Kurzem exklusiv bei Netflix läuft.

Der Highschool-Schüler Payton Hobart (Ben Platt), aus reichem Hause, möchte um jeden Preis Schulsprecher werden. Weniger, um Verbesserungen für seine Mitschüler*innen durchzuboxen, als um sich seinen Weg als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten zu ebnen. Denn so haben es auch die alten weißen Männer vor ihm gehandhabt – Reagan, Bush Sr., Clinton – sie alle begannen ihre politische Karriere bereits in der Schulzeit.

Um an diesen Posten zu gelangen, ist Payton und seiner Entourage – drei ihm schon seit der Grundschule treuergebene Freund*innen – so ziemlich jedes Mittel recht. Aus Kalkül wird eine vermeintlich krebskranke Mitschülerin zur Vize-Kandidatin auserkoren. Sie soll noch mehr Sympathie und Stimmen einheimsen, da sich die Gegenseite für eine*n nicht-binäre*n, lesbische*n Afro-Amerikaner*in als Vize entschieden hat.

Was hier stark überspitzt dargestellt wird, steht beispielhaft für den realen Politikbetrieb in den Vereinigten Staaten. So wird Paytons flammende Rede gegen Waffen an der Schule von seiner Konkurrentin Astrid (Lucy Boynton) überboten, indem sie ankündigt, den Musiker Drake für ein Konzert an die Highschool holen zu wollen. Der anschließende Applaus zeigt, was die Mitschüler*innen in Wahrheit bewegt.

In der fünften von insgesamt acht Folgen wechselt die Perspektive einmalig in die eines potenziellen Wählers. Obwohl der Junge immer wieder von Wahlhelfer*innen belagert wird, interessiert er sich herzlich wenig für deren Agenda und Versprechen. Das einzige, das ihn bewegt, sind die mehr oder weniger bedeckten Körperteile der Mädchen und wo an der Schule er ungestört masturbieren kann. Politikverdrossenheit oder simple Gleichgültigkeit?

Deine Generation hatte die miese Idee, jeden Gedanken und jedes Gefühl übereinander zu erbrechen

Paytons Mutter Georgina (Gwyneth Paltrow)

Die Gesellschaft, wie sie in The Politician dargestellt wird, ist trotz der bunten Farben, die an einen Wes-Anderson-Klassiker erinnern, sehr düster. Unter der strahlenden Sonne Kaliforniens wirken die Protagonist*innen wie gefühllose Hüllen. Authentizität wird nur geheuchelt oder ist bereits zu einem Fremdwort verkommen. Auf seiner Sinnsuche erschießt sich ein Junge (gespielt von David Corenswet) deshalb bereits in Folge eins, obwohl er augenscheinlich alles zu haben scheint: gutes Aussehen, Geld, Ansehen und Menschen, die ihn lieben. Was ihm fehlt, ist wahre – authentische – Intimität. Die sucht er verzweifelt bei seiner Freundin Astrid – dann auch bei Payton. Vergebens, denn beide sind, wie alle Charaktere hier, erschreckend abgestumpft für ihr Alter.

Fehlende Intimität bei der Generation Z

„Deine Generation hatte die miese Idee, jeden Gedanken und jedes Gefühl übereinander zu erbrechen“ – was Paytons Mutter Georgina dem Übermaß an Kommunikation der Generation Z zuschreibt, ist in ihren Augen schuld an all der fehlenden Intimität. Hat sie etwa recht? Macht es der Drang, sich ständig mitzuteilen – ob verbal oder viral –, letztendlich unmöglich, sich noch ernsthaft nahe zu kommen? Wenn man der Polit-Satire glauben mag, ja.

Doch irgendwo ist da auch eine Verbundenheit zwischen den Charakteren, die sie trotz aller Intrigen immer wieder zusammenbringt. Denn der gemeinsame Wunsch nach Macht ist omnipräsent, auch noch nachdem alle die Schule verlassen haben. Dort, in der echten Welt, wird es ja auch erst richtig interessant, denn hier warten die wahren politischen Gegner*innen.

Wie es sich für eine gute Serie gehört, wird The Politician zum Ende noch so richtig spannend: Payton, der nun als Pianist in einer Bar spielt und um ein Alkoholproblem reicher ist, tritt dank seiner treuen Gefolgschaft als Senator an. Ob und wie er die amtierende Senatorin Dede Standish (Judith Light) und deren rechte Hand Hadassah Gold (Bette Middler) ihrer Positionen enthebt, wird sich in einer zweiten Staffel zeigen. Die wurde glücklicherweise bereits bestätigt.