Tiefkühlkost und Jägerschnitzel: Wie uns das Essen unserer Kindheit prägt

Nostalgie beim Gedanken an den Sonntagsbraten oder Rebellion, wenn man als Erwachsene*r ganz anders kocht als die eigenen Eltern: Was wir als Kinder gegessen haben, lässt uns ein Leben lang nicht kalt.

Der Gedanke an Gerichte unserer Kindheit macht uns manchmal rührselig.

Der Gedanke an Gerichte unserer Kindheit macht uns manchmal rührselig. Quelle: Unsplash | CC0

Meine Mama war die beste Köchin der Welt. Dachte ich zumindest, bis ich irgendwann herausfand, dass ihr Geheimnis kein seit Generationen überliefertes kulinarisches Wissen war, sondern: Bofrost. Die moderne Küche der 1990er Jahre in Süddeutschland arbeitete – zumindest bei mir zuhause – gerne mit Tiefkühlkost. Meine ersten Lebensjahre schmeckten deshalb nach knusprigen Bratkartoffeln, paniertem Hähnchen in mannigfaltigen Variationen und Pumuckl-Torte zum Geburtstag. Dazu gab es meist Zitronenlimo (auch Süßer Sprudel genannt) oder ein rotes, zuckerhaltiges Getränk, das in meiner Fantasie zu Gummibärensaft wurde. Manchmal frage ich mich, wie ich diese Zeit überstanden habe, ohne Übergewicht oder Diabetes zu bekommen.

Die verhältnismäßig unkreative Ernährung hatte bei mir zum Glück nicht zur Folge, dass ich nach dem Motto lebte: „Was ich nicht kenne, esse ich nicht.“ Im Gegenteil. Heute probiere ich gerne immer wieder Neues aus und koche am liebsten mit frischen Zutaten. Auch für meine Eltern, wenn ich zu Besuch bin. Vielleicht ist das eine Art Rebellion gegen das Essen meiner Kindheit. Aber eine sehr sanfte. Mehr eine Erweiterung des Horizontes.

Wenn ich an Oma denke, habe ich immer noch den Rote-Grütze-Eis-Geschmack auf der Zunge.“ – Brigitte

Denn mit der Küche meiner ersten Lebensjahre verbinde ich auf jeden Fall vor allem positive Erinnerungen. Rapunzelsalat, wenn meine Mutter mir das dazugehörige Märchen vorlas. Ampelfisch, eine unter meinen Kindergartenfreund*innen äußerst beliebte Kreation, die eigentlich nur bedeutete: Fischstäbchen, dekoriert mit einer Tomatenscheibe, einer Zitronenscheibe und einer Gurkenscheibe. Nach dem gemeinsamen Herumtoben gab es nichts Besseres. Oder die Bohnensuppe meiner Oma und zum Nachtisch Rote-Grütze-Eis mit selbstgepflückten roten Johannisbeeren aus ihrem Garten. Meine Oma lebt leider nicht mehr. Aber wenn ich an sie denke, habe ich immer noch den Rote-Grütze-Eis-Geschmack auf der Zunge.

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Obwohl inzwischen ich diejenige bin, die in meiner Familie das Weihnachtsessen kocht, das neuerdings aus Tofu-Nuss-Braten besteht, werde ich die Speisen meiner Kindheit nie vergessen. Und ich bin mir sicher, dass es den meisten genauso geht, dass diese Erinnerungen in ihrer Vielfalt jedoch mehr buntes Buffet als Einheitsbrei sind. Drei Menschen haben mir erzählt, welche Spuren die Küche ihrer frühen Jahre bei ihnen hinterließ.

Florian, 29, geboren in Cottbus

„Das Gericht meiner Kindheit, an das ich mich am intensivsten erinnern kann – ich habe es erst gestern wieder gegessen – ist Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Einfach Salzkartoffeln kochen und dazu so einen Quark mit Kräutern und Salz würzen. Dann isst man das Ganze mit dem Leinöl. Viele Menschen kennen das gar nicht, oder nur vom Malen, weil man damit die Leinwand bestreicht. Aber man kann es auch essen und es schmeckt sehr, sehr gut.

Ich bin in Cottbus aufgewachsen – zwischen Berlin und Dresden. Eine kleine Stadt im Osten, relativ nah an der polnischen Grenze. Meine Mutter hat schon immer relativ untypisch gekocht und nicht im DDR-Sinne. Es war recht gesund und sie hat viel ausprobiert, auch aus der asiatischen Küche: Ich war noch ziemlich klein, als sie sich an Wok-Essen versucht hat. Das hat auf jeden Fall auf mich abgefärbt, weil ich heute auch viel selbst koche, experimentiere und mich gesund ernähre. Das letzte Mal, als ich bei meiner Mutter zu Besuch war, gab es aber etwas typisch Deutsches, nämlich eine Kartoffelsuppe. Das würde ich mir auch heute noch selber kochen, weil das wirklich ein leckeres Essen ist.

Zunge finden nur noch die Wenigsten lecker.“ – Florian

Bei meiner Oma gab es am Geburtstag immer ganz klassisch eine Käse- und eine Wurstplatte. Ich erinnere mich auch daran, dass ich bei der Gelegenheit gerne Zunge gegessen habe. Vor Leber habe ich mich aber schon immer geekelt – das gab es eher bei meiner Tante, aber auch bei Oma und zu Hause. Auch Spinat mochte ich früher gar nicht. Den hat man in Kombination mit Kartoffeln und Rührei gegessen, und ich fand das richtig eklig. Vielleicht, weil Spinat so komisch aussieht und man ihn als Matsch auf dem Teller kriegt. Heute kann ich das nicht mehr ganz nachvollziehen.

Was zwar nicht bei mir in der Familie gekocht wurde, aber ein Gericht war, das es oft in der Schule gab: Spirelli-Nudeln mit einer Soße, die wahrscheinlich einfach nur verdünnter Ketchup war. Dazu Jägerschnitzel, das eine panierte Jagdwurst war. Mit Schnitzel hatte das eigentlich wenig zu tun. Das ist wirklich so ein Kindheitsding. Ich hatte das seit Jahren nicht mehr. Auch an Senfeier erinnere ich mich vor allem aus der Schule. Auch sowas habe ich eigentlich ganz gerne gegessen. Genauso wie Kapern und Königsberger Klopse.

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Vor allem mit einer Freundin, die auch aus dem Osten kommt, kann ich immer richtig schön in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen. Es gibt eben viele Gerichte aus unserer Kindheit, die man heute nicht mehr wirklich macht, weil sich die Essgewohnheiten so verändert haben. Zunge finden nur noch die Wenigsten lecker. Gebratene Würstchen kocht heute keiner mehr so richtig. Oder gefüllte Paprika mit Hackfleisch drin. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal auf die Idee kam, mir das zu machen.

Aber wenn Freunde, die ich schon seit über zehn Jahren kenne, aus der Heimat zu Besuch sind, kochen wir oft Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Zu Menschen, die auch Kartoffeln mit Quark und Leinöl essen, spüre ich eine große Verbundenheit.“

Manuela, ohne Altersangabe, geboren in Nürtingen

„Mein Vater pfeifend in der Küche stehend, die Hemdsärmel hochgekrempelt, ein riesiges Messer, das blitzschnell vor seinen Fingerkuppen auf- und abschwingt, um irgendetwas hauchdünn zu zerkleinern. Das ist das Bild, das mir als erstes in den Kopf schießt, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke. Mein Vater ist ein Koch, der einen Michelinstern verdient hätte, seine Kunst aber nur in den eigenen vier Wänden auslebt. Nach Feierabend und am Wochenende, zur Entspannung. Manchmal denke ich, dass er berühmt werden könnte, wenn er nur einmal einen Kritiker zu uns an den Tisch einladen würde. Pop Up Kitchen würde das dann heißen oder Limited Edition Dishes.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, wie angesagt das domestische Hobby meines Vaters ist, oder bis die Welt um uns herum bereit war für den Mann am Herd. Ich bin Mitte der 80er geboren, trotz Emanzipation und sexueller Befreiung doch noch eine Zeit, in der die Post-50er, zumindest in der süddeutschen Provinz, noch nicht ganz ausgebadet waren. Viele Mütter meiner Freund*innen waren nach ein paar angefangenen Semestern Studium dann doch zu Hause geblieben. Und damit oft auch in der Küche.

Hummer landete bei uns an Feiertagen gerne auf dem Familientisch.“ – Manuela

Unsere Erzählungen vom kochenden Vater, von der Striktheit unserer Essenszeiten, die garantierte, dass wir Kinder nach Hause kamen und keine seiner Kreationen verpassten, ernteten befremdete Blicke. Erst Ende der 90er tauchte Jamie Oliver überall auf, im Fernsehen und auf Covern der Kochbücher, die plötzlich jede*r hatte. Der junge attraktive Kerl, der sein Handwerk souverän beherrscht und in Londoner Subburbs Kids den Unterschied zwischen einer Kartoffel und einer Tomate erklärt. Männlichkeit, Attraktivität und Küche gehörten ab jetzt zusammen. Das Patriarchat war auf seinem Rückzug in einen neuen Raum geschlüpft, in dem ein Vakuum entstanden war, das gefüllt werden wollte.

Kochen erfordert Souveränität im Umgang mit gefährlichem Werkzeug. Spezialkenntnisse, die mühsam angelesen und erobert werden müssen. In meinen väterlich geleiteten Ausflügen in die Welt der Gastronomie habe ich Gerichte kennengelernt, die heute nicht mehr unbedingt auf den Speiseplänen von 20- oder 30-Jährigen stehen. Hummer zum Beispiel landete bei uns an Feiertagen gerne auf dem Familientisch. Wenn ich heute zu Besuch bin, greife ich an diesem Gericht lieber vorbei. Einige Semester geisteswissenschaftlichen Studiums und die Lektüre von David Forster Wallaces Essay Consider the Lobster haben meinem kulinarischen Hedonismus Grenzen gesetzt.

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Es gibt vieles, wofür ich meinem Vater, der stilsicher 40 Jahre lang seine Ray-Ban-Sonnenbrille getragen hat, auch als wir sie peinlich fanden, dankbar bin. Ich habe an vielen verschiedenen Orten gelebt, Ahmedabad, Chicago und in einem kleinen Dorf in Upstate New York, das jetzt meine neue Heimat ist. Aber ich brauche nicht viel, um mich zuhause zu fühlen. Manchmal reicht der Duft von frisch gehackten Kräutern in warmem Olivenöl, der durch eine Wohnung zieht.“

Khalil, 29, geboren in Aleppo

„Manchmal hat meine Mutter Pommes frittiert. Wenn sie vom Herd weggegangen ist, habe ich heimlich ein paar davon stibitzt. Und später sagte sie: „Wir müssen doch alle zusammen essen, aber jetzt ist alles weg!“. Wenn ich in der Schule Klausuren hatte, bin ich zum Lernen in mein Zimmer gegangen. Währenddessen haben meine Mutter oder meine Schwester gekocht. Dann wusste ich immer, es würde Pommes geben – als Geschenk und Motivation für die Prüfung. Das schmeckte nicht nur fantastisch, sondern hatte für mich auch eine besondere Bedeutung. Die Liebe zu Pommes ist bis heute geblieben.

Ich komme aus Syrien und bin in Aleppo aufgewachsen. 2015 bin ich über die Türkei und durch eine Überfahrt mit dem Boot bis nach Deutschland geflohen. Seitdem lebe ich in Baden-Baden und habe mittlerweile viel von der deutschen Küche kennengelernt. Spargel gibt es in Syrien zum Beispiel überhaupt nicht. Und oft werden hier nur Pfeffer und Salz verwendet, während bei uns die Gewürze eine ganz wichtige Rolle spielen: Kreuzkümmel, Paprika und getrocknete Minze etwa. Vielleicht hat Marius Müller-Westernhagen deshalb gesungen: „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz.“

Für den Fall, dass ich etwas nicht essen wollte, hatten wir immer Eier im Kühlschrank.“ – Khalil

Zwar bin ich Kurde und es gibt auch eigene kurdische Spezialitäten, aber oft kochen wir das gleiche wie Araber*innen. Fleisch landete nur selten auf dem Teller, vielleicht einmal pro Woche, denn es war ziemlich teuer. Wir waren keine reiche Familie, deshalb habe ich in meiner Kindheit sehr viel Reis oder Bulgur mit Bohnen, Tomaten oder Salat gegessen. Bei großen Festen, wie dem Opferfest, konnte es Fleisch geben und wenn wir Gäste hatten, denn dann musste man etwas Besonderes anbieten.

Für meine Mutter und meine Schwester war es schwierig, mit einem Essen immer alle zufriedenzustellen. Als Kind mochte ich keine Gerichte, in denen Fleisch beigemischt war, zum Beispiel Hackfleisch. Wenn ich Fleisch gegessen habe, dann pur und gegrillt. Für den Fall, dass ich etwas nicht essen wollte, hatten wir immer Eier im Kühlschrank. Gekocht, gebraten oder mit Joghurt dienten sie mir immer als Ersatz für unleckeres Essen. Das war in vielen Haushalten so. Wenn jemand etwas nicht mochte, wurde gesagt: „Soll ich dir zwei Eier kochen?“. Später hat der Krieg meinen Bezug zu Essen verändert, denn es war nur noch wichtig, seinen Hunger zu stillen.

Als ich ein Kind war, gab es bei uns sehr viele kleine Fastfoodrestaurants. Aber nicht mit Burgern und solchen Sachen, sondern mit regionalen Gerichten wie Hummus und Falafel. Am Freitag oder am Wochenende hatten die Schüler*innen frei und die Eltern mussten nicht arbeiten. Besonders an diesen Tagen haben dann 70 bis 80 Prozent der Familien jemanden geschickt, der dort Essen kaufen sollte. Dann haben alle zusammen gegessen.

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Wenn ich heute Menschen treffe, die mit dem gleichen Essen aufgewachsen sind wie ich, freuen wir uns, diskutieren und vergleichen die Feinheiten, die bestimmten Gerichten in jeder Familie eine andere Note gegeben haben. Manchmal gab es aus religiösen Gründen Unterschiede bei der Zubereitung. Viele Gerichte wurden auch nur in Aleppo gekocht. In Syrien kennt jeder Mlouchiye. Dafür werden Blätter einer bestimmten Pflanze getrocknet, gekocht und dann mit Fleisch gemischt. Dazu isst man Reis. Und jeder macht es ein bisschen anders – aber man merkt natürlich, wenn jemand nicht so gut kochen kann. Manches konnte nur meine Mutter richtig kochen, zum Beispiel Donek, ein Gericht mit Bulgur. Wenn ich es heute selbst versuche, schmeckt es einfach nicht so wie bei ihr. Das ist sehr traurig, weil ich das wirklich gerne esse.

Ein sehr wichtiges Element in der kurdischen und arabischen Küche ist Gemüse. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Fleisch sogar oft billiger ist, war das in Syrien immer günstig, verfügbar und in Bio-Qualität. Am meisten werden Tomaten verwendet, denn man kann sie mit allem kombinieren: mit Kartoffeln, Gurken oder Zucchini. Sie sind sozusagen die Standardzutat. Das Aroma des Gemüses aus Syrien ist unvergleichbar und natürlich. Wenn wir zu meinen Großeltern ins Dorf gefahren sind, bin ich ins Feld gegangen und habe Auberginen, Gurken oder Tomaten direkt gepflückt und gegessen. Diesen Geschmack habe ich immer noch im Mund. Und ich kann ihn in Deutschland nirgendwo wiederfinden.“