TikToks vermeintliche Strategie gegen Mobbing ist diskriminierend

Die Videoplattform begrenzte die Reichweite von Menschen mit Behinderung und von queeren und dicken Personen. Wer marginalisiert ist, bleibt so weiter unsichtbar. Ein Kommentar

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Vorgabe von TikTok: Graffiti geht in Ordnung, dicke Menschen aber bitte nicht. Foto: Clem Onojeghuo / Unplash

Welche Bilder wir bei Instagram sehen und welche Videos bei TikTok, beeinflusst unseren Blick auf Menschen. Scrollen wir uns durch makellose Menschen, besteht die Gefahr, dass wir selbst makellos sein wollen. Was für ein Druck! Deshalb habe ich mir einen Feed zusammengestellt, der die verschiedensten Menschen zeigt. Frauen, die selbstbewusst ihre Körperbehaarung zeigen; Mütter, die über ihren täglichen Unvereinbarkeitsstruggle berichten; Menschen, die als Plus-Size-Models Karriere machen oder einfach so zeigen, dass Bauchrollen cool sind; dicke Menschen, Menschen mit Behinderungen, queere Menschen. Doch bei TikTok sollte mit der menschlichen Vielfalt Schluss sein.

Wie Recherchen von Netzpolitik.org jetzt zeigen, wurden TikTok-Moderator*innen angewiesen, Videos von Menschen mit Behinderung zu markieren und in ihrer Reichweite zu begrenzen. „Auch queere und dicke Menschen landeten auf einer Liste von ‚Besonderen Nutzer*innen‘, deren Videos grundsätzlich als Mobbing-Risiko betrachtet und in der Reichweite gedeckelt wurden“, so heißt es bei Netzpolitik.org. Genau den Videos, für die eine große Reichweite wichtig wäre, wurde diese damit versagt.

Denn genau darin liegt doch die Chance von sozialen Netzwerken: Die digitale Welt ermöglicht Menschen, die bisher marginalisiert wurden, ihre Stimme zu erheben. Menschen, die noch immer an der selbstverständlichen Teilhabe an der Gesellschaft gehindert werden, können sich durch die digitalen Möglichkeiten Gehör verschaffen. Ja, auch sie sind es, die besonders von Hate Speech und Mobbing betroffen sind. Der Weg, damit umzugehen, kann aber auf keinen Fall sein, sie weiter unsichtbar sein zu lassen. Im Gegenteil. Gerade diese Menschen verdienen eine größere Bühne als bisher – denn alle anderen haben die Bühne ja eh. Mal ganz abgesehen von der Vorstellung, wie Moderator*innen eigentlich unterscheiden sollten, wer potenziell Mobbing-Opfer sein soll und wer nicht.

Sichtbarkeit als Strategie

Ein nachhaltiger Weg, gegen Mobbing und Hate Speech vorzugehen, sollte sein, verschiedene Menschen sichtbar zu machen. Und ihnen dann Schutz zu bieten, wenn sie Hass und Bedrohungen ausgesetzt sind. Erst wenn alle Stimmen im digitalen und analogen Diskurs sichtbar sind, sind sie keine Randerscheinungen mehr und damit auch nicht prädestiniert, Zielscheibe von Diskriminierungen zu werden. Neben dem Hass gibt es nämlich auch noch ein anderes Ergebnis, wenn Personen aus marginalisierten Gruppen an Reichweite gewinnen: Sie werden zum Vorbild. So berichtet Annika, eine 21-jährige Erzieherin, die vor etwa einem Jahr mit Tanzvideos auf TikTok viral ging, von der Bestärkung, die sie durch Zuschauer*innenkommentare bekam.

Ob jemand mit dem Echo, das Fotos auf Instagram oder Videos auf Tiktok auslösen, umgehen kann, liegt nicht an Zuschreibungen wie einer Behinderung oder Dicksein. Die vorgespielte Fürsorge von TikTok zeigt eine Verhaltensweise, die häufiger in unserer Gesellschaft vorkommt. Eine dominante Gruppe entscheidet für eine marginalisierte Gruppe. Genau das ist Diskriminierung. Inklusionsaktivist Raùl Krauthausen sagt gegenüber Netzpolitik.org: „Ein vermeintliches Opfer vor sich selbst schützen, ist immer schwierig. Behinderte Menschen sind ja auch nicht alle gleich. Manche können damit besser, andere schlechter umgehen – wie nicht behinderte Menschen auch.“

Mittlerweile sollen die internen Regelungen verändert worden sein. Eine TikTok-Sprecherin sagte, man habe die Technologie zur Identifikation von Mobbing weiterentwickelt und ermutige die Nutzer*innen zum positiven Umgang miteinander. Bleibt zu hoffen, dass das auch wirklich so verfolgt wird. Ich möchte mir keine Gesellschaft, auch keine digitale, vorstellen, in der Menschen versteckt werden oder sich verstecken müssen, um nicht Ziel von Diskriminierung zu werden. Eine Gesellschaft, in der sich alle angstfrei zeigen können, ist Aufgabe von uns allen als User*innen von Social Media, aber auch Aufgabe für die Plattformen selbst. Ansonsten werden unsere Feeds irgendwann sehr traurige und triste Aneinanderreihungen von Makellosigkeit und Gleichförmigkeit.