Tobias ist blind und spielt Baseball, „weil es eben doch geht“

Weil sie die bases nicht sehen können, müssen sie sie hören. Dass sie blind sind, hält Tobias und seine Bavarian Bats nicht vom Baseballspielen ab. Sie sind das erste deutsche Team im Blindenbaseball.

Dass man als Blinde*r Baseball spielen kann, habe er vorher selbst nicht glauben können, gibt Tobias zu. Foto: © Laura Dahmer

Ungeduldig steht Tobias am Abschlag. „Toll, jetzt ist er mir schon wieder aus der Hand gerutscht. Das ist der blöde Vorführeffekt.“ Er bückt sich, tastet nach dem Ball, findet ihn und positioniert sich erneut. Dann atmet er tief durch. „Also, noch einmal.“ Dreimal holt Tobias mit dem Schläger aus, beim vierten Anlauf zieht er durch. Diesmal klappt es. Mit einem dumpfen Knall trifft der Schläger auf den Baseball, der daraufhin in hohem Bogen wegfliegt, Richtung dritte Base. „Ja!“, ruft Tobias. „Der war doch gut, oder?“

Tobias Geitner fragt das, weil er die Flugkurve seines Balls nur nach Gefühl und dem Geräusch erahnen kann. Tobias ist vollblind, schon seit seiner Geburt. Vom Baseballspielen hält ihn das nicht ab. Genauso wenig wie seine vier Teamkolleg*innen, die heute für das Training nach Freising, eine Kreisstadt in der Nähe von München, gekommen sind. Gemeinsam bilden sie die Bavarian Bats, die bisher einzige deutsche Blindenbaseballmannschaft. Betreut wird das Team von einer ganzen Handvoll Trainer*innen unter Leitung von Hubertus Hagemeyer.

Blind Baseball spielen, wie kann das gehen? Tobias erklärt zuerst die Schlagtechnik. „Bei der Variante, die wir spielen, schlägt man den Ball aus der eigenen Hand.“ Er nimmt den kleinen Kautschukball zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Der ist mit Löchern übersät, damit das Klingeln der zwei Glöckchen, die sich im Inneren des Balls befinden, besser zu hören ist. „Den Ball richtig zu treffen, ist gar nicht so leicht“, gibt er nach dem ersten Versuch schmunzelnd zu, als er mit dem Schläger knapp am Ball vorbeischlägt. „Bei mir hat es mehrere Monate gedauert, bis es wirklich geklappt hat. Jeder entwickelt mit der Zeit seine eigene Schlagtechnik – klar, wir können uns das ja schlecht voneinander abgucken!“

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Der Ball ist mit Löchern übersät, damit das Klingeln der zwei Glöckchen, die sich im Inneren des Balls befinden, besser zu hören ist. Foto: © Laura Dahmer

Weil Tobias die Bases nicht sehen kann, muss er sie eben hören

Im Trainingsspiel zeigt Tobias sein Können: Der erste Schlag sitzt, der Schläger trifft den Ball gut und donnert ihn weit ins Spielfeld hinein. Sofort wirft Tobias den Baseballschläger zur Seite und läuft los. Wie im Baseball üblich, muss er auch in der blinden Variante über vier Bases zurück zum Abschlagpunkt laufen – zumindest im italienischen Spielsystem. Es gibt noch eine amerikanische Variante, das sogenannte beep ball, das nach anderen Regeln funktioniert. Tobias aber muss jetzt vier Bases überwinden. Da er diese nicht sehen kann, ist er auf sein Gehör angewiesen. An der zweiten und dritten Base steht jeweils ein*e Coach*in, der*die mit zwei Holzpads aufeinanderschlägt, sobald der*die Spieler*in auf ihn*sie zuläuft.

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Die Coach*innen schlagen mit Holzpads aufeinander, um akustische Signale auszusenden. Foto: © Laura Dahmer

Je näher er kommt, desto schneller schlagen sie. Tobias muss dann versuchen, genau auf der Base zum Stehen zu kommen. An der ersten Base ist im Boden eine beep box integriert, die den*die Läufer*in per Piepsignal navigiert. An ihr muss Tobias vorbei, direkt weiter zur zweiten Base. So wollen es die Regeln. Während er eine Linkskurve schlägt und auf die sichere Insel zusteuert, an der Coach Willie Ochs auf ihn wartet, versucht die Abwehr, Tobias weit geschlagenen Ball einzusammeln.

Oft werden wir Blinden von außen eingeschränkt, weil man uns nichts zutraut. Das macht mich wütend.

Tobias Geitner

Durch die kleinen Glöckchen können sie den Baseball ab dem Moment hören, in dem er auf dem Boden aufkommt. Wenn sie ihn schnell genug aufnehmen und zurück zu Abwehrcoachin Daniela Seulen werfen, die an der zweiten Base steht und ihnen zuruft, können sie Tobias‘ Siegeslauf aufhalten und ein out provozieren. Nach drei outs wechseln Abwehr und Angriff, dann sind sie mit Schlagen an der Reihe. Schnell werfen sich die Abwehrspieler*innen deshalb vor dem sich nähernden Ball auf den Boden, um eine möglichst große Aufprallfläche zu geben. Die Banane lautet der humorvolle Name, den die Bats dieser Abwehrbewegung gegeben haben. Abwehrspieler Christian schmeißt sich als Erster mutig in Tobias‘ Ball, aber er hat Pech. Der Baseball kullert unter ihm durch und bleibt hinter der Abwehr liegen. Jetzt gibt er kein Geräusch mehr von sich, die Suche nach ihm gleicht der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Tobias steht währenddessen längst an der zweiten Base. Weil sie heute im Training nur wenige sind, soll er nicht weiterlaufen. „Normalerweise sind wir ein größeres Team, so um die zehn kommen meistens ins Training“, erzählt er in der Trinkpause. Nur eingeschränkt spielen zu können, das sind sie aber gewohnt. Tobias würde sich wünschen, dass sich der Sport mehr ausbreitet und sich auch andere deutsche Teams gründen, „so zwei oder drei, das wäre schon schön“. „Im Moment müssen wir unsere Spielerfahrung international sammeln – ich war schon auf Turnieren in Montpellier, Rom, Paris, Bologna und Parma. Man kommt rum als Blindenbaseballspieler“, sagt er lachend.

Vorreiter im Blindenbaseball ist Italien, in Deutschland müssen die Bats Pionierarbeit leisten

Man kommt rum, kann aber auch nur wenige Male im Jahr spielen. Die Bavarian Bats wollen den Blindenbaseball in Deutschland deshalb populärer machen, vor zwei Jahren haben sie sich dem FC Inter 09 Regensburg angeschlossen und bauen dort inzwischen eine zweite Mannschaft auf. Europäischer Vorreiter des Blindenbaseballs ist Italien, nach dessen Variante auch die Bats spielen. 13 Teams gibt es dort, die in einem offiziellen Ligasystem gegeneinander antreten und um die italienische Meisterschaft und den Coppa Italia spielen. Für Tobias und die Bats noch ein Traum.

Seit 2009 gibt es das Team in Freising, Tobias war von Anfang an dabei. Eine Stunde und 50 Minuten fährt er zum Training, mit dem Regionalexpress aus Neumarkt in der Oberpfalz. „Ich nehme die Zeit gerne in Kauf, um Baseball zu spielen“, sagt der 32-Jährige. Er liebt die Vielfältigkeit des Sports. „Man muss schlagen, laufen, werfen und sich auf vieles gleichzeitig konzentrieren. Dafür braucht man eine gute Orientierung und muss sich das Spielfeld im Kopf vorstellen können.“ Dass man als Blinde*r Baseball spielen kann, habe er vorher selbst nicht glauben können, gibt Tobias zu. Und jetzt, wo er sich vom Gegenteil überzeugt hat, muss er mit den Bavarian Bats viel Pionierarbeit leisten. Für den Sport und für Blinde generell.

„Ich möchte den Menschen beweisen, dass es eben doch geht“

„Wenn man nichts sehen kann, kann man nichts machen.“ Es ist ein Satz, der ihm auch abseits vom Blindenbaseball immer wieder begegnet. Jeden Tag aufs Neue müsse der 32-Jährige Menschen erklären, dass das nicht stimmt. „Oft werden wir Blinden von außen eingeschränkt, weil man uns nichts zutraut. Das macht mich wütend.“ Tobias war schon immer einer, der sich davon nicht hat aufhalten lassen. Als kleines Kind fuhr er Fahrrad, irgendwann zog er von zu Hause aus und in eine eigene Wohnung, seit einiger Zeit arbeitet er in einer Praxis als Physiotherapeut. „Ich möchte den Menschen beweisen, dass es eben doch geht.“

Im Sport ist Tobias ähnlich ehrgeizig. Er habe einen eigenen Baseballschläger, mit dem er auch zu Hause übt. Wenn im Training etwas nicht klappt, flucht er häufig. Wenn etwas gut läuft, freut er sich umso mehr. „Wir haben einfach nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein Sehender und auch sportlich viel weniger Auswahl“, sagt Tobias. „Aber Sport machen kann und will ich trotzdem.“ Torball, Blindenfußball, Tischball, Tennis, Kegeln, Inlineskaten – viel mehr gibt es neben dem Blindenbaseball nicht. Tobias hat früher Torball gespielt, mittlerweile konzentriert er sich auf die Bavarian Bats und geht nebenbei noch ins Fitnessstudio. Sein großer Traum: „Dass Blindenbaseball irgendwann paralympisch wird und ich mit zu den Spielen fahren kann.“