Tour de France: Diese Aktivist*innen fordern Siegerehrungen ohne Podiumgirls

Die Gruppe SHE36 kämpft dafür, dass Frauen* bei der Tour de France nicht länger bloß als Podiumgirls auftreten – sondern selbst das Rennen fahren.

Nicht nur Söhne können Fahrradrennen gewinnen – auch Mütter und Töchter. Foto: Sandra Wakat

Am Samstag ist das bekannteste Rennradrennen der Welt gestartet: die Tour de France. Am Potsdamer Platz in Berlin fand zum Auftakt eine Protestaktion statt. Die Gruppe SHE36 – Empowering Bicycle Culture prangerte die Siegerehrung mit sogenannten Podiumsgirls an.

Am Ende jeder der 21 Etappen der Tour de France werden Sieger gekürt. Den Gewinner flankieren bei der Zeremonie rechts und links zwei eher leichtbekleidete Frauen, Tour-Hostessen, auch Podiumgirls genannt. Die Frauen überreichen Blumen, vergeben Küsschen und müssen sonst hauptsächlich recht nett in die Kamera blinzeln.

„Das ist offensichtlicher Sexismus“, sagt Tamara Danilov von der Fixed-Gear-Gruppe SHE36. „Frauen* sind keine Dekoration, keine Objekte, kein Siegerpreis.“ Das Bild, das durch die Zeremonie in den Medien transportiert werde, entspreche nicht dem Bild einer modernen Frau. „Es ist kein gutes Beispiel für Mädchen und junge Sportlerinnen: Blumenmädchen, in knappen Kleidern und zu zart, um selbst sportliche Rekorde zu knacken und auf dem Treppchen zu stehen.“

Zusammen mit anderen Mitgliedern der Gruppe hat Tamara eine Petition gestartet, in der sie die Abschaffung der Tradition der Podiumgirls fordern. Die Petition richtet sich direkt an Christian Prudhomme und die Amaury Sport Organisation, Direktor und Organisation der Tour de France. Mehr als 17.000 Menschen haben bereits unterzeichnet.

Eine Tour de France für Frauen*

Tamara und SHE36 wollen aber noch viel mehr, als nur Podiumgirls abschaffen. Ihr Traum wäre eine Tour de France für Frauen* – bisher existiert das Format nur für Männer. „Aber bevor man mit dem Kampf für eine Tour de France für Frauen* beginnen kann, muss erstmal die Tradition der Podiumgirls abgeschafft werden“, sagt Tamara. „Angenommen, es gäbe eine Tour de France für Frauen* und da träten Podiumboys in knappen Outfits auf, fast in einem playboymäßigen Stil, dann wäre das Sexismus gegen Männer.“

Die Aktivist*innen haben auch Vorschläge, wie eine nicht-sexistische, faire Siegerehrung aussehen könnte: „Bei olympischen Spielen dürfen Kinder, die in dem Sportbereich aktiv sind, ihren Idolen Medaillen und Blumen übergeben – das ist eine sehr schöne Geste“, findet Tamara. „Oder beide Geschlechter gratulieren den Siegenden, aber auf nicht-sexistische Art und Weise.“

Wie sieht eine nicht-sexistische Podiumskultur aus?

Foto: Sandra Wakat

Um ihrer Petition Gehör zu verschaffen, inszenierten die Radler*innen am Samstag bei ihrer Demo am Potsdamer Platz in Berlin eine kleine Show: Die Aktivist*innen bauten ihr eigenes Podium samt Fake-Sieger auf, dazu sechs Podiumgirls, auf deren Schärpen statt den Logos der Sponsoren Sprüche wie „I’m not a Trophy“ oder „I’m not a Price“ prangerten. Der Sieger erhielt am Ende keinen Sekt.

Die Reaktionen waren zwar überwiegend positiv, aber vereinzelt gab es auch ablehnende Kommentare: „Viele waren interessiert, vor allem Radfahrer*innen haben angehalten“, erzählt Tamara. „Ein Tourist hat gesagt: Komm, das sind Feministen, lass uns gehen.“

Die Organisatoren der Tour de France haben sich bislang nicht zu Wort gemeldet – eine Anfrage von ze.tt blieb unbeantwortet. Die Aktivist*innen von SHE36 versuchen immer wieder, via Social Media oder Mails eine Reaktion zu erzwingen. Doch ihre Kommentare werden gelöscht, ihr Account zeitweise blockiert.

She walked out with empty arms, Machine gun in her hand.

Misfits

Tamara hat die Fixed-Gear-Gruppe Empowering Bicycle Culture vor knapp fünf Jahren für fahrradbegeisterte Frauen* gegründet. Sie wollte einen Safe Space schaffen, in denen sie gemeinsam Rad fahren und Tricks austauschen können. Die Gruppe versteht sich explizit nicht nur als Gruppe für Frauen, sondern auch für queer und Trans*Personen. In der Gruppe engagieren sich derzeit etwa zwölf Personen, rund die Hälfte davon auch intensiv bei den Aktionen gegen die Podiumgirls.

Der Name SHE36 wurde von dem Film Mash inspiriert, eine Art Bibel für Fixed-Gear-Fans. Der Soundtrack dazu ist das Lied She von den Misfits. Erste Textzeile: „She walked out with empty arms, Machine gun in her hand.“ 36 steht für den Berliner Bezirk Kreuzberg.