Herr Söder, Tourismus und Asyl haben nichts, aber auch wirklich gar nichts miteinander zu tun

Markus Söder bedient mit seiner Wortkreation ein rechtspopulistisches Narrativ. Unsere Autorin möchte das nicht so stehen lassen. Ein offener Brief

Tourismus, Symbolfoto: Markus Söder beim Städte-Trip im Vatikan

Tourismus, Symbolfoto: Markus Söder beim Städte-Trip im Vatikan Foto: © Daniel Karmann/dpa

Herr Söder,
als Politiker sind Sie sich der Macht von Sprache bewusst – sie ist Ihr tägliches Werkzeug. Sprache schafft Wirklichkeit, auch das sollten Sie wissen. Mit Ihrem Tweet schaffen Sie eine menschenfeindliche Wirklichkeit und diese möchte ich so nicht stehen lassen. Sie bringen zwei Begriffe zusammen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben: Asyl und Tourismus. Damit begeben Sie sich, leider nicht zum ersten Mal, auf rechtspopulistisches Terrain. Das ist menschenfeindlich und suggeriert ein verzerrtes Bild von Flucht und geflüchteten Menschen.

Mit Tourismus sollten Sie sich eigentlich auskennen. Erst im April sorgten Sie dafür, dass eine Skischaukel nicht gebaut wird – stattdessen setzten Sie sich für „Ski- und Bergtourismus im Einklang mit der Natur“ ein. Bravo. Hier handelt es sich um: Tourismus. Außerdem verwandt: volle Flugzeuge auf dem Weg nach Malle, Selbstfindungstrips in Indien, Fahrradtouren in den Niederlanden, Instagram-Tour durch New York. Im Duden steht zu Tourismus, der: „das Reisen zum Kennenlernen fremder Orte und Länder und zur Erholung“.

Und hier der Duden zu Asyl, das: „Aufnahme und Schutz für Verfolgte, Zufluchtsort“. Merken Sie was, Herr Söder? Das passt nicht. Und erst recht nicht zusammen. Während es beim Tourismus um Menschen geht, die etwas erleben wollen, haben die Menschen, die Asyl suchen, schon zu viel erlebt. Dinge, die Sie und ich uns wahrscheinlich nicht mal ansatzweise vorstellen können. Wer Asyl sucht, kämpft oft ums Überleben, weil im Herkunftsland Krieg herrscht, Verfolgung droht, Diskriminierung an der Tagesordnung oder die eigene Existenz in Gefahr ist.

Dass Sie diese beiden Begriffe zusammenbringen, ist falsch und gefährlich. Statt an einer gerechten Asylpolitik und deren Umsetzung zu arbeiten – was nach zwei Weltkriegen übrigens nicht nur kulturelles Selbstverständnis in Europa, sondern auch eine humanitäre und völkerrechtliche Verpflichtung ist – bedienen Sie rechtspopulistische Narrative. Ich habe Ihnen im heute journal zugehört. Sie klingen wie Donald Trump in deutscher Sprache, wenn Sie sagen: „Wir müssen zuerst an die deutsche Bevölkerung und ihre Sorgen denken.“ Dabei habe ich Kraftklub im Ohr: „Ob nun Bomben fallen auf Afghanistan und den Irak, wie es dir geht hat mal wieder überhaupt keiner gefragt.“

Wie können Sie die Menschen in einem der reichsten Länder der Welt mit Menschen aus Kriegsgebieten vergleichen? Das entbehrt nicht nur jeder Logik, sondern auch jeder Menschlichkeit. Für den Fall, dass Sie das bei aller Wahrnehmungsverschiebung nicht mehr so ganz auf dem Schirm haben: Das Asylrecht ist Menschenrecht.

Ihr Kollege Seehofer hat einen sogenannten Masterplan Migration angekündigt. Was Sie und ihre Partei dringender nötig haben, ist ein Masterplan Menschlichkeit.