Transgender Beziehung: Mit Daniel kam Steffi zusammen, mit Dana stand sie vor dem Altar

Frau trifft Mann. Mann trifft Frau. Aber was, wenn der Mann im Lauf der Beziehung zur Frau wird? Über das Auf und Ab einer bewegten Liebesgeschichte.

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„Wir schaffen das," ein Satz, den sie sich während all den Tiefen und Höhen immer wieder zugesprochen haben. © Privat

Es ist ein schöner Sommertag. Daniel putzt sich raus, er nimmt seine braune Cordhose aus dem Schrank und streift ein weißes T-Shirt über. Ein letzter Blick in den Spiegel und los geht’s. Er ist aufgeregt, denn heute trifft er sie: Steffi, alias Chaosfrau35.

Auch Steffi ist nervös. Ihr erstes Blinddate. Über das Dating Portal Neu.de haben sie sich kennengelernt und jetzt treffen sie sich zum ersten Mal in der realen Welt, in einem Biergarten am Neckar in Heilbronn. Ihre Hände schwitzen.

2005: Chaosfrau35 trifft Rückgaberecht

Hektisch blickt sie sich um. Da entdeckt sie ihn: einen großen, blonden Mann am See. Daniel, im Internet nennt er sich Rückgaberecht. „Ich weiß noch, da kommt so ein kleines, quirliges Etwas auf mich zu, mit einem Stresspickel im Gesicht und zittert am ganzen Körper“, erzählt Daniel später. „In seiner Cordhose sah er aus wie mein Opa“, erinnert sich Steffi.

Zu diesem Zeitpunkt weiß Daniel noch nichts von seiner anderen Seite. Von seiner eigentlichen Ich-Identität. Er will Steffi einfach kennenlernen. Sie erobern. Denn obwohl es keine Liebe auf den ersten Blick ist, weiß er: Da ist etwas zwischen ihnen. Irgendwas Interessantes.

Nach dem dritten Date küsst er sie. „Für mich war es ganz besonders schwer, an Steffi heranzukommen, denn diese Nähe am Anfang hat sie nicht zugelassen.“ Daniel bleibt hartnäckig. In seinem Badezimmer stellt Daniel extra eine Zahnbürste bereit und räumt ein Fach für sie frei. Aber Steffi will sich nicht binden. „Ich wollte frei sein, gehen wann ich will. Ich weiß ja nicht, ob ich noch mal wiederkomme und dann habe ich meine Sachen da“, lacht sie.

Nach etwa einem Jahr passiert es dann doch. Aus Zuneigung wird Verliebtheit, aus Verliebtheit Liebe. Niemand ahnt, dass sich ihre Welt bald um 180 Grad drehen würde.

 Diese soziale Rolle, in die man mich steckte, passte nicht zu mir.“ – Daniel

Obwohl Daniel und Steffi eine lange, glückliche Beziehung führen, stört ihn etwas. Nicht an der Beziehung, sondern an ihm selbst. Dass er, Schätzungen der deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) zufolge, einer von circa 100.000 Transmenschen in Deutschland ist, weiß er noch nicht. „Ich habe einfach gefühlt, dass das nicht mein Leben ist. Ich wurde wie ein Mann behandelt, aber ich fühlte mich nicht so. Diese soziale Rolle, in die man mich steckte, passte nicht zu mir.“

Einmal, in seiner Jugend, erinnert sich Daniel Jahre später, hat er in einem Geschäft ein orangenes Kleid gekauft. Er hatte es nur einmal getragen. Danach hing es jahrelang unberührt im Schrank. „Ich wusste gar nicht, was ich eigentlich damit wollte, ich hab es einfach gekauft.“

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Während andere Männer den harten Draufgänger mimen, ist Daniel anders: emotional, tiefgründig, weich. Für Steffi aber ist Daniel genau richtig. „Das ist es, was ich gesucht habe. Ich wollte keinen starken Mann, ich wollte einen fürsorglichen, humorvollen Partner. Ein männliches Mädchen.“

Daniel entwickelt eine Liebe für Frauenmode. Die bunten Farben und die Art sich darzustellen gefallen ihm. Er sammelt Korsetts und andere Frauenklamotten. Eines Tages gibt er ein paar seiner Sachen Steffi: „Die brauche ich nicht mehr, die passen mir nicht.“ Steffi ist verwirrt. Aber außer ihren fragenden Blicken kommt kein Ton aus ihr raus.

„Ich habe das erst gar nicht so ernst genommen und dachte, es wäre halt so ein Tick, den er eben ausleben muss. Ich habe ihm dann einmal sogar Smokey Eyes geschminkt, nur so als Spaß“, sagt Steffi. Sie ist da sehr tolerant, denkt Daniel.

Bei einem Tick bleibt es nicht. Er spürt immer mehr, dass er sich in der Rolle des Mannes nicht wohl fühlt. Daniel leidet. Er will sich ausprobieren, die Welt des Frau-Seins entdecken. Er lackiert sich seine Fingernägel blau, kauft bunte Jeans und durchstöbert die Frauenabteilungen in den Geschäften.

Er geht sogar zu einer Visagistin, bittet sie, seine Weiblichkeit zum Vorschein zu bringen. Erster Blick in den Spiegel. Der Vorhang fällt und die Erkenntnis brennt ihm ein Loch in sein Herz: Das bin ich! Nicht Daniel. Dana! Er weint. Es fühlt sich so gut, so richtig an.

Die Veränderung von Daniel zu Dana kam nicht von heute auf morgen

Auch Steffi merkt langsam, dass es mehr als eine eigenartige Vorliebe ist. Doch anstatt darüber zu reden, schweigen sie. Mit der Zeit wird der Drang, öffentlich als Frau sichtbar zu sein, immer stärker. Schließlich beschließt Daniel, sich auch seinen Kolleg*innen anzuvertrauen. Nach dem Coming-out auf einem Weinfest ist es auch bei seinen Kolleg*innen angekommen: Daniel gibt es nicht mehr.

Daniel ist jetzt Dana. Und Dana redet über Hormonbehandlungen. Der Bart soll ab. Rund 30.000 Euro kostet die Nadelepilation. Dabei werden 80.000 Haare einzeln mit Strom herausgebrannt. Bis der Bartwuchs jedoch vollständig gestoppt ist, dauert es oft bis zu fünf Jahre, erfährt sie. „Was sollen die Nachbarn sagen?“ denkt Steffi. „Ich will mich nicht verbiegen,“ denkt Dana. Schließlich rät Steffi ihr, eine Psychologin aufzusuchen. Mit der Einsicht kommt die Diagnose: eindeutig transsexuell.

Es gibt nur eine, die hier Brüste hat und das bin ich!“ – Steffi

Nach und nach bekommt die Beziehung von Dana und Steffi Risse. Oft geraten sie aneinander. „Ich will Ohrlöcher“, sagt Dana. „Auf gar keinen Fall!“, sagt Steffi. „Es gibt nur eine, die hier Brüste hat und das bin ich!“. Steffi sträubt sich gegen die Veränderung. Sie fragt sich, wie sie damit umgehen soll. Schließlich steht sie ja auf Männer, nicht auf Frauen.

Als Dana von ihrer Mutter ein Hormongel geschenkt bekommt, das das Wachstum des Busens fördern und die Entstehung ihrer Weiblichkeit beschleunigen soll, bricht Steffi zusammen und weint. „Sie wollte das alles so nicht, aber für mich war es jedes Mal ein Kampf um jeden Zentimeter nach vorne“, erzählt Dana. Für Dana steht fest, sie muss mit sich selbst zufrieden sein. Notfalls den Weg alleine gehen.

Isabelle Melcher, Psychotherapeutin und Leiterin der Beratungsstelle Transsexualität, Transgender und Intersexualität (TTI) in Ulm weiß, dass es zu großen Problemen führen kann, wenn man seine Identität nicht frei ausleben kann: „Versuchen Transmenschen ihre Ich-Identität für sich zu behalten, können Depressionen, bipolare Störungen, soziale Phobien, selbstverletzendes Verhalten, Suchtmittelgebrauch oder auch suizidale Phasen die Folge sein.“

Steffi brauchte Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen

Als es schließlich ernst wird und die OP und die Hormonbehandlung gar nicht mehr so abwegig scheinen, steht die Beziehung der beiden vor dem Aus. Steffi ist der Situation nicht gewachsen, sie ist verzweifelt und will ihren Daniel zurück. „Gib mir Zeit, mich daran zu gewöhnen“, sagt Steffi. Sie zieht sich zurück in ihre eigene Wohnung. Die hat sie behalten, auch nachdem sie vor sechs Jahren zusammengezogen sind. Das ist Steffi: Immer einen Plan B, einen Fluchtplan in der Tasche.

Die Beziehungskrise von Steffi und Dana ist kein Einzelfall. „Viele Beziehungen scheitern am Coming-out des Partners. Ob eine Beziehung einer Geschlechtsangleichung Stand hält, kommt auf ihre Tragfähigkeit an. Dabei ist Offenheit, Ehrlichkeit und Wertschätzung besonders wichtig. Spielt der Lebenspartner oder die Lebenspartnerin für die eigene Lebensgestaltung eine zentrale Rolle, kann eine Beziehung gelingen“, so Melcher vom TTI.

Wir sind doch ein Team.“ – Steffi

Steffi vertraut sich zwei Freundinnen an. Sie will wissen, was andere über ihre Situation denken. In erster Linie braucht sie jemanden zum Reden. Die Freundinnen sind geschockt. Im gleichen Moment aber stärken sie sie auch. „Ich habe dir ja schon immer gesagt, der ist ein Mädchen!“, sagt eine ihrer Freundinnen.

Für Dana und Steffi ist klar: Es geht auch ohne einander. Aber sie merken, sie wollen es nicht. Etwa fünf Tage später kommt Steffi zurück. „Es gab ja nicht nur negative Dinge, sondern auch viel Positives. Geteilte Erlebnisse, Gemeinsamkeiten, worüber man dann nachdenkt. Wir sind doch ein Team.“

Dana und Steffi raufen sich zusammen. Sie trinken Aperol, genießen Sonnenuntergänge, nehmen einen Tag in der Woche eine Auszeit in der Badewanne. Dana spricht sich ihre Gefühle von der Seele. Steffi kann sie nun besser nachvollziehen. Reden hilft. Während Dana offener mit ihrer neuen Weiblichkeit umgeht, tut sich Steffi oft noch schwer, über ihre Gefühle spricht sie kaum. Das kennt sie nicht.

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Beziehung ist Arbeit, das weiß Dana jetzt. „Aus unserer Beziehung habe ich gelernt: Du darfst deinen Partner nicht verbiegen. Menschen kannst du nicht verändern. Du musst deinem Partner Entwicklung erlauben und ihm diese Freiheit geben.“

Das Nachvollziehen ist eine Sache. In der Öffentlichkeit als Pärchen-Sensation auftreten eine andere. Steffi fühlt sich unwohl. Was sollen die Nachbarn denken? Sie fahren in eine andere Stadt, tragen Perücken. Dana eine mit blondem, Steffi eine mit schwarzem Haar. „Damit uns bloß keiner erkennt!“ sagt Steffi. „Wir leben auf dem Dorf – Punkt.“

2014: Eine Diagnose verändert Danas und Steffis Beziehung

Nach und nach finden Dana und Steffi Wege, mit der neuen Situation umzugehen und genießen die Zeit zu zweit. Dann hat Dana einen Hörsturz. Nichts Ernstes, denkt sie. Doch die Diagnose des MRT löst einen Schock in ihr aus: Hirntumor. Ein Akustikusneurinom. Die Welt steht Kopf, sie hört auf sich zu drehen. Zumindest für Dana und Steffi. Sie liegen sich in den Armen und weinen. Der Tumor ist selten, etwa 1:120.000 Menschen erkranken daran, recherchiert Dana im Internet. Noch dazu ist er kaum behandelbar, jede OP birgt ein großes Risiko. Circa sechs bis acht Jahre bleiben ihr, bis der Tumor operativ entfernt werden muss. Wie ihr Leben danach aussehen wird, ist ungewiss. Es wächst also vor sich hin, das Ding in Danas Kopf.

Das gute Leben ist kurz, realisiert Dana. Sie schiebt die Zweifel beiseite und entschließt sich endgültig für die Hormone. „Nach der Tumor-Diagnose kam dann die Hormontherapie und schließlich die geschlechtsangleichende OP. Sieben Tage Krankenhaus und unerträgliche Schmerzen. Das war mein erster Krankenhausaufenthalt, meine erste Narkose. Steffi hat mich dann huckepack zum Waschen ins Bad getragen, mir mein Essen gebracht und war bei mir, als mir die Katheterschläuche gezogen wurden. Das hat mir gezeigt: Sie ist die Frau an meiner Seite. Sie ist einfach durch dick und dünn mit mir gegangen.“

Trotz des steinigen Wegs, den sie in ihrer Beziehung zurückgelegt haben, sind Steffi und Dana heute glücklicher denn je. Die schwere Zeit hat sie zusammengeschweißt. Nicht nur ihre Beziehung, auch ihr Sexualleben ist intensiver geworden. Und Dana ausgeglichener. „Ich gehe jetzt viel mehr auf meine Partnerin ein, als ich es vorher gemacht habe. Ich bin jetzt nicht mehr nur Partnerin, sondern auch gute Freundin und kann auch mehr sehen was Steffi braucht“, resultiert Dana.

2015: Dana bittet Steffi, sie zu heiraten

„Wir schaffen das,“ ein Satz, den sie sich während all den Tiefen und Höhen immer wieder zugesprochen haben. Jetzt wollen sie es endlich schwarz auf weiß. Dana und Steffi.

Dana ist aufgeregt. Sie steht am Flughafen, um mit Steffi nach Shanghai zu fliegen. „Damit das auch eine schöne Geschichte wird, falls jemand fragt, wie wir uns verlobt haben“, lacht Dana. Sie ist gestresst. Mist, sie hat vergessen die Ringe zu kaufen. Eilig kramt sie etwas Kleingeld zusammen und wirft es in den Kaugummiautomaten am Flughafen. Das mit den Ringen wäre dann vorläufig erledigt. Ein bisschen Kitsch schadet nicht.

Ein Tag später in Shanghai im 89. Stock des Hyatt Regency Hotel. Dana schüttet Steffi ihr Herz aus, bittet sie, sie zu heiraten und die verbleibende Lebenszeit mit ihr zu teilen. Steffi sagt ja. Ein einfaches Wort. So ist sie eben.

Der 27. Juli 2015. Zehn Jahre und drei Tage ist es her, seit Dana, damals noch als Daniel, in Cordhose das Herz von Steffi erobert hat. Das Leben hat sie an viele Abgründe ihrer Beziehung geführt. Und doch stehen sie heute hier. Auf einem Schiff an der Werra, um sich endlich das Jawort zugeben. Steffi im Kleid, Dana im Anzug, da die Homoehe in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht erlaubt war. Den Anzug hat sie nach der Hochzeit weggeworfen. Knapp zwei Monate danach durfte sie sich endlich ganz offiziell Frau Dana Diezemann nennen.