Trauer: Es ist okay, nicht okay zu sein

Ein Mensch stirbt – und dann? Trauer ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema. Die Arbeit der Autorin Megan Devine könnte der Beginn einer neuen Trauerkultur sein.

"Lass die Person traurig sein", rät Autorin Megan Devine. Illustration: Elif Kücük / ze.tt

Megan Devine ist mit ihrer Geschichte Inhalt der Albträume anderer Leute. 2009 ertrank ihr Partner Matt, ganz unerwartet starb er kurz vor seinem 40. Geburtstag. Ihr Buch It’s ok that you’re not ok widmet sie daher allen Menschen, die mit ihrer Lebensgeschichte Albtrauminhalt liefern. „Es riss meine Welt auseinander“, schreibt Megan Devine. Die ehemalige Psychotherapeutin hatte nach dem Tod ihres Partners das Bedürfnis, sich bei ihren bisherigen Klient*innen zu entschuldigen. Jetzt, da sie selbst verstand, dass nichts auf der Welt sie auf die Trauer hätte vorbereiten können. Jetzt, da sie merkte, dass nichts half.

Statt einer Entschuldigung schrieb sie das Buch, veröffentlichte die Webseite Refuge in grief und einen Instagram-Account. Ihre Publikationen richten sich an Trauernde und ihre Angehörigen und sind dabei weit mehr als Ratgeber. Devine ist eine der Protagonist*innen einer neuen Kultur des Trauerns – und räumt mit veralteten Klischees auf. Sie hebt den Schleier des Trauer-Tabus, erzählt von ihrer eigenen Geschichte und ihrem eigenen Weg. Sie wird damit zu einem Vorbild. Ein Vorbild, das zeigt, dass ein Leben nach einem großen Verlust möglich ist. Ein Leben mit Liebe zu sich selbst, zum Leben und nicht zuletzt ein Leben mit Humor.

Megan Devine ist damit eine der Protagonistinnen einer neuen Kultur des Trauerns. Immer mehr Menschen – vor allem Frauen – gehen mit dem Thema Trauer an die Öffentlichkeit, um etwas zu verändern und sich aus starren Konventionen zu befreien. Für immer traurig? Von wegen. „Wir haben gemerkt, dass es eine gute Art gibt, über Tod, Trauer und Sterben zu reden. Nicht vorsichtig, angestrengt oder betroffen, sondern selbstverständlich: mal ernst, mal traurig, manchmal auch lustig – wie über’s Leben eben auch“, sagen Susann Brückner und Caroline Kraft über ihren Podcast endlich. – und machen genau das monatlich mit wechselnden prominenten Gästen.

Nicht alles wird wieder gut

Mal traurig und manchmal lustig sind auch die Arbeiten von Megan Devine. Ihre Webseite besteht aus zwei Teilen, einem für Trauernde und einem für Angehörige. Auf der Startseite erscheinen die Buttons „Ich trauere“ oder „Eine Person, die ich kenne, trauert“. Je nach Klick geht es weiter. Vorher jedoch wird man von einem Satz begrüßt, der sich auch im Buch wiederholt und in allen digitalen Publikationen von Devine: „Some things cannot be fixed. They can only be carried.“ Einige Dinge können nicht geheilt werden. Sie können nur getragen werden.

Ein Klischee, mit dem Devine aufräumt, ist, dass Trauernden geholfen werden könne. Es gehe eher darum, die Trauer auszuhalten. Als Teil des Lebens. Als Teil der Liebe, wie Devine schreibt. Dann sei es auch nicht wichtig, was ein*e Freund*in zu einer trauernden Person sagt, sondern vor allem, dass sie da ist. Devine beschreibt das nicht nur mit ihren eigenen Worten, sondern auch in Bildern der Illustratorin Brittany Bilyeu. Auf Devines Instagram-Account teilte sie gerade neun Tipps für Angehörige.

Du musst nicht perfekt sein, sei einfach da.

Die Illustrationen zeigen, dass es viele Möglichkeiten der Unterstützung gibt – wenn man sich vom Gedanken verabschiedet, die Trauer wieder gut machen zu wollen. „Du musst kein Cheerleader sein“, sagt Devine. Viel besser: Die Trauer der anderen Person einfach akzeptieren. Sie vielleicht sogar gemeinsam mit ihr aushalten. Zu den eigenen Unsicherheiten zu stehen, ist daher eine von Devines Empfehlungen. Eine andere, ganz praktische: Den Namen der verstorbenen Person aussprechen: „Erinnerst du dich noch, als Mark das erste Mal Fahrrad gefahren ist?“ Lass die Person traurig sein, rät Devine. Und sie schreibt unter die Illustrationen: Du musst nicht perfekt sein, sei einfach da.

In der Öffentlichkeit geweint? „Alles passiert aus einem guten Grund“ gehört? Hellwach morgens um 3 Uhr? Den Appetit verloren? Auch für Trauernde hat Megan Devine eine Illustration, sie nennt sie Trauer-Bingo.  Viele trauernde Personen werden sich in diesem Bingo wiedererkennen. Devine schafft damit einen Raum digitaler Solidarität. Unter ihren Fotos und Artikeln tauschen sich trauernde Personen aus, ein Satz, der dort immer wieder steht: „Ich fühle mich nicht mehr so allein.“

Ihr Buch beendet Devine mit einem Geständnis. „Ich weiß, es reicht nicht. Dieses Buch, diese Worte. Nichts kann das, was du gerade erlebst, wieder gut machen.“ Sie hoffe dennoch, mit ihrer Geschichte, mit dieser „Landkarte durch das Dunkel“ eine Orientierung geben zu können. „Es ist eine Geschichte, die ich wünschte, nicht erzählen zu müssen, aber es ist die Geschichte, die ich habe.“ Ihr Buch beschreibt sie als einen Liebesbrief an die Menschen, die es lesen. Und schließt mit einer Empfehlung für alle, die Trauernden beistehen möchten: „Sei bereit, keine Antworten zu haben. Hör zu. Sei da. Sei ein*e Freund*in. Sei liebevoll. Liebe ist, was bleibt.“


Mehr zum Thema Tod und Trauer in unserer Serie Mit dem Tod leben:

Teil 1: „Meine Familie starb an Krebs, und ich habe Sinn darin gefunden“

Teil 2: „Ich trage jeden Tag ein Schmuckstück meiner verstorbenen Oma“

Teil 3: Wann uns Trauer reifen lässt

Teil 4: „Seit mein Papa tot ist, hat sich Angst in mein Leben gefressen“

Teil 5: „Omas Versicherungen abzuwickeln war wie ein zweiter Abschied“

Teil 6: Wie ich den Verlust meines Sohnes bewältigt habe

Teil 7: „Nachdem mein Papa starb, ritzte ich mich und schlief mit älteren Männern“

Teil 8: „Mein Onkel war Zeuge Jehovas und verzichtete auf lebensrettendes Blut“

Teil 9: „Mein Sohn hat sich erschossen. Für mich ist er nicht gestorben“

Teil 10: „Warum es sinnvoll ist, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen“

Hilfe holen

Die Telefonseelsorge erreichst du online oder telefonisch unter den kostenlosen Nummer 0800-1110111 rund um die Uhr. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.