Triesdorf: So lebt es sich in Deutschlands kleinstem Hochschulort

Ländliche Idylle und ausgelassenes Studierendenleben – zwei unvereinbare Gegensätze? Nicht in Triesdorf. Ein Besuch


Die imposante Platanenallee ist fast ein bisschen zu majestätisch für den Ort, zu dem sie führt. Triesdorf ist winzig, selbst wenn man das anschließende Weidenbach mitzählt, kommt man nur auf knappe 2.300 Einwohner*innen. Ein echtes Dorf also. Das Untypische? Ein Großteil dieser Einwohner*innen sind Studierende und Schüler*innen, denn Triesdorf ist ein Bildungszentrum für Landwirtschaft und der kleinste Ort Deutschlands, an dem es eine Hochschule gibt.

Zumindest gilt das als sehr wahrscheinlich. Denn das statistische Bundesamt zählt nur die kleinsten Gemeinden mit Hochschulen in Deutschland. Einzelne Orte erfasst es nicht. Triesdorf ist wiederum Teil der Gemeinde Weidenbach und hat als eigener Ort nur 101 Einwohner*innen.

Toni und Timo studieren beide an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT): Sie Umweltsicherung, er Landwirtschaft. Alle Studiengänge der HSWT sind technisch, beziehungsweise naturwissenschaftlich, angelegt, besonders auf Umweltthemen legt man viel Wert. Die Hälfte der Studierenden ist übrigens weiblich. Mit dieser Quote stehen die Ingenieursstudiengänge der HSWT deutschlandweit ganz oben. Aber wie sieht es nun aus, das Studierendenleben mitten im Nirgendwo?

Wir sitzen in Timos WG auf der Dachterrasse. Das Wetter ist wie aus dem Bilderbuch, genauso wie die Landschaft. Saftige Wiesen und Felder erstrecken sich direkt hinter der Ortsgrenze. Abends, wenn die Sonne tief über den Wäldern steht, sei es besonders malerisch hier oben, sagt Timo. Das sei mit das Beste am Studieren hier draußen. Die Landschaft und vor allem die Ruhe abends.

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Dass es hier sehr ruhig ist, glaubt man sofort. Von oben betrachtet wirkt der Ort etwas verschlafen. „Ich müsste eigentlich lernen“, seufzt Timo und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Nichts stört die Stille eines Samstagnachmittags, bis auf den einen oder anderen Traktoren, der vorbeifährt. Kein Wunder, Timos Vermieter*innen gehört der Bauernhof nebenan.

Party in der Reithalle

Lebt es sich hier also so im Studium: Tagsüber lernen, abends gemütlich rumsitzen und die Landluft genießen? Und feiert ihr dazwischen auch mal? Und wo? „Viel, oft und ausdauernd“, versichert Timo. Der nächste wirkliche Club ist zwar in Ansbach, gut 15 Kilometer entfernt, aber an WG-Partys mangelt es unter dem Semester nicht. Und danach, wenn alle Prüfungen in allen Studiengängen geschrieben sind, trifft sich die ganze Fachhochschule an der Reithalle, um das überstandene Semester zu feiern. „Und sich zu betrinken.“

Reithalle? Das klingt mehr nach Ponyhof als nach Hochschule, ganz vorstellen kann ich mir das nicht. Wir beschließen, einen Rundgang zu machen, um ein paar Vorurteile zu entkräften. Ein Fußweg schlängelt sich zwischen der Staatsstraße auf der einen Seite und Feldern und Wiesen auf der anderen entlang. „Da hinten ist unser Praxisprojekt.“ Timo zeigt auf einen Abschnitt im Feld. Dort testen er und seine Kommiliton*innen gerade die Auswirkungen verschiedener Nährstoffkomponenten auf Winterweizen.

Nach der Vorlesung geht’s auf das Feld

Ist das normal hier, dass die Natur zum Unterrichtsraum wird? Definitiv. Die HSWT hat als Fachhochschule einen sehr hohen Praxisbezug, besonders deutlich wird das im Landwirtschaftsstudium. Gut 30 Prozent finden nicht in Klassenzimmern statt. Die Studierenden arbeiten mit Tieren, Futtermitteln und natürlich mit Pflanzen. Dabei sind sie viel auf den Feldern unterwegs, sitzen aber auch oft im Labor. Triesdorf ist als Standort dafür perfekt. Die Professor*innen gehen gern nach der theoretischen Vorlesung mit ihren Studierenden aufs Feld und zeigen dort die behandelten Inhalte. Aber nicht nur die Landwirt*innen toben sich in den Feldern aus. Auch die Umweltsicherungsstudierenden, auch liebevoll Umsis genannt, stapfen fleißig in der Natur herum, suchen Schnecken, Pflanzen und andere Kleintiere, waten durch Bäche und sammeln ab und zu auch Müll. Von so einem Realitätsbezug können Universitätsstudierende nur träumen.

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Zwischen all der Natur tauchen plötzlich ein Parkplatz, übrigens gerade frisch asphaltiert, und dann die Gebäude der Hochschule auf. Der Triesdorfer Campus ist eine Mischung aus modernen Neubauten und altehrwürdigen Bauwerken, die dem Ansbacher Marktgrafen gehören. Selbst an einem Samstag trifft man hier vereinzelt Studierende.

Nix mit auf-dem-Kaff-hocken und fadisieren

Kommiliton*innen von Toni etwa kümmern sich unter anderem um zwei Hochbeete, pflanzen Erdbeeren, Kartoffeln und Schnittlauch. Überhaupt ist das Angebot an Freizeitaktivitäten an der Hochschule groß. Das Sportangebot reicht von Fußball bis Axtwerfen und neben einem großen Angebot an fachlichen Exkursionen, die die Dozent*innen organisieren, gibt es zahlreiche Arbeitskreise, in denen die Studierenden sich austoben können. Eigeninitiative ist gerne gesehen, Studierende haben zum Beispiel die Möglichkeit, selbst Sportkurse anzubieten. Timo hat zwei Semester lang einen Badminton Kurs geleitet. Ein Highlight ist der Chor, da er nicht ausschließlich zur Hochschule gehört, sondern für alle Triesdorfer Bildungseinrichtungen zugänglich ist. Keine Zeit also für das typische „auf dem Kaff hocken und nichts zu tun haben“, wie Toni es ausdrückt.

Die Reithalle entpuppt sich als eines der alten FH-Gebäude, in dem die meisten Prüfungen geschrieben werden. Dort finden aber auch die regelmäßigen Bälle statt. An denen sind nicht nur Studierende beteiligt: in zwei Wochen sind beispielsweose die Dozent*innen als DJs angestellt. Überhaupt sei das Verhältnis zu den Dozent*innen sehr entspannt. Unser Rundgang führt uns an dem Haus eines Professors vorbei. Er winkt seinen Studierenden immer zu, wenn er gerade in seinem Garten werkelt. Viele der Dozent*innen wohnen im Ort, da sieht man seinen Prof schon mal mit dem Fahrrad am Haus vorbeifahren, wie Timo erzählt.

Wir schlendern weiter, verlassen Triesdorf. Hier gibt es eigentlich nur die Hochschule, die Studierenden wohnen in Weidenbach, in das Triesdorf nahtlos übergeht. Wir gehen die Hauptstraße entlang. Hier liegen die handvoll Geschäfte, die Weidenbach zu bieten hat: eine Sparkasse, zwei Metzgereien, eine Bäckerei, einen Dönerladen, eine Lottoannahmestelle. Die einzige Studierendenbar, die früher einmal während der Woche geöffnet hatte, ist mittlerweile geschlossen. Der Betreiber ist selbst Student, steckt scheinbar gerade mitten in seinem Master. Dann gehen wir noch vorbei an einer evangelischen Kirche und einer katholischen. Ein winziges Rathaus.

Die meisten Anwohner, die hier Häuser bauen, planen einfach ein bisschen größer und vermieten dann an Studenten“ – Toni

„Die meisten Anwohner, die hier Häuser bauen, planen einfach ein bisschen größer und vermieten dann an Studenten“, erklärt Toni. Es gibt zwar auch ein Studierendenwohnheim im Ort, die meisten wohnen aber in den zahlreichen WGs im Umkreis. Der Großteil in Weidenbach, einige in Dörfern in unmittelbarer Nähe. In den Semesterferien ist Weidenbach wie ausgestorben ohne seine studentischen Bewohner*innen. Während des Semesters herrscht dagegen reger Verkehr zwischen den WGs. Man kennt sich untereinander. „Wenn du in den Supermarkt gehst, kennst du einfach die ersten fünf Leute, die du triffst.“ Kriegt man bei all der ländlichen Idylle aber nicht doch ab und zu den Kaff-Koller? Die Antwort ist ein entschiedenes Nein, von Toni und Timo. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, hierherzukommen. Die Stadt vermissen sie höchstens aus praktischen Gründen, wenn man zum Beispiel etwas Ausgefalleneres braucht.

Dass Umweltschutz hier allgegenwärtig ist, merkt man sofort. In Triesdorf gib es eine Biogasanlage und eine Hackschnitzelheizung, wodurch es komplett energieautark ist. Aber auch viele Studierende leben umweltbewusst. In Tonis WG kommt konsequent nur Regionales auf den Tisch, eingekauft wird viel im ortseigenen Käseladen, frisches Gemüse kommt von der Bäuerin. Diese Gemüsekisten sind übrigens eine Initiative eines Arbeitskreises der Hochschule. Lohnt es sich denn auch finanziell, hier auf dem Dorf zu leben? Definitiv. „Mit 250 Euro im Monat kommt man locker durch“, meint Toni. Inklusive Miete. Die günstigsten Zimmer gibt es hier ab 140 Euro warm. Einem Stadtstudenten klappt bei diesen Zahlen die Kinnlade runter.

Mit 250 Euro im Monat kommt man locker durch“, meint Toni. Inklusive Miete.

Nach einer guten halben Stunde beenden wir unseren Rundgang. Es ist unbestreitbar gemütlich hier, die meisten Häuser haben Fensterläden, überall grünt und blüht es und man kann gefahrlos mitten auf der Straße laufen, so wenige Autos fahren hier. Die hochmoderne Hochschule müsste eigentlich ein wenig fehl am Platz wirken, so einen Gegensatz bildet sie zu dem romantisch verträumten Dorf. Doch es ist ein Gegensatz, der funktioniert. Wie vieles hier. Erfülltes Studierendenleben in einer Umgebung à la Wir Kinder aus Bullerbü? Wenn das irgendwo möglich ist, dann hier draußen. Es tut einem fast leid, wieder in die wuselige Realität einer Unistadt zurückzukehren.