Trotz Rückschlägen bei Schwangerschaftsabbrüchen: Die Frauen in Argentinien kämpfen weiter

Gestern wurde bekanntgegeben, dass Schwangerschaftsabbrüche in Argentinien weiterhin strafbar bleiben. Trotzdem haben die Proteste der vergangenen Wochen viel bewegt.

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Enttäuscht, wütend, aber nicht allein: Das sind die Aktivist*innen, die sich in Argentinien für Frauenrechte einsetzen. Foto: Eitan Abramovich / AFP / Getty Images

15 Stunden lang diskutierte der argentinische Senat gestern, bis endgültig klar war: Nein, Schwangerschaftsabbrüche werden in Argentinien nicht legalisiert. Ein harter Schlag für die argentinische Frauenrechtsbewegung.

Tausende Aktivist*innen waren wochenlang für straffreie Schwangerschaftsabbrüche auf die Straßen gegangen. Für die Menschen, die mit grünen Tüchern und Gesichtsbemalungen für die Selbstbestimmungsrechte von Schwangeren protestierten, war das Ergebnis nach Monaten des Aktivismus eine bittere Enttäuschung. Doch obwohl Schwangerschaftsabbrüche nun auch weiterhin bis auf wenige Ausnahmen für Ärzt*innen und Schwangere strafbar bleiben, haben die Proteste viel bewegt.

Die Frauenrechtsbewegung wird trotzdem stärker

Was vor zwei Jahren mit den Protesten gegen Morden an Frauen unter dem Namen #NiUnaMenos, nicht eine Frau weniger, ins Rollen geriet, hat bei den Demonstrationen für die Gesetzesänderung seine volle Macht gezeigt. Tausende protestierten, 28 Straßen wurden deshalb in Buenos Aires gesperrt – im Gegensatz zu 21 Straßen, auf denen die Gegner*innen der Gesetzesänderung protestierten. In einem katholischen, konservativen Land wie Argentinien sind auch solche Kleinigkeiten bedeutende Veränderungen, mit denen die Aktivist*innen signalisieren: Wir sind viele und wir gehen nicht mehr weg.

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So äußerten sich auch viele Frauenrechtler*innen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses. Trotz der Enttäuschung zeigten sich viele hoffnungvoll: „Die Lage wird niemals wieder dieselbe sein, denn die Gesellschaft hat sich durch die fünf Monate, in denen das Gesetz diskutiert wurde, verändert“, sagte die Journalistin Soledad Vallejos gegenüber The Guardian.

Die Aktivistin Mariana Carbajal verkündete in einem Artikel: „Wir haben gewonnen, weil Schwangerschaftsabbrüche kein Tabu mehr sind. Wir haben gewonnen, weil Mütter und Großmütter ihren Töchtern und Enkeltöchtern von ihren Abtreibungen erzählten, weil Jugendliche die Debatte mit nach Hause und in ihre Schulen brachten.“ Carbajal schaut hoffnungsvoll in die Zukunft, denn die fehlenden Stimmen im Senat seien nur ein Stein, der auf dem Weg überwunden werden müsse. „Es war nicht gestern. Aber es wird morgen sein.“

Die Aktivist*innen stehen geschlossen hinter ihren Zielen. Genau wie bei den Protesten zu #NiUnaMenos ging es auch bei der Gesetzesänderung vor allem um den Schutz des Lebens von Frauen. Das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen gefährdet das Leben von Schwangeren. Wenn eine Frau ein Kind nicht austragen will, hindern Verbote sie nicht daran. Vielmehr erschweren sie den Zugang zu guter medizinischer Versorgung und zwingen die Schwangeren dazu, auf unsichere und gefährliche Hausmittel auszuweichen oder Abbrüche unter nicht ausreichenden medizinischen Standards durchzuführen. Laut Schätzungen des Guttmacher Institute sterben jedes Jahr weltweit 47.000 Schwangere an den Folgen eines illegalen Schwangerschaftsabbruchs.

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Das ist auch den Menschen auf Argentiniens Straßen bewusst. „Wir entscheiden nicht Abbruch: ja oder nein. Wir entscheiden, ob ein Abbruch in einem Krankenhaus oder ein illegaler Abbruch, mit einem Kleiderbügel oder etwas anderem, das die Frau in eine erniedrigende, degradierende Situation bringt – eine wahre Folter“, sagte die Senatorin Magdalena Odarda.

Die Frauenrechtler*innen in Argentinien wollen weiter für ihre Ziele kämpfen. In den Wahlen, die im nächsten Jahr anstehen, sehen viele eine Chance für einen politischen Wechsel. Die Aktivist*innen wissen nun, dass ihre Bewegung viel Rückhalt in der Bevölkerung findet, dass sie das Potenzial hat, die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und die Kraft, um Druck auf Politiker*innen auszuüben. Die Menschen mit den grünen Tüchern, sie werden so schnell nicht verschwinden. Denn grün ist eben nicht nur die Farbe des Selbstbestimmung. Es ist auch die Farbe der Hoffnung.