„Troubled Blood“ – Warum das neue Buch von J.K. Rowling ein transphobes Narrativ bedient

Schon länger wird im Internet debattiert, ob J.K. Rowling transfeindlich ist. Ihr neuer Roman Troubled Blood zumindest unterstützt typische transphobe Klischees. Ein Kommentar

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Schon öfter fiel die britische Autorin J.K. Rowling durch transfeindliche Tweets auf. Foto: TOLGA AKMEN/AFP via Getty Images)

Viele Harry-Potter-Fans sind seit einiger Zeit verwirrt bis entsetzt: Ist die britische Autorin ihrer Lieblingsbücher transphob? Es begann mit einem Tweet im Dezember 2019, immer wieder fiel J.K. Rowling seitdem mit Aussagen auf, von einigen wird sie bereits als TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminist) bezeichnet. Während man mit ihren Tweets übereinstimmen oder sie als unsensibel bis transfeindlich einstufen kann, zeugt der gerade neu erschienene Roman Troubled Blood der 55-Jährigen  von einer problematischen Sichtweise auf trans* Menschen.

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Im Buch Troubled Blood, das am 15. September unter Rowlings Pseudonym Robert Galbraith erschien, geht es um einen neuen Fall der Privatdetektive Cormoran Strike und Robin Ellacott. Es ist der bereits fünfte Teil einer Krimi-Reihe, aus der die BBC 2017 auch die Fernsehserie Strike machte. Das Duo übernimmt diesmal einen ungeklärten Kriminalfall aus dem Jahr 1974: Eine Allgemeinmedizinerin verschwindet spurlos, in Verdacht gerät der Serienmörder Dennis Creed, der zur selben Zeit in der Gegend sein Unwesen treibt. Und jetzt kommt die „Pointe“: Dieser höchst brutale Serienmörder ist dabei öfters in Frauenkleidern unterwegs – ein Fakt, der in Troubled Blood immer wieder eine Rolle spielt.

Die Botschaft von Troubled Blood: Traue niemals einem Mann im Kleid

Einige seiner ausschließlich weiblichen Opfer lockt Mörder Creed, so die Geschichte in Rowlings Roman, in Frauengestalt in seinen Van. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob Creed trans ist, ob er Cross Dressing als Leidenschaft betreibt oder als Mittel, um die Frauen in Sicherheit zu wiegen.

Hier finden Tweets und Literatur J.K. Rowlings wieder zusammen. Über Twitter wie durch die Figur von Dennis Creed in Troubled Blood verbreitet sie die Botschaft: Wer die Rechte von trans* Menschen bedingungslos unterstützt, unterstützt damit auch Männer, die eine vermeidliche Transidentität nutzen wollen, um cis Frauen gefährlich zu werden. Oder, wie The Daily Telegraph in einer Rezension des neuen Rowling-Romans schreibt: Traue niemals einem Mann im Kleid.

Cis Männer könnten laut Rowling die weibliche Rolle nutzen, um sich cis Frauen zu nähern – in womöglich böser Absicht

Obwohl sie wiederholt betont, dass sie selbst trans* Frauen kennt und schätzt, sagt die Autorin auch, dass nur diejenigen Menschen Frauen seien, die dem biologischen Geschlecht der Frau angehörten. „Es ist nicht genug, wenn Frauen trans* Allies sind. Sie müssen akzeptieren und zugeben, dass es keinen materiellen Unterschied zwischen trans Frauen und ihnen selbst gibt. Aber wie schon viele Frauen vor mir gesagt haben, sind ,Frauen‘ kein Kostüm. ,Frauen‘ sind keine Idee in dem Kopf eines Mannes“, schreibt sie so zum Beispiel in einem über 3600 Wörter langen Essay, dass sie diesen Sommer auf ihrer Webseite veröffentlichte.

Es war ihre Antwort auf einen erneuten Shitstorm, weil sie sich im Juni über einen Artikel echauffierte, der sich an menstruierende Menschen richtete. In dem Essay schrieb sie unter anderem auch: „Wenn man die Türen von öffentlichen Toiletten und Umkleiden jedem Mann öffnet, der glaubt oder fühlt, eine Frau zu sein – wie ich bereits sagte, kann man das Gender Confirmation Certificat [Anmerkung der Redaktion: der Name des britischen Dokuments, das eine Änderung des Geschlechts in der Geburtsurkunde ermöglicht] nun ohne Operation und Hormonbehandlung erhalten –, dann öffnest du die Türen für alle Männer, die hineinwollen. Das ist die einfache Wahrheit.“ Es ist ein Beschreibung, die fast wie zugeschnitten auf Dennis Creed in Troubled Blood wirkt. Der Mörder nutzt die Frauenkleidung dazu, möglichst nah an seine weiblichen Opfer heranzukommen.

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In dem Essay berichtet Rowling außerdem erstmals von eigenen Erfahrungen häuslicher und sexueller Gewalt in der Kindheit und führt die Sorge darauf, dass man Frauen sichere Rückzugsorte nehmen könnte, auch darauf zurück. Was sie dabei aber offenbar vergisst: Wenn man trans* Frauen von diesen Rückzugsorten ausschließt, setzt man sie potenziell genau derselben Gewalt männlicher Täter aus, die Rowling fürchtet.

Bereits 2014 benutzte Rowling eine trans* Frau im Roman als Bösewicht

Die Figur von Dennis Creed in Troubled Blood ist nicht die erste trans* oder gender non-konforme Figur, die J.K. Rowling als Bösewicht nutzt: So schrieb sie im 2014 erschienen Roman The Silkworm – ebenfalls aus der Strike-Reihe – über die junge trans* Frau Pippa Midgeley, die versucht, Kommissar Strike zu erstechen. Als sie während eines Verhörs mehrmals die Flucht ergreifen will, sagt ihr der Kommissar: „Wenn du noch einmal versuchst, durch diese Tür zu gehen, rufe ich die Polizei und sage gegen dich aus und ich werde gerne dabei zuschauen, wie du für versuchten Mord untergehst. Und das wird kein Spaß für dich, Pippa. Nicht vor der Operation.“ Strike meint damit die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Pippa als nicht operierte trans Frau in ein Männergefängnis muss und dort entsprechende Gewalt erleben könnte. In der BBC-Verfilmung des Romans wurde die trans* Figur aus dem Drehbuch gestrichen.

J.K. Rowling hat das Narrativ des bösen, psychopathischen trans* oder gender non-konformen Menschen nicht erfunden. Sie greift auf ein Bild zurück, das schon Thomas Harris und Alfred Hitchcock bemühten. Es ist die Darstellung von trans* Menschen als Psychopath*innen und Mörder*innen, wie Buffalo Bill in Das Schweigen der Lämmer und Norman Bates in Hitchcocks Psycho von 1960. Für trans* Menschen ist diese Darstellung schädlich.

Seit die Repräsentation von trans* Menschen in Kunst und Medien wächst, steigt auch die Gewalt gegen sie: Die Netflix-Dokumentation Disclosure stellt das in einen direkten Zusammenhang: Mehr als 80 Prozent der Amerikaner*innen haben, so eine Studie der Allianz von Schwulen und Lesben gegen Diffamierung (GLAAD), keine persönlichen Berührungspunkte mit trans* Menschen. Und so lernen sie vieles, was sie wissen, durch die Medien. „Das Gleiche gilt für trans Menschen: Auch wir kennen meistens niemanden in unserem Umfeld und schauen Fernsehen, um herauszufinden, wer wir sind“, sagt Nick Adams, GLAAD-Direktor für Trans Media und Repräsentation.

Rowlings Sicht auf trans* Menschen ist verblüffend eindimensional

Wenn Literatur und Film dabei immer wieder das Narrativ bedienen, dass diese gesellschaftliche Gruppe gefährlich ist, dass sich unter ihr scheinbar Psychopath*innen und Mörder*innen mehren, dann ist das nicht nur schlecht für die Fremd- sondern auch für die Selbstwahrnehmung von trans* Menschen und trägt zur Stigmatisierung bei.

J.K. Rowling befeuert dieses Narrativ. Die Kernaussage, die sie damit an ihre Fans weiterträgt, ist diese: Traue niemals einem Mann in Frauenkleidern, er könnte gefährlich sein. Was man mit ihrem Verständnis der zwei biologischen Geschlechter daraus auch lesen könnte: Traue keinen trans* Frauen, denn auch sie könnten gefährlich sein. Das ist äußerst problematisch, bedeutet es doch letztendlich: Wir können trans* Menschen keine umfassenden Rechte geben, denn sie könnten diese Rechte nutzen, um Straftaten zu begehen.

In ihrem langen Essay schrieb sie unter anderem, dass „sie, genau wie jeder andere Mensch auf der Welt, eine komplexe Geschichte hat, die ihre Ängste, Interessen und Meinungen formt“. Niemals vergisst sie diese innere Komplexität, wenn sie fiktive Charaktere erschaffe, und „ganz sicher nie, wenn es um trans Menschen geht“. Gleichzeitig entpuppt sich die Sicht auf trans* Menschen in ihrer Literatur, zuletzt nun in Troubled Blood, als verblüffend eindimensional: Sie sind gefährlich, gewaltbereit und vermutlich Psychopath*innen.