Hört endlich auf mit euren Schwulenwitzen über Trump und Putin!

Es ist nicht lustig, Trump und Putin als schwules Liebespaar darzustellen. Es ist homophob. Ein Kommentar

Trump und Putin: Hört endlich mit Schwulenwitzen über die beiden auf!

Trump und Putin knutschen. Funny. Not. Foto: © Josh Edelson / Getty Images

Gestern fand das Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Staatschef Wladimir Putin im finnischen Helsinki statt. Zuvor wurde sich im Internet über das Zusammentreffen der beiden lustig gemacht – und zwar unter anderem, indem internationale Medien Trump und Putin als schwules Liebespaar darstellten, beziehungsweise den beiden eine Affäre oder zumindest homosexuelle Neigungen andichtete. Den Witz müsste man mir aber bitte nochmal erklären …

Die New York Times Opinion postete gestern, passend zum Zusammentreffen, ein kurzes Zeichentrickvideo aus der fortlaufenden Serie Trump Bites auf Twitter. In der Serie werden ausschließlich Audiofetzen verwendet, die tatsächlich vom US-Präsidenten stammen. In diesem Fall trägt der knapp einminütige Clip den Titel Trump and Putin: A Love Story und zeigt den US-Präsidenten zunächst allein zu Hause vorm Spiegel, wie er sich für ein Date fertig macht. Sekunden später klingelt es und Putin steht, oberkörperfrei, vor der Tür, Trumps Herz schlägt schneller und die beiden fahren im Cabrio davon. Im Auto greift Trump nach Putins Hand, das Fahrzeug verwandelt sich plötzlich in ein Einhorn und umgeben von fliegenden Herzchen, Regenbögen und Schmetterlingen tauschen die beiden erst verliebte Blicke und dann wilde Zungenküsse aus.

Ich verstehe den Witz nicht

Was sich anhört wie der Einstieg eines schlechten Softpornos, der kurz nach Mitternacht im Privatfernsehen laufen könnte, ist nur ein Beispiel von vielen, in denen sich über Trump oder Putin lustig gemacht wird, indem man sie als schwul oder unmännlich karikiert. Die US-amerikanische Schauspielerin Bette Midler twitterte Ende Juni: „Trump und Putin treffen sich nächsten Monat in Finnland. Das ist zwar ein ganz schön langer Weg für einen Blowjob, aber hey! – Putin hat ja das Geld.“ Die Comedian Chelsea Handler macht sich außerdem über Trumps Justizminister Jeff Sessions lustig und mutmaßt auf Twitter: „Jeff Sessions ist definitiv ein Bottom“, also der passive Sexpartner. Und auch die Karikatur des geschminkten Putin vor einer Regenbogenflagge taucht immer mal wieder auf diversen Social-Media-Plattformen auf. Tatsächlich ist dieses Bild in Russland sogar verboten, da es vermuten lässt, Putin wäre homosexuell. Als wäre das etwas Schlimmes.

Um eines zunächst klarzustellen: Wahrscheinlich gehören sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin zu den Personen, die es wirklich verdient haben, dass man sich über sie lustig macht, öffentlich über sie herzieht und ihre Politik mit Humor hinterfragt, anfechtet, bekämpft – aber kann man das nicht intelligenter machen? Es ist absolut nicht lustig, die beiden als schwules Liebespaar darzustellen. Es ist homophob!

Dass Putin ein Problem mit Homosexualität hat, ist kein Geheimnis: Das Verbot von Homo-Propaganda in Russland spricht Bände. Und auch Trump setzt sich nicht sonderlich für die Stärkung von LGBTQ-Rechten in den USA ein. Noch 2011 sagte er in einem Interview über die Homo-Ehe: „Das ist wie beim Golf. […] Viele Menschen nutzen jetzt diese langen Golfschläger, echt hässlich. Das ist seltsam. Du siehst diese tollen Spieler mit diesen langen Schlägern, weil sie den Ball nicht mehr einlochen können. Und ich hasse es. Ich bin Traditionalist.“. Und vielleicht denken die Menschen, die über das homosexuelle Comic-Paar lachen, dass weder Trump noch Putin sich darüber freuen, in der Öffentlichkeit als schwul dargestellt zu werden – denn sie können Schwule ja offenbar nicht ausstehen.

„Schwul“ als Schimpfwort – schon okay?

Das Problem ist allerdings: Homosexualität wird hier benutzt, um andere zu diffamieren, sie in ein schlechtes Licht zu rücken, sie lächerlich zu machen. Man fügt ihnen das Attribut Schwul an, um sie weniger männlich darzustellen, sie zu entmannen, um sie zu erniedrigen – und tut dabei so als wäre Homosexualität etwas, das beleidigend für jemanden wäre. Schon auf dem Schulhof werfen sich Heranwachsende gerne Mal „schwul“, „Schwuchtel“, „Tunte“ oder Ähnliches an den Kopf, ganz klar mit dem Ziel, die andere Person zu verletzen. Klar, 10-Jährige wissen vielleicht einfach noch nicht, dass diese Wörter nicht als Beleidigung benutzt werden sollten – aber fragen wir uns mal, warum! Wie sollen sie lernen, dass „schwul“ eben kein Schimpfwort, sondern ein Adjektiv für gleichgeschlechtliche Liebe ist, wenn „schwul“ auf Social Media selbstverständlich als Erniedrigung verwendet wird?

[Außerdem auf ze.tt: Es kann nicht sein, dass „schwul“ noch immer als Schimpfwort benutzt wird]

Ich denke jedenfalls nicht, dass es zur Entstigmatisierung von Homosexuellen beiträgt, wenn man Homosexualität in der Öffentlichkeit dazu nutzt, um sich über andere Menschen – in diesem Fall die beiden Staatsoberhäupter – lustig zu machen. Ich denke auch nicht, dass dieses Verhalten irgendwie dazu beiträgt, dass es zum Beispiel für junge Homosexuelle einfacher wird, sich zu outen, wenn sie sehen, dass die Öffentlichkeit über schwule Pärchen lacht. Ich bin davon überzeugt, dass es deutlich bessere, intelligentere, lustigere Arten gibt, um sich über Trump und Putin lustig zu machen. Lasst euch doch bitte was anderes einfallen – wie zum Beispiel britische Aktivist*innen, die Trump vergangene Woche als oranges Riesenbaby darstellten.