Tschüss, Konsumgesellschaft: Warum Marius in einer Jurte auf dem Land lebt

Foodsharing, Bio-Mode, Minimalismus – der bewusste Umgang mit Konsum ist zum Trend geworden. Es geht aber noch krasser: Marius ging in Konsumstreik, zog in eine Jurte auf dem Land und baut heute Gemüse an.

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Marius vor seiner Jurte. Foto: © Laura Dahmer

Es ist nicht mehr ganz früher Morgen, 10 Uhr, als Marius Diab aus seinem Zuhause klettert. Sein Zuhause, das besteht aus Planen, alten Werbetafeln, Kletterseilen und Holz. Vor über zwei Jahren ist der gebürtige Münchner raus aufs Land gezogen und hat sich eine Jurte gebaut – aus Sperrmüll und dem, was er eben so gefunden hat. Marius ist vor über vier Jahren in Konsumstreik getreten.

Wer Marius besuchen will, der muss sich tief ins Freisinger Land im Süden Deutschlands vorwagen. Auf der kleinen Reise geht es durch etliche Dörfer, vorbei an Scheunen, Kirchen und Hopfengärten. Da draußen, zwischen schier endlosen Flächen aus Feldern, Äckern und Wäldern, hat er sein Lager aufgeschlagen. „Für die Jurte habe ich keinen Cent ausgegeben“, sagt er bei einem Waldspaziergang auf der Suche nach Brennholz. Über Monate hinweg klapperte er den Sperrmüll ab, wühlte sich durch Container und fragte beim Messebau nach, ob die etwas an ihn abzugeben hätten.

Für unser Konsumverhalten wird in Afrika für Hungerlohn gearbeitet.

Marius Diab, Pädagoge und Konsumkritiker

Angefangen hat Marius Konsumstreik schon früher, der Umzug in die selbstgebaute Jurte war dann sein Karrierewechsel vom Konsumstreikenden zum Selbstversorger. „Ich hatte früher ständig Weltschmerz, wenn ich daran gedacht habe, wie viele Menschen auf unserem Planeten hungern und wie wir unsere Natur zerstören“, sagt der 28-Jährige. Irgendwann hat er dann den Bogen zu unserem Konsumverhalten gespannt. „Für irgendwen produzieren die Menschen in Afrika ja Schnittblumen, oder ernten Flüchtlinge in Spanien Tomaten.“ Da hat Marius etwas für sich beschlossen: Er will nur noch ethisch korrekt einkaufen.

Leichter gesagt als getan. „Je mehr ich recherchiert habe, desto mehr musste ich mein Kaufverhalten einschränken. Ich stand vorm Supermarktregal und habe überlegt, was ich überhaupt noch kaufen kann. Immer öfter ging ich mit leeren Händen nach Hause“, erinnert er sich und muss grinsen.

Foodsharing: An andere weitergeben, statt wegzuschmeißen

Von da an fing der ehemalige Kunststudent an zu containern, wie er sagt. Heißt: sein Essen im Müll anderer zu suchen. Außerdem wurde er Mitinitiator des Münchner Foodsharings. Die Initiative setzt sich gegen das Wegwerfverhalten unserer Gesellschaft ein. Die Foodsharer*innen holen bei Restaurants und Großveranstaltungen Essensreste ab, die sonst im Müll landen würden, und geben sie untereinander weiter.

Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen eine halbe Pizza liegen lassen.

Marius

Marius‘ Konsumstreik beschränkte sich aber nicht auf Essen: Alles, was er zum Leben brauchte, holte er sich aus Containern oder Umsonst-Läden in seiner Heimatstadt. Wenn er unterwegs mit leerem Magen an einem Restaurant vorbeikam, fragte er dort einfach Gäste nach ihren Essensresten. „Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen eine halbe Pizza liegen lassen. Am Anfang war es eine riesige Hemmschwelle, die Leute einfach darauf anzusprechen“, sagt Marius.

Es tat ihm aber doch mehr weh, zuzuschauen, wie das übergebliebene Essen einfach weggeschmissen wird: „Ich sehe das auch als Form, andere zum Nachdenken zu bringen. Beim nächsten Mal bestellen sie vielleicht weniger oder suchen gar aktiv nach jemandem, der die Reste haben will. Das wäre dann echtes Foodsharing.“

Ein Leben ganz ohne Geld könnte Marius nicht leben

Ganz ohne Ausgaben lebt Marius allerdings nicht. Eine rote Linie für ihn: die Krankenversicherung. Nicht aber die Wohnung. Irgendwann hörte Marius auf, Miete zu zahlen. Er zog in die Kulturjurte, ein gemeinnütziges Projekt in München. „Ich merkte schnell, dass ich jeden Morgen überglücklich aufwachte. Da kam dann mein Entschluss, mir meine eigene Jurte zu bauen.“

Über drei Jahre später hat er sich diesen Traum erfüllt. Und nun, Anfang dieses Jahres, beendete Marius seinen Konsumstreik und wurde Selbstversorger. „Für mich war das nie ein Lebenskonzept, das für die Dauer bestimmt war. Ein Streik ist ein Streik, der darf auch irgendwann zu Ende gehen. In den insgesamt vier Jahren habe ich mir bewiesen, dass es geht“, sagt der Münchner mit zufriedenem Blick. Kaufen tut er aber auch heute noch kaum etwas, und während der Konsumstreik vorübergehend gewesen sein mag, soll sein Leben auf dem Land für die Dauer sein.

Selbstversorger, Jurtenbauer, Pädagoge: Marius hat viele Berufungen

Auch wenn er irgendwo im nirgendwo lebt, langweilig wird Marius nicht: Denn meistens hängt er nicht etwa in seiner Jurte ab, sondern ist draußen auf dem Feld. Mit seiner Solidarischen Landwirtschaft, einem gemeinnützigen Verein, bestellt er mit ein paar anderen Ackerland in Freising und verteilt die Ernte unter den Mitgliedern – regionales Foodsharing quasi.

Seine Jurte hat sich außerdem auch als ein Endlos-Projekt entpuppt, ständig muss er etwas nachbessern oder dazu bauen. In der Zeit, die da noch bleibt, engagiert sich der 28-Jährige in einer Menge Projekte. Vor allem für solche, die Kindern die Natur näher bringen wollen. Immer mal wieder läuft er mit Schüler*innen durch den Wald oder über die Felder der Landwirtschaft. Für ihn ein ganz besonderes Anliegen: „Man kann nur schützen, was man liebt. Und man kann nur lieben, was man kennt.“

Mit Verzicht auf Tomaten in den bewussten Konsum starten

Kennt auch ein radikaler Konsumverweigerer wie Marius die Versuchung des Konsums? „Chips. Ich stehe total auf Chips, und die findet man in Containern leider sehr selten“, sagt er lachend. „Was ich auch liebe: ein gutes Falafelsandwich. Das war mein letzter Kauf vor dem Konsumstreik – heute gönn ich mir hin und wieder mal eins, wenn ich unterwegs bin.“ Aber auch wenn er auf dem Land sein Glück gefunden hat, gibt es doch eines, was er immer häufiger vermisst: Gemeinschaft. „Hier wohnt fast niemand. Und gerade die jungen Leute zieht es nach wie vor in die Stadt. Es wäre schön, wenn sich irgendwann mal andere zu mir gesellen.“ Denn gerade die Winter seien oft kalt und einsam. Eine leerstehende Jurte steht neben seiner und wartet auf den*die nächste*n Konsumkritiker*in, der*die sie bewohnen will.

Wer sich fragt, wie und wo man am besten mit so einem bewussteren Konsum anfängt, für den*die hat Marius folgenden Tipp: „Kein Schritt ist zu klein. Es kann damit beginnen, zu sagen: Ich esse im Winter keine Tomaten mehr. Denn die werden nirgendwo in Europa angebaut.“ Und: „Konsumstreik bedeutet nicht nur Verzicht. Sondern auch, ganz Neues zu entdecken.“