Türkische Militäroffensive in Nordsyrien: „Dies ist ein Genozidbestreben gegen die Zivilbevölkerung“

Nourshan Hussein lebt in Rojava – im Norden Syriens, im Kriegsgebiet. Zurzeit marschiert das türkische Militär in der Gegend ein. Was passiert in Rojava? Ein Protokoll

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Foto: privat / Nourshan Hussein. Illustration: Elif Küçük

Am 6. Oktober hat das Weiße Haus verkündet, die US-amerikanischen Truppen aus Nordsyrien zurückzuziehen. Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in einem Telefonat Donald Trump darüber informiert, dass die türkische Armee eine Militäroffensive plane. Man werde diesen Einmarsch „weder unterstützen, noch darin involviert sein“, verkündete das Weiße Haus und zog die Truppen ab.

Gemeinsam mit Einheiten der sogenannten Syrischen Nationalarmee, einem Zusammenschluss syrischer Rebellengruppen, rückt die türkische Armee zurzeit in Nordsyrien vor. Ziel sei die kurdische Miliz YPG. Die Türkei bewertet die Miliz als Terrororganisation; die USA hatten zuvor gemeinsam mit der YPG gegen den sogenannten Islamischen Staat, wir sprechen nachfolgend von Daesh, in Syrien gekämpft.

Während der letzten türkischen Militäroperation Olivenzweig im Januar 2018 sprachen wir mit der heute 34-jährigen Nourshan Hussein aus Afrin. Mehr als eineinhalb Jahre später nehmen wir erneut Kontakt zu ihr über WhatsApp auf. Inzwischen lebt sie in Shahba. Dabei handelt es sich um eines von zwei Kantonen der Afrin-Region in Rojava (Demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien). In Sprachnachrichten erzählt sie uns, was die erneute militärische Bedrohung der Türkei für sie und ihre Gemeinde bedeutet.

Für ganz Rojava besteht die Gefahr eines Genozids.

Nourshan Hussein

Mein Name ist Nourshan Hussein, ich bin 34 Jahre alt. Als ich das letzte Mal mit euch gesprochen habe, lebte ich noch in Afrin. Doch der türkische Staat übte gemeinsam mit Al-Nusra und Al-Qaida schreckliche Angriffe auf die Stadt aus und belagerte sie. Wir hatten keine andere Wahl, als nach Shahba zu fliehen. Bis zu 200.000 Menschen aus Afrin wurden gezwungen, hierher zu fliehen. Ich arbeite jetzt in der Stadtverwaltung von Shahba. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem Reinigung, ökologische Arbeit, Kanalisationsarbeit, Wasser und Elektrik – das heißt alle Dienste für das Leben, für das Überleben.

Die Situation in der Stadt ist schon grundsätzlich sehr schlecht. Die aus Afrin geflüchteten Menschen leben unter schweren Bedingungen in Zeltcamps. Es fehlt ihnen an allen möglichen lebensnotwendigen Ressourcen. Die hiesige Bevölkerung hält diesen Zustand aus, in der Hoffnung auf Befreiung und eine Rückkehr nach Afrin.

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Foto: © privat

Doch jetzt will der faschistische türkische Staat erneut den Südwesten Kurdistans, vor allem den Osten jenseits des Flusses Euphrat, belagern. Von Dscharābulus, Al-Bab, Aʿzāz bis Idlib wurden bereits viele Regionen eingenommen. Die Invasion soll aber erweitert und regimetreue Terrorbanden hier neu angesiedelt werden. Dabei waren diese Regionen in Nordsyrien Orte, in denen während des demokratischen Autonomieprojektes verschiedene religiöse und ethnische Bevölkerungsgruppen wie Kurd*innen, Araber*innen, Assyrer*innen, Christ*innen, Ezid*innen friedlich und sicher zusammenleben konnten. Der türkische Staat möchte, um seine Agenda umzusetzen, diese Menschen aus dem Weg räumen.

Wir machen uns große Sorgen um die Kinder, Frauen und um die alten Menschen. So wie in Afrin ein Massaker stattgefunden hat, befürchten wir, dass wieder ein Massaker stattfindet. Für ganz Rojava besteht die Gefahr eines Genozids. Deshalb haben wir Angst.

Weder ich noch meine Familie oder Freund*innen denken darüber nach, diesen Ort zu verlassen.

Nourshan Hussein

Das türkische Militär übt Angriffe unter anderem auf Afrin, Maarat an-Numan und Aʿzāz aus. Die Bombengeräusche sind zu hören. In Shahba gibt es bislang keine zivilen Verluste. Wir versuchen zurzeit, gemeinsam mit der Bevölkerung Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Für den Fall eines Angriffs bauen wir gerade Unterkünfte unter der Erde.

Wir denken nicht daran, zu fliehen. Wenn die Bevölkerung fliehen würde, könnten sich die Terrorbanden und das türkische Militär sehr leicht in diesen Gebieten niederlassen. Unsere Gemütsverfassung ist stark, wir wissen, dass wir im Recht sind. Wir leben schon seit tausenden Jahren hier. Meine Familie, Freund*innen, Nachbar*innen, alle in Syrien lebenden Menschen versuchen, unter den schwersten Bedingungen am Leben festzuhalten. Weder ich noch meine Familie oder Freund*innen denken darüber nach, diesen Ort zu verlassen. Unser Grundbestreben besteht darin, die Einheit der Bevölkerung zu wahren und einen kollektiven Widerstand gegen die türkische Bedrohung und Einschüchterungsversuche aufrecht zu erhalten.

Wir können das mögliche Ausmaß der türkischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung nicht vollständig einschätzen.

Nourshan Hussein

Unsere Vorbereitungsarbeiten konzentrieren sich auch auf die seelische und mentale Unterstützung der Bevölkerung. Damit Angst, Panik und Verzweiflung nicht die Oberhand gewinnen, versuchen wir, gegenseitig im ständigen Kontakt mit unseren Mitmenschen zu stehen. Da wir hier als Geflüchtete leben, sind wir gezwungen, logistisch dafür zu sorgen, die Hilfsgüter von außen sicher entgegenzunehmen. Mit den Abendstunden beginnen Patrouillen, welche die Bevölkerung selbst stellt, mit ihrer Wache. Ihre Aufgabe ist es auch, ungewöhnliche Vorfälle zu melden und so die Streitkräfte an der Front mit wichtigen Informationen zu unterstützen.

Die demokratische Autonomieverwaltung verfügt über eigene militärische Streitkräfte. Diese sind die QSD (Demokratische Kräfte Syriens), die Volksverteidigungseinheiten der YPG und die aus Frauen bestehende YPJ. In ihren Einheiten kämpfen unsere Kinder, Geschwister und Nachbar*innen, die Kinder Rojavas. Diese Kräfte sind entstanden, um die Bevölkerung zu schützen.

Wir können das mögliche Ausmaß der türkischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung nicht vollständig einschätzen. Die Türkei hat sich vor allem Logistikzentren für die Verteilung von Grundbedarfsmitteln zum Ziel gemacht. Sollte sich die Wahrscheinlichkeit eines Massakers weiter erhöhen, werden wir diese Region unverzüglich evakuieren.

Um diesen Krieg zu verhindern, bedarf es einer internationalen Koalition.

Nourshan Hussein

 

Unser Aufruf an die internationale Gemeinschaft und Deutschland ist der folgende: Um diesen Krieg zu verhindern, bedarf es einer internationalen Koalition. Es muss Druck auf die USA ausgeübt werden. Vor allem muss Druck auf die Türkei ausgeübt werden. Der Standpunkt der türkischen Regierung kann moralisch nicht gerechtfertigt werden. Dies ist eine Invasion, dies ist eine Missachtung des internationalen Rechts. Dies ist ein Genozidbestreben gegen die Zivilbevölkerung. Alle sehen das, alle wissen das – auch die Vereinten Nationen.

Die internationale Gemeinschaft muss verhindern, dass sich die USA aus der Sicherheitszone zurückziehen. Wenn dies nicht geschieht, droht ein sehr langer und schwerer Krieg. Die zivile Bevölkerung wird aus ihren Heimatorten vertrieben werden und große Verluste erleiden. Die in Afrin erlebte Grausamkeit und Verwüstung wird sich in ganz Nordsyrien verbreiten. Es befinden sich immer noch tausende Daesh-Kämpfer in QSD-Gefangenschaft. Wenn die QSD in diesen Krieg gezwungen wird, werden ganz viele terroristische Organisationen wie Daesh erneut erstarken und eine Gefahr für die ganze Welt darstellen.