Twitter braucht mehr Politiker*innen wie Robert Habeck

Hätte Grünen-Chef Robert Habeck seinen Twitter-Account nur nicht gelöscht. Seine Abneigung gegen den aggressiven Ton ist genau das, was auf der Plattform fehlt. Ein Kommentar

Die Lehre als Robert Habecks Fehlern in den sozialen Netzwerken hätte es sein sollen, zu bleiben.

Die Lehre aus Robert Habecks Fehlern in den sozialen Netzwerken hätte es sein sollen, zu bleiben. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB | Verwendung weltweit

Robert Habeck will die Grünen als eine Art linksliberale Volkspartei positionieren, bis 2021 soll sie stärker sein als die SPD. Grüne Inhalte zu verkaufen, habe dabei nicht die höchste Priorität, erklärte er unter anderem im Podcast Was jetzt?. Wichtiger sei es, Diskurse zu erzwingen und Strukturen zu überdenken, um die Zukunft bestmöglich zu gestalten.

Habeck beherrscht Sätze, die Beifall verlangen. Er ist rhetorisch gewandt wie ein Christian Lindner, aber bedeutend sympathischer. Er teilt den strukturkritischen Geist eines Kevin Kühnert, bringt dank seines Amtes aber das größere Veränderungspotenzial mit. Der Grünen-Chef ist klar in seinen Positionen, fair in der Diskussion und gibt sich als stets offen fürs Gespräch.

Jetzt hat sich Robert Habeck entschieden, seine Profile auf Facebook und Twitter zu löschen. In einem Blogbeitrag erklärte er, die negativen Seiten von Twitter hätten zu sehr auf ihn abgefärbt. Die Plattform triggere ihn, „aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein“. Weil er Fehler begangen habe – wie in einem Video zu versprechen, dass Thüringen „ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird“, als ob das nicht der Fall wäre –, wolle er sich von den Plattformen zurückziehen. Auch dass bei dem jüngsten Hackerangriff auf Politiker*innen, Journalist*innen und Prominente private Daten von ihm abgegriffen wurden, habe zu dem Entschluss beigetragen. Schluss ist also mit Habecks offenem Diskurs, zumindest auf Facebook und Twitter. Auf YouTube und Instagram wird er weiterhin Profile pflegen.

Es könnte ein „politischer Fehler“ sein, überlegte der Grünen-Chef in seinem Post – und just gaben Kritiker*innen ihm Recht: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil urteilte, es sei schade, dass Habeck sich der wichtigen Kritik und Anregungen von Nutzer*innen der Plattformen entziehen würde. Viele sehen das ähnlich.

Es fühlt sich wie ein kleiner Sieg der radikalen Rechten in Deutschland und besonders der AfD an.

ze.tt-Leser*in über Tellonym

Eine kleine Umfrage unter ze.tt-Leser*innen lässt vermuten, dass die Entscheidung zumindest nicht allzu viele junge Wähler*innen vergraulen wird. „Seine Argumentation gefällt mir. Die Konsequenz empfinde ich als geradlinig“, schrieb uns ein Nutzer via Facebook. „Durch die Entscheidung gewinnt er eher an Sympathie“, antwortete jemand über Tellonym. Manche unserer Leser*innen äußern sich allerdings auch besorgt: „Es fühlt sich wie ein kleiner Sieg der radikalen Rechten in Deutschland und besonders der AfD an“, schrieb ein*e Nutzer*in über Tellonym. „Ihre Taktik geht auf und sie haben wieder einen öffentlichen Raum für sich beansprucht. Ich habe Angst davor, dass es so weitergehen könnte.“

Niemandem, auch keinem*r Politiker*in, kann zum Vorwurf gemacht werden, dass Social Media ihn*sie zuweilen überfordert. Dass Hetze, Hass und leichte Entzündbarkeit insbesondere auf Twitter nicht nur nerven, sondern zur psychischen Belastung werden können, das kann jede*r nachvollziehen. Wichtig ist es, nicht einzuknicken. Vor allem nicht als Politiker*in. Robert Habeck wäre imstande gewesen, mit seiner reflektierten und selbstkritischen Art ein angenehmer Ruhepol zu sein. Als Konsequenz aus den Fehlern hätte ein bedachterer Umgang, nicht der Rückzug Habecks Folge sein müssen.