Überstunden, Druck, Unsicherheit: Warum unsere Arbeitsbedingungen unmenschlich sind

Getränkeautomat und Chill-Ecke als Ausgleich für die 50-Stunden-Woche? Bullshit, meint Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer. Warum zu viel Arbeit auf Dauer gefährlich ist.

Unsere modernen Arbeitsbedingungen seien nicht gut für uns, schreibt ein Stanford-Professor in seinem neuen Buch.

Unsere modernen Arbeitsbedingungen seien nicht gut für uns, schreibt ein Stanford-Professor in seinem neuen Buch. Foto: rawpixel / Unsplash | CC0

Es nützt der schickste Kickertisch nichts, wenn man sich nach 14 Stunden des Ackerns daran festhalten muss, um nicht umzufallen. Stanford-Professor für Organizational Behavior und Autor Jeffrey Pfeffer hat mit Dying for a Paycheck ein Buch darüber geschrieben, wie Arbeit Menschen chronisch krank macht oder sogar umbringen kann.

Der Professor und seine Kolleg*innen haben verschiedene Arbeitsumfelder und ihre langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit untersucht. „Ich habe den Titel des Buches bewusst gewählt. Wir bringen wirklich Leute um“, sagte er in einem Interview mit dem Magazin Slate. „Wir haben herausgefunden, dass jährlich etwa 120.000 Todesfälle in den USA darauf zurückzuführen sind.“

Und das bezieht sich nicht auf offensichtlich riskante Jobs in der Stahlindustrie oder in Bergwerken, sondern auf den üblichen Büroalltag.

Unmenschliche Arbeit

Die heutige Arbeitswelt sei laut Pfeffer erschreckend unmenschlich geworden. Hauptgründe: Überstunden, rücksichtslose Vorgesetzte, unvorhersehbare Zeitpläne und E-Mails nach Feierabend; aber auch drohende oder tatsächliche Entlassungen, finanzieller Druck und Unsicherheit. All das verursache bei Menschen dauerhaft enormen Stress und der habe eben langfristig negative Effekte auf die Gesundheit.

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Und so erklärt Pfeffer seine These: „Erstens: Ein hoher Prozentsatz der Gesundheitskosten in der westlichen Welt stammt von chronischen Krankheiten wie Diabetes und Kreislauferkrankungen. Zweitens gibt es jede Menge Quellen, die nahelegen, dass Diabetes, Kreislauferkrankungen und Stoffwechselkrankheiten – genau wie Verhaltensweisen wie übermäßiges Essen, Bewegungsmangel, Drogen- und Alkoholmissbrauch – durch Stress ausgelöst werden. Und drittens gibt es eine Riesenmenge an Daten, die zeigt: Die größte Stressquelle ist der Arbeitsplatz.“

Zusammengefasst: Arbeit – Stress – Krankheit – Tod.

Zwar bezieht sich Pfeffer im Kern seines Buches auf die USA, aber ähnliche Effekte gibt es auch anderswo: „Gesundheitskosten explodieren weltweit. Und nach Schätzungen des Weltwirtschaftsforums lassen sich Dreiviertel dieser Kosten auf chronische Krankheiten zurückführen“, sagt Pfeffer laut The Economist.

Verantwortung und Fürsorge

In den vergangenen hundert Jahren haben wir es geschafft, die Zahl der Todesfälle bei der Arbeit durch körperliche Verletzungen zu reduzieren, jetzt sei es an der Zeit, auch die psychosozialen Folgen einzudämmen. Darum appelliert der Stanford-Professor an Unternehmen, wieder mehr Verantwortung für ihre Mitarbeiter*innen zu übernehmen, abseits von Büro-Yoga, Massagen und Obstkiste. Vor fünfzig Jahren hätten Vorstandsvorsitzende noch versucht, gleichermaßen die Interessen ihrer Angestellten und ihrer Aktionär*innen im Auge zu behalten. Heute würden nur noch die Aktionär*innen zählen.

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Dabei sind zufriedene Mitarbeiter*innen kreativer und produktiver und das käme den Unternehmen zugute. „Wenn Menschen sich ihrer Arbeit sicher sind, können sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren“, schreibt der Stanford-Professor in seinem Buch.

Unternehmen machen es sich zu leicht

Den Preis für die nicht-menschengerechte Struktur der Arbeitswelt müsste momentan noch die gesamte Gesellschaft zahlen. Jeffrey Pfeffer vergleicht das mit den Kosten von Umweltverschmutzung: Wenn ein Unternehmen seinen Mist einfach in die Luft blase und jemand anders für die Reinigung bezahlen müsse, verlege es die entsprechenden Kosten lediglich nach Außen.

Deshalb sei die Politik in der Pflicht. Auch, weil die Arbeitswelt zunehmend ungerechter wird. Menschen mit geringerer Bildung hätten beispielsweise weniger Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, gleichzeitig aber eine größere finanzielle Unsicherheit. „Da hilft nur ein politischer Kurs, der zeigt: Das ist inakzeptabel“, sagte Pfeffer im Gespräch mit Slate.

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Er schlägt vor, die Auswirkungen von Arbeitsumfeldern auf die Gesundheit der Mitarbeiter*innen konkret zu erfassen und zu messen. Besonders entscheidend wäre der Vergleich, welches Unternehmen in den einzelnen Punkten besonders gut und welches besonders schlecht abschneide.

Lasst euch nicht alles gefallen

Den Angestellten rät der Professor unterdessen, sich so gut es geht gegen Ausbeutung bei der Arbeit zu wehren. Man müsse sich seine Jobs bewusster aussuchen und ein Stück weit Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden übernehmen, zumindest soweit es geht: „Es ist ziemlich klar, dass die meisten Unternehmen ihre Verantwortung aufgegeben haben.“

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Und das wird sich erst dann ändern, wenn wir uns den Zusammenhang zwischen Arbeit, Stress und chronischen Krankheiten bewusst machen.