Uli fühlte sich im Knast freier als in ihrem alten Leben

Uli* saß unschuldig im Gefängnis, wie sie bis heute sagt. Trotzdem möchte sie die Zeit hinter Gittern nicht missen. Im Knast hat sie endlich zu sich selbst gefunden.

Resozialisierung: Wie Uli durch die Zeit im Gefängnis zu sich fand

Mauern und Gitter. Foto: © picture alliance / Angelika Warmuth

Uli saß im Knast. Und sie spricht offen darüber. Mit jeder Person, die sie privat neu kennenlernt. „Ich gebe neuen Bekanntschaften die Chance zu gehen, wenn sie mit meiner Vergangenheit nicht klarkommen.“ Die wenigsten wenden sich danach von ihr ab. Fast alle glauben ihr, dass sie unschuldig im Gefängnis saß. Im Gegensatz zu dem Gericht, das sie 2008 zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Zu Unrecht, wie sie sagt. Ob ihre Version tatsächlich den Tatsachen entspricht, lässt sich nicht überprüfen.

Uli lebt Mitte der 2000er Jahre mit ihrer Tochter Stefanie*, Lebensgefährtin Melanie* und den Hunden in einem Dorf in Niedersachsen. Dort ist sie aufgewachsen, jede*r kennt jede*n. Eines Tages bringt die pubertierende Tochter eine Freundin mit nach Hause: Christina*, ein Mädchen aus sozial schwachen Verhältnissen. Die Frauen nehmen sich des Sorgenkindes an, lassen es einziehen. Doch Christina kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Uli wirft sie raus, der Kontakt jedoch bleibt bestehen. Und Christina dreht 2005 ihr größtes Ding: Die damals 16-Jährige überfällt den Dorfkiosk, brüstet sich danach vor Freund*innen damit. Uli erfährt davon.

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Die Polizei kann den Fall zunächst nicht aufklären. Das gelingt ihr erst zwei Jahre später – mit Ulis Hilfe. Denn die Polizei bittet Uli und Melanie wegen eines anderen Falls um eine Aussage über Christina. Dabei kommt auch der Überfall zur Sprache. Uli verrät Christina, um dem ständigen Ärger mit der Polizei ein Ende zu setzen. Ein Fehler, wie sie heute sagt.

Was dann passiert, wird Uli ins Gefängnis bringen. Denn die Polizei konfrontiert Christina offen mit Ulis Hinweis. Und sie behauptet daraufhin, Uli und Melanie hätten ihr geholfen. Zwei Tage später sitzen die Frauen erneut bei der Polizei. Diesmal als Verdächtige. Sie bestreiten, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein und dürfen gehen. „Für mich war das Ganze gegessen“, erinnert sich Uli. Doch einen Monat später steht die Polizei wieder vor der Tür. Frühmorgens. Mit Haftbefehlen. „Wir durften uns noch anziehen und die Zähne putzen. Dann steckten sie jede von uns 16 Stunden in eine Ausnüchterungszelle und am Tag darauf saßen wir vor dem Haftrichter.“ Wieder beteuern sie ihre Unschuld. Und wieder dürfen sie nach Hause.

Am Tag darauf saßen wir vor dem Haftrichter.“ – Uli

Bei Christinas Prozess sind Uli und Melanie als Zeuginnen geladen. Reine Formsache, wie beide denken. Doch Christina hat sich mittlerweile Gedanken gemacht. Während sie bei der polizeilichen Vernehmung nicht sagen konnte, wie die Frauen ihr angeblich geholfen haben, liefert sie nun Details. Davon weiß Uli nichts, als sie in den Zeugenstand tritt. „Bevor ich zu Wort kam, meinte der Richter zu mir: ‚Egal, was Sie sagen, ich lasse Sie ohnehin verhaften.‘ Ich dachte, ich bin im falschen Film.“ Uli verweigert daraufhin die Aussage, beide Frauen werden festgenommen. „Ich konnte mich nicht mal um meine Tochter kümmern, die mit vor Ort war.“

Vom Zeugenstand in die U-Haft

Nur Stunden später sitzt Uli in Untersuchungshaft ‒ und hofft noch immer, dass sich alles aufklärt. „Da war ich tatsächlich noch überzeugt, dass einem nichts passieren kann, wenn man nichts angestellt hat.“ Ihr Anwalt rät ihr, geduldig zu bleiben und abzuwarten. Aber ihre Geduld ist bald aufgebraucht. Uli kümmert sich um einen neuen Anwalt. Sie beginnt, sich akribisch auf ihre Verhandlung vorzubereiten, studiert die Unterlagen, macht sich Notizen, wer und was sie entlasten wird.

Die U-Haft zieht sich. Insgesamt sechs Monate. Sie sieht Angeklagte kommen und gehen, doch sie muss bleiben. Warten. Mit jedem weiteren Tag drückt die Ungewissheit schwerer auf die Psyche. „Es zermürbt dich, wenn kein Ende absehbar ist. Du fühlst dich ohnmächtig, handlungsunfähig.“ Die Fremdbestimmtheit ist es auch, die sie während der Haft am schwersten belastet. „Es waren nicht die Gitter, die mich fertig gemacht haben, sondern, dass ich nichts mehr entscheiden konnte. Es war, als wolle man mir das Denken abnehmen.“

Es waren nicht die Gitter, die mich fertig gemacht haben.“ – Uli

Im März 2008 beginnt endlich die Verhandlung. Dort sieht sie auch zum ersten Mal Melanie wieder ‒ und geht davon aus, dass sie als freie Frauen den Gerichtssaal verlassen. Sie ist bestens vorbereitet. Nützen wird ihr das nichts. Denn kurz vor Prozessbeginn erzählt ihr Anwalt von dem Deal, den er und Melanies Anwalt ausgehandelt haben: Gestehen die Frauen, reduziert sich ihre Strafe von sieben auf etwa drei Jahre. Für Uli keine Option. Aber für Melanie, die verzweifelt beschlossen hat, sich auf den Handel einzulassen. Uli versucht vergeblich sie umzustimmen. „Schon da ahnte ich, dass unsere Beziehung zerbrechen würde.“

Uli realisiert, dass sie auf verlorenem Posten steht. Freund*innen von Christina belasten die Frauen. „Ich fühlte mich schon verurteilt, als ich in den Gerichtssaal kam. Mir wurde klar: Der schnellste Weg, wieder nach Hause zu kommen, ist zu gestehen. Denn wer hätte mir schon geglaubt, wenn meine Partnerin die Tat zugibt?“ Nachdem der Staatsanwalt die Anklageschrift verlesen hat, fragt der Richter Uli, ob sich die Tat so zugetragen hat. „Es hat mich unendliche Überwindung gekostet, etwas zu gestehen, was überhaupt nicht meinem Wesen entspricht“, erinnert sie sich.

Mit 34 Jahren tritt sie ihre Haftstrafe an

Aber sie gesteht. All die Argumente, die sie sich in der U-Haft aufgeschrieben hat, bleiben ungesagt, Entlastungszeug*innen ungehört. Nur die Indizien zählen. Verstanden hat sie das bis heute nicht. Dann verkündet das Gericht das Urteil: drei Jahre Freiheitsstrafe wegen gemeinsam verübten schweren Raubes. Doch bei Uli macht sich keine Wut, sondern Erleichterung breit. „Für Wut hatte ich keine Energie mehr. Ich war einfach froh, dass ich endlich wusste, woran ich bin.“

So tritt sie Ende März 2008 mit 34 Jahren ihre Haftstrafe an und bezieht eine Einzelzelle in dem Gefängnis, das sie von der U-Haft kennt. Bereits da hat sie ihre Vorstellungen über das Knastleben revidiert. „In Filmen sitzen ja vor allem brutale, oft lesbische Mannsweiber ein und es gibt ständig Schlägereien und Ärger mit korrupten Vollzugsbeamten. Nichts davon habe ich erlebt.“ Natürlich seien die Frauen im Gefängnis auf ihren Vorteil bedacht; Intrigen und Mobbing seien nicht unüblich. „Da leben 60 Frauen auf engstem Raum. Wahrscheinlich ginge das draußen auch nicht lange gut“, sagt sie. Auch deswegen ist sie oft froh, wenn sie abends um 19 Uhr in ihrer Zelle eingeschlossen wird und ihre Ruhe hat.

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Ein Großteil der inhaftierten Frauen kommt aus der Drogenszene, sitzt wegen Beschaffungskriminalität. Viele sind nicht zum ersten Mal da, kennen sich und bringen ihre Hierarchie von draußen mit. Besondere Autorität genießt Alex*, mit der Uli eine On-Off-Beziehung anfängt, obwohl Alex eigentlich auf Männer steht. Das Klischee, dass Frauen sich in der Haft vorübergehend umorientieren, bestätigt Uli aber nur teilweise: „Viele sehnen sich einfach nach Nähe. Mehr als Händchenhalten passiert oft nicht.“ Die Nähe zur scheinbar gefährlichen Alex gibt Uli Kraft und Schutz. „Wir kamen aus unterschiedlichen Welten und hätten im echten Leben nichts miteinander zu tun gehabt. Doch im Knast habe ich den Menschen hinter der Fassade kennengelernt.“ Mit Melanie schreibt sie sich zwar noch Briefe, aber auch sie findet eine neue Partnerin.

Meine Mutter hat mich nie besucht.“ – Uli

Dank Alex fühlt Uli sich weniger einsam, denn der Kontakt nach draußen ebbt immer mehr ab. „Meine Mutter hat mich nie besucht, weil sie wegen ihrer Platzangst nicht ins Gefängnis wollte. Das tat weh, auch wenn sie draußen alles geregelt hat.“ Die Hunde sind längst im Tierheim, Tochter Stefanie beim Vater. Dass sie keinen Einfluss mehr auf diese Geschehnisse hat, macht Uli schwer zu schaffen. Als sie erfährt, dass ihr Exmann der 16-jährigen Stefanie eine eigene Wohnung besorgt hat, kommt sie an ihre Grenzen. Doch ihre Strichliste, ein einfaches DIN-A4-Blatt, auf dem sie Tage, Wochen und Monate abstreicht und das sie bis heute aufbewahrt, hilft ihr, nicht durchzudrehen.

Sei du selbst ‒ auch im Knast eine Erfolgsstrategie

Ihre Besonnenheit ist ein Grund, warum sie bei Mitgefangenen und JVA-Mitarbeiter*innen gleichermaßen beliebt ist. Am Anfang habe sie versucht, auf gefährlich zu machen ‒ „eine Schnapsidee“, sagt sie und lacht. Die Strategie, sie selbst zu sein und den Menschen zu sehen, funktioniert dagegen für sie. So fühlt sie sich von allen respektiert. Und lernt, Menschen nicht mehr zu verurteilen. „Jeder Mensch hat Gründe für sein Handeln. Die muss ich nicht gutheißen, aber ich höre zu und versuche zu verstehen ‒ auch wenn das nicht immer möglich ist.“ Sie erarbeitet sich mit der Zeit viele Privilegien, verdient Geld im Werkbetrieb und als Hausarbeiterin ‒ einer Mischung aus Hausmeisterin und Putzhilfe ‒ und engagiert sich als Sprecherin der Gefangenenmitverantwortung.

Vor meiner Haftstrafe war ich eine Mitläuferin, eine Ja-Sagerin.“ – Uli

Das alles lenkt sie von dunklen Gedanken ab ‒ und nährt ein Selbstvertrauen, das sie nicht kennt. „Vor meiner Haftstrafe war ich eine Mitläuferin, eine Ja-Sagerin. Ich habe Jobs gemacht, die mich nicht erfüllten, und mich nur um die Wünsche und Bedürfnisse anderer gekümmert. Ich hatte keinen Bezug zu mir, wusste nicht, was ich will, wer ich war.“ Vermutlich begegnet sie deshalb der Gefängnisstrafe anfangs so stoisch. Sie arrangiert sich mit den Abläufen, vermisst überraschend wenig. „Was mir wirklich gefehlt hat, war die Natur. Im Hof waren die Mauern so hoch, dass wir nur Himmel sahen, nichts weiter. Und mir fehlte mein Teich, an dem ich immer den Sommer verbracht habe.“

Etwa ein Jahr vor ihrer Entlassung darf sie wegen guter Führung die Station wechseln, erhält Freigängerstatus, macht extern einen Lehrgang in der Altenpflege und darf sogar einige Male übers Wochenende nach Hause. Dort fällt ihr nichts Besseres ein, als die Wohnung zu schrubben. Draußen ist sie von der Reizüberflutung überfordert. Alles ist zu bunt, zu laut, zu viel. Sie bewegt sich zwischen den Welten. Und lässt ihr altes Leben sukzessive hinter sich. Die psychologische Betreuung im Gefängnis setzt einen inneren Prozess bei ihr in Gang. Sie begreift, dass sie die Chance hat, ihr Leben zu ändern. Nutzt die verbleibende Zeit, zu reflektieren und denkt viel über sich und ihre Kindheit nach. Spürt sich zum ersten Mal selbst. „Es klingt absurd, aber ich habe mich im Knast irgendwann freier gefühlt als in meinem alten Leben. Erst dort habe ich gelernt, mich wahrzunehmen und selbst zu lieben.“

Erst im Knast habe ich gelernt, mich selbst zu lieben.“ – Uli

Dabei hilft ihr die Erkenntnis, etwas aus eigener Kraft schaffen zu können, so angenommen zu werden, wie sie ist. Sie probiert sich aus, steht für ihre Bedürfnisse ein und traut sich, Nein zu sagen. Schöpft immer mehr Selbstvertrauen ‒ zum Beispiel, als sie Gedichte von sich und ihren Mitgefangenen in der Stadt und im Radio vorträgt. „Als ich in die JVA reinkam, habe ich immer den Kopf eingezogen. Raus bin ich erhobenen Hauptes.“

Das Raus kommt überraschend. Als sie nach rund zwei Dritteln Haftzeit eines Morgens aufwacht, ahnt sie nicht, dass es ihre letzte Nacht im Knast war. Wenig später steht sie mit zwei Kisten, einem Fernseher und drei blauen Müllsäcken vor der Haftanstalt und fühlt sich obdachlos. Bis heute weiß sie nicht, warum sie genau an diesem Tag gehen durfte. Ihre Mutter holt sie ab, die alte Eigentumswohnung wartet. Ein Glücksfall, wie sie betont. „Dadurch, dass wir so gut wie gar nicht auf die Zeit danach vorbereitet worden sind, waren viele orientierungslos.“ Sie erlebt, dass viele Junkies gleich wieder ins Milieu zurückkehren, weil sie keine Alternative sehen. Eine ältere Mitinsassin sitzt trotz ihrer Entlassung abends noch immer in der JVA, weil sie nicht weiß, wo sie schlafen soll. „Hier lässt die Justiz die Menschen allein. Resozialisierung sieht anders aus.“

Das Leben danach

Sozial isoliert sie sich zu Hause selbst. In den ersten Wochen kann sie kaum jemanden um sich haben. „Ich musste mich erstmal mit meiner Wohnung anfreunden, mir eine Basis schaffen, von der aus ich meinen Kreis wieder erweitern konnte ‒ Stück für Stück“, erklärt sie. Die Haft hat selbst aus Familienmitgliedern Fremde gemacht, an die sie sich neu herantasten muss. Die meisten alten Freund*innen sind noch da, aber Uli sortiert radikal alle aus, die nicht mehr zu ihrem neuen Ich passen.

Es ist ein echter Neuanfang ‒ auch beruflich. Bei ihrem ersten Job steht die gelernte Köchin am Fließband. „Ich hatte Angst, dass ich wegen des Eintrags im Führungszeugnis nur noch solche Jobs bekomme“, gesteht sie. Als sie sich danach bei einem Autohof bewirbt, stellt sie die direkte Vorgesetzte trotz der Vorstrafe ein. Dann erfahren die Chef*innen davon, wollen Uli loswerden. Sie wird gemobbt und geht schließlich freiwillig. Doch sie trifft auch auf Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen, die sich nicht für ihre Vergangenheit interessieren, und fährt zunächst Briefe, dann Medikamente aus. Für sie echte Traumjobs. Sie weiß das Leben mehr zu schätzen und merkt schon während der Haft, dass sie zum Glücklichsein weniger braucht, als sie dachte.

Warum sie die Zeit im Gefängnis nicht aus ihrem Leben streichen will

Die Knastzeit aus ihrem Leben zu streichen, wenn sie es könnte, kommt Uli nicht in den Sinn. Denn sie bezweifelt, dass sie sonst jemals ihr Leben in die Hand genommen und zu sich gefunden hätte. „Ich bin überaus dankbar für diese Zeit, sie war eine der wertvollsten meines Lebens“, sagt sie voller Überzeugung. Dass sie Frieden mit den Geschehnissen geschlossen hat, liegt nicht zuletzt auch daran, dass sie Antwort auf die quälendste Frage bekommen hat: Warum hat Christina der Polizei erzählt, dass Melanie und Uli ihr beim Überfall geholfen hätten?

Christina sagt, dass sie sich von ihr und Melanie – immerhin eine Art Ersatzfamilie für sie – verraten gefühlt hatte. Kaum als sie die Mittäter*innenschaft erwähnt hatte, hätten die Beamt*innen ihr die „passenden“ Worte förmlich in den Mund gelegt und Versprechungen gemacht. Ihrer Entschuldigung folgt das Angebot, alles aufzuklären. Uli lehnt ab. „Ich habe kein Vertrauen mehr in die Justiz. Ich mache sicher keine Zeugenaussage mehr, wenn es nicht um Leben und Tod geht.“ Dafür vertraut sie nun in sich, hat die Angst vor Ablehnung und vorm Alleinsein verloren. Und kann deshalb auch gut damit leben, wenn jemand anders denkt als sie. Oder ihrer Geschichte keinen Glauben schenken mag.

* Namen von der Redaktion geändert