Umgang mit ritueller Gewalt: „Viele sagen, diese massive Gewalt kann man gar nicht überleben“

Die Nicki(s) mussten in ihre Jugend furchtbare Gewalt erfahren und spalteten Teile ihrer Identität ab. Hier erzählt die 59-Jährige, inwiefern auch die Gesellschaft den Genesungsweg erschwert. Ein Protokoll

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Achtung, Triggerwarnung! In diesem Beitrag geht es um sexualisierten, rituellen Missbrauch sowie um organisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Nicki(s) sind in einem Umfeld aufgewachsen, das von Gewalt bestimmt war. Ihre Eltern waren Teil eines Netzwerkes von organisierter und ritueller Gewalt, ihre Kinder lieferten sie gegen Geld bei anderen ab. Weil Nicki(s) Leben ab ihrer früher Kindheit von Folter, Misshandlungen und Schmerzen geprägt war, spalteten sich Teile ihrer Identität ab. Diese Anteile bildeten eigene Persönlichkeiten – bei Nicki(s) heißen sie Gina, Tony, Burghardt, Nele, Nicki, Tina und Sonja. Alle sind unterschiedlich alt, alle haben eigene Interessen, eigene Charakteristika. Nicki(s) leben mit einer dissoziativen Identitätsstruktur, sie sind „viele“ geworden.

Verantwortlich dafür sind die Strukturen organisierter und ritueller Gewalt, in die Nicki(s) Familie sie hineingezogen haben, und die Täter*innen, die in ihnen agieren. Im gesellschaftlichen Diskurs werden diese Strukturen nur selten thematisiert, so gut wie nie werden sie aufgedeckt, viele Täter*innen können im Verborgenen agieren. Ein Prozent der Bevölkerung, so sagt Psychologin Michaela Huber, weisen vermutlich dissoziative Identitätsstrukturen auf, einige von ihnen resultieren aus organisierter Gewalt. Allein in Deutschland wären das mehr als 800.000 Menschen. Trotzdem gelten bekannt gewordene Fälle organisierter Gewalt oft als Einzelfälle, vielen Betroffenen wird nicht geglaubt, vor Gericht haben sie mit Anzeigen wenig Aussicht auf Erfolg.

Wie geht die Gesellschaft mit Menschen um, die organisierte und rituelle Gewalt erfahren und sich infolgedessen gespalten haben? Wie sollte sie damit umgehen? Für unseren Dokufilm haben wir die Nicki(s) getroffen. Hier liest du das Protokoll unseres Interviews.

Nicki(s), 59: „Für die Menschheit ist es unvorstellbar, dass man diese massive Gewalt überleben kann. Aber das kann man. Indem man spaltet“

Wir können uns nicht vorstellen, dass die Menschen in dem Kult, in dem wir waren, einen Glauben daran hatten. Wir glauben eher, dass sie Lust hatten, Kinder zu quälen. Unsere Familie, das waren Handlanger. Die waren gar nicht hoch gestellt. Unser Stiefvater war erst Dachdecker, dann war er länger arbeitslos. Unsere Mutter war Hausfrau und hat auch getrunken. Die haben natürlich eine Menge Geld dafür gekriegt, uns bei Leuten aus dem Kult abzuliefern. Wir mussten uns auch prostituieren, dafür haben sie Geld bekommen – und nicht gerade wenig. Sie haben uns als Ware benutzt.

Vor Gericht kam erst mal nur der sexuelle Missbrauch des Stiefvaters heraus, und der wurde nur deshalb für eineinhalb Jahre verurteilt, weil er einen Zettel in der Hosentasche hatte, auf dem bestimmte Sachen standen. Dabei hat Gina noch vieles anderes erzählt: dass er uns in der Kiste eingesperrt hat, mit Kutten und so. Aber das haben die vor Gericht gar nicht aufgeführt. Da sind wir völlig untergegangen, man hat uns nicht gehört. Als wir den Film Höllenleben [Anmerkung der Redaktion: Ein Dokumentationsfilm von Liz Wieskerstrauch über Nicki(s) dissoziative Identitätsstörung, 2001] gemacht haben, haben wir noch mal eine Anzeige erstattet, eine Selbstanzeige. Weil wir damals bei einer Kindestötung dabei waren und selbst Hand anlegen mussten. Da war es auch ganz schwierig, wir hatten keine Beweise, dass wir schwanger waren, weil wir ja keine Gebärmutter mehr hatten.

Bei der Kriminalbeamtin hatten wir außerdem die ganze Zeit das Gefühl, sie glaubt uns nicht. Es wurde ermittelt, der Staatsanwalt hat gesagt, er kann nichts Gegenteiliges beweisen, deshalb bleibt die Akte offen. Nach zehn Jahren hat er sie dann geschlossen. Das ist für uns auch in Ordnung. Es hat uns einfach das Gefühl gegeben, da glaube uns jemand. Er lässt die Akte zehn Jahre offen und ermittelt immer wieder. Das war schon ein gutes Gefühl. Wir haben nicht so viel Negatives vor Gericht erlebt. Bei der Polizei schon eher, aber das liegt überwiegend daran, dass sie nicht ausgebildet sind, was dissoziative Identitätsstörungen angeht. Für sie ist es schwierig, mit DIS-Patienten [Anm. d. R.: DIS ist die Abkürzung für dissoziative Identitätsstruktur] umzugehen, weil die Personen wechseln. Viele sind nicht so stabil wie wir jetzt, die wechseln andauernd. Wie soll das für die Polizei funktionieren, wenn da auf einmal eine Person rauskommt und was erzählt, was gar nicht stimmen kann. Weil das vielleicht eine täterhörige Innenperson ist, die der Polizei irgendeinen Blödsinn erzählt. Die täterhörigen Innenpersonen wurden von den Täter*innen erstellt, um sie zu schützen.

Das ist das größte Problem von uns Betroffenen, die die rituelle Gewalt überlebt haben. Dass viele sagen, diese massive Gewalt kann man gar nicht überleben.

Nicki(s)

Hartz-IV-Empfänger*innen, wie auch meine Familie, sind immer nur Handlanger, die Kinder dahin bringen. Damit die anderen ihre Lust an Folterung ausleben können, damit die sich nicht an Erwachsenen vergreifen. So denken wir heute. Das hat was mit Macht zu tun, Macht über einen Menschen. Für uns war es wichtig, zu sagen, was uns angetan worden ist und den Leuten zu erklären, wie das passiert ist, wo das passiert ist. Aber es ist für die Menschheit unvorstellbar, dass man so etwas überleben kann. Das ist das größte Problem von uns Betroffenen, die die rituelle Gewalt überlebt haben. Dass viele sagen, diese massive Gewalt kann man gar nicht überleben. Aber das kann man. Indem man spaltet. Auch viele Ärzt*innen, Psychiater*innen und Neurolog*innen sagen, dass es die dissoziative Identitätsstörung nicht geben kann. Aber es ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen, dass es diese Diagnose gibt, man kann es auch an Gehirnströmen feststellen.

In der Wahrnehmung verändert sich ein bisschen was. Nicht viel, aber ein bisschen. Im Betroffenenrat vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (USBKM) wurde jetzt rituelle Gewalt aufgenommen. Wir sind in einem Komitee im Ministerium von Hannover, um da auch einiges zu machen. Da wird die Dissoziation mit aufgenommen, da wird rituelle Gewalt mit aufgenommen. Es verändert sich was, aber langsam.

Beim Selbsthilfeverein „Lichtstrahlen Oldenburg“ haben wir ein riesengroßes Forum mit weit über 300 Betroffenen, wir haben zu Anfang alle drei Monate eine Selbsthilfezeitung herausgebracht, aber das lohnte sich nicht mehr, als wir die Webseite hatten. Wir betreuen das Forum mit zwei anderen Betroffenen, beantworten viele Mails, pro Tag so 30 bis 40. Wir versuchen, viele Vorträge zu halten, die Dokumentationsfilme Ein Körper mit System und Höllenleben zu zeigen. Man könnte es fast als Vollzeitjob bezeichnen.

Angst haben wir überhaupt nicht mehr. Es kann natürlich sein, dass unsere Ursprungsfamilie uns noch findet. Können wir uns aber nicht vorstellen, weil wir unseren Mädchennamen abgelegt haben, keiner weiß, wo wir wohnen und bisher – auch von den anderen Betroffenen, die bei uns in der Selbsthilfegruppe sind, mit denen wir uns treffen – war nie irgendein*e Täter*in hier. Die Öffentlichkeit schützt uns. Nach der Ausstrahlung von Höllenleben hatten wir panische Angst. Wir hatten panische Angst, dass wir umgebracht werden. Weil die Täter*innen damit immer gedroht haben. Aber die Hilfsorganisation Weißer Ring war super nett und hat uns eine Woche untergebracht, wir sind dann erst von der Bildfläche verschwunden. Wir hatten Kontakt zu acht oder zehn Leuten, bei denen wir uns jeden Tag melden mussten, ob alles in Ordnung ist, hatten ein anderes Handy und sowas alles. Aber es ist nichts passiert.

Was wir uns von der Gesellschaft wünschen: Glauben.

Nicki(s)

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Kreis, dieser Kult mittlerweile aufgehört hat. Wir hatten damals das Gefühl, wenn wir jetzt nichts machen, dann befreien wir uns nicht. Wir haben in der Therapie ganz viel von unserer Therapeutin gelernt. Als man uns von dem geplanten Film Höllenleben erzählte, dachten wir: Wenn wir das jetzt machen, dann können wir nur noch frei sein oder wir haben verloren. Und das war eine Aufarbeitung, die uns ganz viel gebracht hat. Eineinhalb Jahre lang hatten wir Vorbereitungen für diesen Film. Wir mussten ja überhaupt erst mal sehen, dass wir vor eine Kamera gehen können. Dann sind wir erst losgefahren – als wir uns hundertprozentig sicher waren. Wir haben über eine Woche lang jeden Tag gedreht.

Was wir uns von der Gesellschaft wünschen: Glauben. Versucht doch mal, euch in die Betroffenen hineinzuversetzen. Warum sollten sie sich das ausdenken? Was haben sie davon? Diese schweren Misshandlungen, bei vielen sieht man das ja auch. Man sieht die Narben, man sieht, dass sie im Rollstuhl sitzen. Sie haben teils schwere Behinderungen. Die Gesellschaft müsste sich wirklich verändern, damit für diese Betroffenen die Therapiezeit unbegrenzt läuft. Und nicht nach zwei Jahren erst mal zwei Jahre wieder Pause. Wie soll das funktionieren? Wie soll da Vertrauen aufgebaut werden? Manchmal braucht man alleine dafür zwei Jahre, oder sogar noch länger. Das hat überhaupt keinen Sinn, nicht bei DIS-Patienten, die schwer traumatisiert sind. Wir sagen: Bei allen Menschen, die schwere Gewalt überlebt haben, darf es keine Begrenzung für Therapie geben.

Allen Betroffenen möchten wir sagen: Es ist ein harter Weg, ein besseres Leben zu leben, aber man kann es schaffen.

Nicki(s)

Und es muss eine finanzielle Unterstützung geboten werden. Man kann nicht alles selbst bezahlen. Hätten wir früher nicht diese Stabilität gehabt, hätte unsere Therapeutin nicht dafür gesorgt, dass wir alltagstauglich werden, hätten wir uns das alles gar nicht leisten können: Die ganzen Behandlungsgeschichten, die massiven Medikamente, die Zuzahlungen. Und hätten wir keinen Partner gehabt, das kommt auch noch dazu. Viele Betroffene sitzen in einer Einzimmerwohnung und überlegen: Wie kann ich jetzt mein Medikament bezahlen? Wie kann ich überhaupt noch Therapie machen? Da muss es Ausnahmefälle geben.

Der Fonds, den es in Berlin gibt [Anm. d. R: der Fonds Sexueller Missbrauch vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend], ist schon toll, wir sind davon begeistert und haben es auch erhalten, aber es dauert zu lange. Ein oder zwei Jahre auf einen Antrag zu warten, das geht nicht. Das geht nicht für Menschen, die schwer traumatisiert sind. Allen Betroffenen möchten wir sagen: Es ist ein harter Weg, ein besseres Leben zu leben, aber man kann es schaffen. Mit ganz viel Unterstützung, mit Freund*innen und allem drum und dran. Kämpft für euer jetziges Leben, für ein gutes Leben.

Schau hier unsere komplette Doku Wir sind die Nicki(s):

Teil 1: „Wir sind die Nicki(s)“ – Wie eine Frau mit sieben Persönlichkeiten lebt

Teil 2: „Wir sind die Nicki(s)“ – Die größte Gefahr ist die eigene Familie


Hilfe holen

Hilfe bietet die bundesweite, kostenfreie und anonyme telefonische Anlaufstelle berta unter der Telefonnummer 0800 3050750, sie richtet sich an Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt, sowie an Angehörige, Helfende und Fachkräfte.

Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch  erreichst du unter 0800 22 55 530, es ist die bundesweite Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten. Beide sind kostenfrei und anonym.