Und wieder schafft es keine Frau auf das Cover des „Rolling Stone“

In der Augustausgabe des Rolling Stone sprechen Joy Denalane und Ilgen-Nur über Sexismus und Rassismus in der Musikindustrie und loben das Magazin dafür, den Themen Raum zu geben. Das Cover der Ausgabe ziert trotzdem wieder ein weißer Mann.

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Am Ende beschloss die Redaktion des Rolling Stone, Bruce Springsteen aufs Cover zu nehmen. Screenshots: Übermedien

Die beiden Musikerinnen Joy Denalane und Ilgen-Nur diskutieren in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone ausführlich über aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Sie nehmen in dem Gespräch auch Bezug auf Rassismus, Sexismus und Homophobie in der Musikindustrie.

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Laut eines Berichts des Onlinemagazins Übermedien gingen die beiden Künstlerinnen zum Zeitpunkt des Interviews davon aus, dass ihr Gespräch zur Titelgeschichte der Augustausgabe werden würde. Es fand ein Fotoshooting statt, das Wort „Covershooting“ sei bei den Aufnahmen gefallen. Die Redaktion produzierte auch einen Cover-Entwurf mit Joy Denalane und Ilgen-Nur.

Wer nun in den Kiosks und Supermärkten nach dem roten Cover mit den Frauen Ausschau hält, sucht allerdings vergeblich. Denn von der Augustausgabe blicken nicht Joy Denalane und Ilgen-Nur, sondern auf dem Titelblatt ist der junge Bruce Springsteen zu sehen, aufgenommen vor seinem ersten Auftritt in Großbritannien im November 1975. Die Redaktion des Rolling Stone habe sich spontan umentschieden, berichtet Übermedien.

Die spontane Umentscheidung steht nun in der Kritik, da sie im krassen Gegensatz zum Gespräch zwischen Joy Denalane und Ilgen-Nur steht. Darin erklären die Musikerinnen unter anderem, wie beachtenswert sie es finden, dass die Zeitschrift ihnen die Möglichkeit für derartige Thematiken gibt: „Ich habe mich tatsächlich gewundert, dass der Rolling Stone ausgerechnet jetzt auf die Idee kommt, zwei Frauen aus der sonst unterrepräsentierten BIPoC-Community (BIPoC ist ein Akronym von Black, Indigenous and People of Color) zusammenzubringen, wie um zu sagen: Jetzt dürft ihr hier auch mal größer stattfinden. Ich habe ihn immer als ein sehr männliches, weißes Magazin wahrgenommen“, sagt Joy Denalane.

Ilgen-Nur erwidert: „Der Rolling Stone hat eine große Bedeutung für mich, weil es eben noch immer das größte Rockmagazin und Rock mein Genre ist. Ich habe ihn mir auch hin und wieder gekauft. (…) Aber dass ich nie eine Frau mit Gitarre auf dem Cover eines Magazins sehe beziehungsweise auch als Teenager nie gesehen habe, finde ich schon komisch.“

Springsteen macht den Ersatz

Warum hat es Bruce Springsteen auf das Cover geschafft? Das Springsteen-Album Born To Run hat 45-jähriges Jubiläum und „Bruce Springsteen gehört wie wenige andere zur DNA des Rolling Stone, er wird von unseren Lesern sehr geschätzt, in schwierigen Zeiten hängt viel davon ab“, erklärt Chefredakteur Sebastian Zabel. „Das Coverfoto ist im Übrigen ein eher selten benutztes, wenig bekanntes Bild, wir mochten es sehr gerne.“ Zudem seien Zabel und sein Team „nicht hundertprozentig von der Kraft des Fotos mit Joy Denalane und Ilgen-Nur überzeugt“ gewesen. Es habe nie eine feste Titelzusage gegeben und Bruce Springsteen als mögliche Alternative sei von Anfang an geplant gewesen.

Wir waren nicht hundertprozentig von der Kraft des Fotos mit Joy Denalane und Ilgen-Nur überzeugt.

Sebastian Zabel

Das Gespräch zwischen Joy Denalane und Ilgen-Nur im Inneren des Hefts blieb unverändert. Die beiden tauschen sich darüber aus, „ob die momentane Aufmerksamkeit für Diversity Teil einer Zäsur ist oder nur eine schnelle Anpassung an das Weltgeschehen oder das eigene schlechte Gewissen“. Sie sprechen von der Unterrepräsentanz von Frauen auf dem Cover der Zeitschrift und darüber, dass sich der Rolling Stone mehr trauen sollte. Schließlich gelten die beiden immer noch als light-skinned und white-passing. „Ist das das Äußerste, wozu der Rolling Stone jetzt bereit ist?“, fragt sich Denalane.

Zwei Frauen auf dem Titel wären in der Geschichte des Rolling Stone eine besondere Ausnahme gewesen. Nur einmal, in der Septemberausgabe des vergangenen Jahres, zierte Singer-Songwriterin Billie Eilish das Cover. Laut Übermedien soll es eine der „am schlechtesten verkauften Ausgabe der jüngeren Zeit“ gewesen sein.