Ungewollt schwanger in der Corona-Krise: „Ein Abbruch könnte als Lifestyle-Entscheidung klassifiziert werden“

Expert*innen befürchten, dass Betroffene die Frist für einen Schwangerschaftsabbruch derzeit nicht einhalten können – und stattdessen zu unsicheren Methoden greifen.

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Ungewollt Schwangere haben in der Corona-Krise viele Hürden zu nehmen. Foto: Motoki Tonn / Unsplash | CC0

Wer schwanger ist und sich für einen Abbruch entscheidet, muss mehrmals das Haus verlassen: Um zur Pflichtberatung zu gehen, um sich gynäkologisch untersuchen zu lassen, einen Ultraschall machen zu lassen, für den eigentlichen Abbruch und für die Nachsorge. Damit stehen Betroffene in der Corona-Pandemie gleich vor mehreren Herausforderungen.

Manche Beratungsstellen haben wegen Personalmangels ihr Angebot einschränken müssen oder sind bereits geschlossen, das Gleiche gilt für Praxen. Es gibt Ausgangsbeschränkungen, möglicherweise sind die betroffenen Personen angehalten, sich in Quarantäne zu begeben oder haben sich sogar selbst mit dem Coronavirus infiziert.

In einem offenen Brief haben Gynäkolog*innen und Fachverbände ihre Befürchtungen in dieser Woche deshalb öffentlich gemacht: Die Frist, bis zu der ein Abbruch in Deutschland straffrei ist, könnte unter diesen Bedingungen womöglich nicht eingehalten werden. Und: Frauen könnten stattdessen zu unsicheren Methoden greifen, um ihre Schwangerschaft zu beenden – mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen.

Ungewollt Schwangeren bleiben nur wenige Wochen Zeit

Eine der Gynäkolog*innen, die den Brief mit aufgesetzt hat, ist Alicia Baier, Vorsitzende von Doctors for Choice in Berlin. Sie berichtet ze.tt, dass die Situation gerade dort kritisch sei, wo die Versorgungslage ohnehin schon unzureichend ist.

„Oft sind es die älteren Ärzt*innen, die den Eingriff noch durchführen, weil viele jüngere das nicht machen wollen.“ Wozu das führen kann, zeige ein Fall in Niederbayern. Dort habe der einzig verbliebene Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt, seine Arbeit nun wegen der Corona-Pandemie niedergelegt. Der Mann ist über 70, gehört damit selbst zur Risikogruppe. Er wolle sich und seine Patient*innen schützen.

In der Corona-Krise besteht die Gefahr, dass der Schwangerschaftsabbruch als Lifestyle-Entscheidung klassifiziert wird – was ja auch Paragraph 219a suggeriert.

Alicia Baier

Durch die Reisebeschränkungen sei auch ein Abbruch in Österreich oder Holland als Alternative nicht mehr möglich. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen aus Polen. Viele von ihnen kamen bisher für einen Schwangerschaftsabbruch nach Berlin oder in andere deutsche Städte, weil die Regelungen in ihrem Land derart restriktiv sind. Auch das geht nun nicht mehr, sagt Alicia Baier.

Dabei betonen Ärzt*innen und Fachverbände: „Ein Schwangerschaftsabbruch ist ein Notfall, kein elektiver Eingriff.“ Elektiv bedeutet, dass eine Behandlung nicht akut ist, also auch verschoben werden kann. Die Anweisung der Bundesregierung ist derzeit, alle Operationen, die planbar sind, zu verschieben – um Platz für dringliche Corona-Fälle zu schaffen.

„Ein Schwangerschaftsabbruch ist ziemlich eindeutig nicht elektiv“, sagt Alicia Baier. Schließlich hätten die Frauen nur wenige Wochen Zeit. „In der Corona-Krise besteht die Gefahr, dass der Schwangerschaftsabbruch als Lifestyle-Entscheidung klassifiziert wird – was ja auch Paragraph 219a suggeriert.“ Dabei sei es eine enorme psychische Belastung, eine ungewollte Schwangerschaft zu durchleben.

Ärzt*innen brauchen Sicherheit, was erlaubt ist

In ihrem offenen Brief ermutigen die Expert*innen deshalb Einrichtungen und Ärzt*innen, sich für Beratungen per Telefon oder Video einzusetzen. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bayern gebe es dazu schon erste Schritte. Außerdem müssten Personen mit geringen Einkommen ihre Anträge für die Kostenübernahme des Eingriffs auch online stellen können.

Die Expert*innen fordern zudem die Zulassung des sogenannten Home-use, also dass die zwei Pillen für den medikamentösen Abbruch bis zum Ende der neunten Schwangerschaftswoche unter telefonischer Anleitung einer*s Ärzt*in zu Hause eingenommen werden können. Dieser sei mit den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konform. Auch die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) nennt den Home-use eine mögliche sichere Methode.

„Ärzt*innen haben sowieso schon Angst, sich strafbar zu machen“, sagt Alicia Baier. „Es braucht jetzt klare Vorgaben aus der Politik, was erlaubt ist, um Sicherheit für die behandelnden Gynäkolog*innen zu schaffen.“

Was könnte passieren, wenn es keine Erleichterungen für ungewollt Schwangere und Ärzt*innen gibt?

Alicia Baier hält es für möglich, dass Frauen aus Verzweiflung zu unsicheren Abtreibungsmethoden greifen, beispielsweise versuchen, durch Schläge in den Bauch ihre Schwangerschaft zu beenden. Expert*innen sprechen von möglichen Folgen wie Entzündungen, Sterilität und Blutungen bis hin zum Tod. Zumal während der Corona-Pandemie mit einem Anstieg ungewollter Schwangerschaften zu rechnen sei – angesichts der zunehmenden häuslichen und sexualisierten Gewalt, wie bereits aus China berichtet wird.

Es gibt aber auch positive Signale, sagt Alicia Baier. Zum Beispiel aus Magdeburg. Dort habe das Uniklinikum bereits signalisiert, zusätzliche Kapazitäten für Eingriffe zu schaffen. So sollen ausreichend Schwangerschaftsabbrüche möglich sein, auch wenn niedergelassene Ärzt*innen ihre Praxen wegen der Corona-Pandemie schließen müssen.