Unsere Handschrift wird immer schlechter – na und?

Laut einer neuen Studie sorgen sich deutsche Lehrende um die Handschrift ihrer Schüler*innen. Aber ist es nicht an der Zeit, neue digitale Kulturtechniken zu entwickeln, die inklusiver sind? Ein Kommentar

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Handschrift gegen digitale Schrift ist auch außerhalb der Klassenzimmer beinahe schon eine Glaubensfrage. Foto: Photocase / suze

Sie sei nicht mehr lesbar und nicht flüssig genug – deutsche Lehrer*innen sorgen sich laut einer repräsentativen Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) und des Schreibmotorik-Instituts um die Handschrift ihrer Schüler*innen. 37 Prozent der Kinder an Grundschulen seien demnach betroffen, an weiterführenden Schulen sogar bis zu 43 Prozent der Schüler*innen. Stirbt die Handschrift aus? Und wenn ja, wo ist das Problem?

Tintenflecken verteilen sich über Hefte, Klamotten und Hände, Finger schmerzen, Nacken, die sich stundenlang während des Unterrichts über den Tisch beugen, verspannen. Handschrift ist nicht die romantische Kulturtechnik, die sich mit einem Grashalm im Mund im Schatten eines Baumes leichthändig performen lässt. Handschrift ist mühsam und wortwörtlich Knochenarbeit, sie erfordert Übung und Wiederholung. Doch genau dafür fehlt laut den befragten Pädagog*innen die Zeit: 64 Prozent von ihnen gaben an, dass häufig oder sehr häufig zu wenig Zeit für das Üben zur Verfügung stehe. Mehr als die Hälfte gab außerdem an, dass im Lehrplan zu wenig Wert auf das Schreibenlernen gelegt werde.

Analog ist gut und digital ist schlecht?

Expert*innen betonen immer wieder, wie wichtig die Handschrift für den Lernerfolg ist, selbst wenn sich die Bundesländer noch gar nicht einig sind, wie diese überhaupt erlernt werden soll: als lateinische Ausgangsschrift oder als Druckbuchstaben? Dennoch beweisen unzählige Studien: Wer mit der Hand schreibt, merkt sich die Inhalte besser. Menschen aktivieren im Schreibprozess Gedächtnisspuren. Während im Uni-Hörsaal das Tippen am Laptop erlaubt, Gehörtes schneller und ungefilterter in ganzen Sätzen niederzuschreiben, ist das mit der Handschrift nicht so einfach. Daher konzentrieren wir uns auf den Kern der Information, und diese können wir besser verarbeiten. Also ist das Analoge gut und das Digitale schlecht?

Die in der aktuellen Studie befragten 2.000 Lehrer*innen spekulieren, was die Ursachen für die Schreibprobleme sein könnten: Mängel in der Motorik und Koordination, in der Konzentrationsfähigkeit der Schüler*innen und natürlich die vermehrte Nutzung digitaler Medien. Gerade der letzten Behauptung schließt sich mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte an. Da ist sie also wieder, die böse Digitalisierung!

Nein, die Handschrift stirbt noch nicht aus

Entwarnung: Die Handschrift stirbt nicht unbedingt aus. In einem Interview mit dem WDR sagte etwa die Graphologin Rosemarie Gosemärker, die Handschrift werde bei seltenem Gebrauch zwar ungelenker und verliere ihre Feinheit. Auch schreibe man langsamer. Aber: „Im Prinzip entwickelt sie sich in Richtung der Schulschrift zurück, was nicht unbedingt schlimm ist, wenn das Gegenüber keinen Wert auf die Handschrift legt.“ Ob geschickte oder ungeschickte Handschrift – der Mitteilungscharakter bleibe. „Richtig verlernen kann man das handschriftliche Schreiben aber nicht, außer bei bestimmten Krankheiten“, sagt sie.

Die Handschrift stirbt laut der Umfrage des VBE nicht aus, sie wird nur unleserlicher. Das ist zunächst mal eine persönliche Einschätzung der Lehrer*innen – also auch eine Frage des Geschmacks. Sind das eventuell dieselben Lehrer*innen, die sich regelmäßig beschweren, die Lernmotivation der Schüler*innen ginge immer weiter flöten, während sie mit didaktischen Methoden aus den 80er-Jahren vor der Klasse stehen? Was sollte Schulbildung eigentlich leisten und auf welchem Weg?

Wir haben auf der einen Seite also das berechtigte Argument, dass Handschrift ein kognitiver und koordinativer Prozess ist, der den Lernerfolg ankurbelt. Das war es dann auch schon. Gegenfrage:  Sind wir wirklich nicht im Stande, Lerntechniken zu entwickeln, die einen ähnlichen Nutzen versprechen? Müssen wir im Jahre 2019 ein hundertjähriges Mantra nachsprechen, weil uns nichts besseres einfällt?

Es geht um Bildung, ein Menschenrecht, das nicht an Glaubensfragen abgehandelt werden sollte.

Worum geht es also bei der Angst, die Handschrift könne aussterben, wirklich? Geht es wirklich darum, Kommunikation zu ermöglichen und mit Informationen zu handeln, oder geht es um einen Bewahrungsfetisch des vermeintlich Analogen und Natürlichen als eine Gegenbehauptung zum Digitalen, das viele immer noch zu verunsichern scheint? Handschrift gegen Tastaturschrift ist auch außerhalb der Klassenzimmer beinahe schon eine Glaubensfrage. Finnland, das Land, das bei den PISA-Studien jährlich und immer noch am besten abschneidet, verkündete zum Jahr 2016, das Erlernen der Handschrift an Schulen größtenteils durch das Schreiben an der Tastatur zu ersetzen. In deutschen Medien war flächendeckend von „Entsetzen“ die Rede, noch bevor die Auswirkungen des Experiments überhaupt weitgehend erfasst waren.

Digitale Schrift ist demokratischer und inklusiver

Entsetzen ist aber eine gute Beschreibung der Reaktion, mit der oftmals auf den drohenden Verlust sogenannter Kulturgüter oder Kulturtechniken reagiert wird. Was dann gerne vergessen wird: Es geht um Bildung, ein Menschenrecht, das nicht an Glaubensfragen abgehandelt werden sollte. Und schon gar nicht, weil wir auf der Erhaltung von Relikten und romantisierten Vorstellungen bestehen: der verschnörkelt geschriebene Liebesbrief, mit Hingabe verfasst und mit Speichel versiegelt.

Texte, die aus der Tastaturklaviatur geboren werden, sind anonymer. Der Austausch über Informationen wird dadurch aber demokratisiert, ist leichter zugänglich. Nicht mehr die Einzigartigkeit und Schönheit des Schnörkels steht im Vordergrund, sondern ihr Inhalt. Wir werden in der Zukunft wahrscheinlich nicht mehr schreiben, sondern Texte nur noch einsprechen und irgendwann vielleicht nur noch eindenken. Das ist alles andere als eine Dystopie. Für motorisch beeinträchtigte Menschen oder Menschen mit Behinderung wird das vielleicht ein wichtiger und großer Schritt auf dem Weg ihrer Inklusion in Bildungseinrichtungen sein. Was hindert uns als Gesellschaft also daran, unsere Ressourcen auch dahingehend zu verwenden, Lern- und Kulturtechniken zu entwickeln und zu fördern, die den Lernerfolg und den Informationsfluss anregen, ohne in der Vergangenheit behaftet zu sein? Und Menschen auszuschließen?