„Unsere Zukunft steht auf dem Spiel“: Wofür junge Grüne sich jetzt in ihrer Partei engagieren

Auf dem Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen stimmen an diesem Wochenende die Delegierten über das Parteiprogramm ab. Unter ihnen viele junge Parteimitglieder. Wir haben sie gefragt, warum sie sich parteipolitisch engagieren – und wofür.

"Denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden." Evrim Camuz aus Hannover.

„Denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden." Evrim Camuz aus Hannover. Foto: Mareice Kaiser

Europa soll ökologischer, demokratischer und sozialer werden  – bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen stimmen rund 850 Delegierte über das Parteiprogramm ab. Grüne Schilder weisen schon vor der Leipziger Messe den Weg zur Messehalle. „Kein Europa ohne Brücken“ steht darauf. Ein Slogan der Grünen lautet „Zukunft wird aus Mut gemacht“ – und um Zukunft geht es auch in den Gesprächen mit jungen grünen Mitgliedern. Sie haben uns erzählt, warum sie Mitglied in der Partei geworden sind und was sie damit bewirken wollen.

Rosa Domm

20 Jahre, aus Hamburg, Landessprecherin der Grünen Jugend, Mitglied seit einem Jahr

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„Mobilität in der Stadt muss endlich auf ÖPNV und Fahrradverkehr umgestaltet werden.“ Rosa Domm aus Hamburg. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Die Zeiten sind enorm politisch und es war einfach Zeit zu handeln. Wir betonen an diesem Wochenende, dass die Klimakrise nicht erst kommt, sondern schon hier ist. In Zeiten, in denen Klimaleugner*innen in Parlamente einziehen ist es einfach Zeit, Position zu beziehen.

Wie ist es, als junge Frau politisch aktiv zu werden?
Bevor ich zur Grünen Jugend kam, war ich nicht unbedingt Feministin. Ich habe dann aber viel über Machtmechanismen gelernt, die seit Jahrhunderten wirken. Mir wurde klar, wie diese Mechanismen in der Politik greifen, vor allem wenn es um Geld und Macht geht. Bei den Grünen wird das offen gelegt – es ist die richtige Partei, um daran etwas zu ändern.

Warum sollen sich junge Menschen parteipolitisch engagieren?
Wir haben eine Verantwortung. „Das geht mich nichts an“, gilt für mich einfach nicht. Wenn auf der Straße wieder Hetzparolen zur Normalität werden, kann man sich nicht einfach in seinem stillen Kämmerchen ein schönes Leben machen.

Eine politische Forderung von dir kann sofort umgesetzt werden – welche sollte das sein?
Mobilität in der Stadt muss endlich auf ÖPNV und Fahrradverkehr umgestaltet werden – für die Gesundheit von Menschen, gegen den Klimawandel und für das Stadtbild. Ein Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit.

Judith Haag

24 Jahre, aus Rheinland-Pfalz, Kreissprecherin, Mitglied seit sechs Jahren

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„Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist mir eine Herzensangelegenheit.“ Judith Haag aus Rheinland-Pfalz. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Politisch interessiert war ich schon immer. Ausschlaggebend war dann der Hochwasserschutz. Das ist ein wichtiges Thema in Rheinland-Pfalz und die Grünen besetzen es gut. Ich war dann mal bei einer Versammlung und war schnell dabei. Ich glaube, das ist typisch. Wie Robert Habeck in seinem Buch geschrieben hat, ging es mir auch, er ist direkt Sprecher geworden. Ich bin bei uns jetzt Kreissprecherin.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Parité – in Aufsichtsräten und Parlamenten. Wirklich ernst gemeint, keine geschummelte Quote. Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist mir eine Herzensangelegenheit.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Weil es wichtig ist, gehört zu werden. Ich glaube, Menschen sind politisch. Wir wollen stattfinden, auch in einer Gemeinschaft. Und ja, parteipolitisches Engagement ist anstrengend, auch ich mache das ehrenamtlich. Aber mir ist das Gleichgewicht wichtig. Dass nicht nur Menschen über 60 gehört werden, sondern eben auch junge Generationen mit ihren Wünschen und Forderungen.

Enrico Schandl

21 Jahre, aus Lahr, Mitglied seit drei Jahren

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„Ich möchte etwas gegen den Klimawandel tun.“ Enrico Schandl aus Lahr. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Mir liegt die Umwelt am Herzen. Ich möchte etwas gegen den Klimawandel tun.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Die AfD sollte vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Und die Dieselfahrverbote sollten ausgeweitet werden. Nicht nur in einer Straße in einer Stadt, sondern flächendeckend in Innenstädten, wo Menschen leben.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Ich glaube, junge Leute sind innovativer als ältere Menschen. Wir wollen wirklich etwas verändern und sind zukunftsorientiert. Das braucht Politik.

Evrim Camuz

30 Jahre, aus Hannover, Fraktionsvorsitzende, Mitglied seit sieben Jahren

„Denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.“ Evrim Camuz aus Hannover. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Ich stand den Grünen schon immer nah. Die Verbindung aus sozialem, ökologischem und wirtschaftlichem Denken war für mich ausschlaggebend. Dieses Dreiecksdenken. Und auch, dass wir zukünftige Generationen in unseren Entscheidungen mit bedenken. Dass wir wissen, wir haben die Welt nur von unseren Kindern geliehen. Die Nachhaltigkeit.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Frieden. Krieg entsteht ja auch dadurch, dass Ressourcen ungleich verteilt sind. Wenn wir ausgeglichener und solidarischer miteinander wären, wäre ein Problem gelöst. Und ich wünsche mir viel mehr Frauen in der Politik.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Es war schon immer so, dass Politik von älteren Herren gemacht wurde. Unsere Stimme wird nicht so oft gehört. Umso wichtiger ist es, dass wir nicht nur auf den Straßen kämpfen – was auch wichtig ist – sondern dass wir auch in die Parlamente gehen. Es ist wichtig, dass wir an den Entscheidungsprozessen direkt beteiligt sind. Das ist meine Motivation, denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.

Felix Speiser

34 Jahre, aus Berlin, Mitglied seit zehn Tagen

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„Die gemeinsame Entwicklung des Grundsatzprogramms finde ich spannend.“ Felix Speiser aus Berlin. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du jetzt gerade Grünen-Mitglied geworden?
Mich interessiert das Thema Grundeinkommen. Ausschlaggebend für meinen Eintritt waren dann die guten Umfragewerte der Grünen. Dadurch ist es realistischer, dass die Inhalte der Grünen wirklich umgesetzt werden. Ich finde es spannend, mich an der Entwicklung des Grundsatzprogramms beteiligen zu können und da vielleicht auch etwas mit anschieben zu können.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Die Abkehr von Neoliberalismus. Die Überzeugung, dass der Markt alles am besten regelt, wird nicht hinterfragt. Das muss sich ändern, denn es ist offensichtlich, dass das in einigen Bereich nicht funktioniert.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Ich finde, alle sollten sich politisch engagieren. Es reicht nicht, jemanden zu wählen und zu hoffen, richtig von ihr oder ihm repräsentiert zu werden. Wir alle müssen uns einmischen.

Ricarda Lang

24 Jahre, aus Berlin, Bundessprecherin, Mitglied seit sechs Jahren

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„Unsere Zukunft steht auf dem Spiel.“ Ricarda Lang aus Berlin. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Gleichstellung – tatsächlich sehr viel weniger radikal, als ich es heute sehe. Es waren ganz lebenspraktische Dinge. Ich fand es unfair, dass Typen in meinem Umfeld anders behandelt wurden als ich. Dass ich mich als Frau beim Feiern gehen einschränken musste, dass ich mir dumme Sprüche von Lehrern anhören musste. Über die Grüne Jugend bin ich dann zu weiteren Themen gekommen, die mich heute umtreiben: Antifaschismus und der Kampf um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Dein Parteieintritt hat dich politisiert?
Total. Ich wäre heute nicht der politische Mensch, wenn ich nicht zur Grünen Jugend gekommen wäre.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisieren. Und natürlich Weltfrieden.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Unsere Zukunft steht auf dem Spiel, die Angriffe von rechts, die Klimakatastrophe. Da ist es einfach wichtig, aktiv zu werden. Ob das bei #unteilbar auf der Straße ist, bei #endegelaende am Hambacher Forst oder in Parteien. Ich wünsche mir, dass junge Menschen sich nicht entscheiden müssen, ob sie in Bewegungen oder Parteien aktiv sein wollen, sondern einfach beides machen können, wie ich es auch tue.

Clara Jacobi

25 Jahre, aus Nürnberg, Mitglied seit zwei Jahren

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„Es geht um unsere Zukunft.“ Clara Jacobi aus Nürnberg. Foto: Mareice Kaiser

Warum bist du Grünen-Mitglied geworden?
Das Erstarken der AfD und das Gefühl des Rechtsrucks waren dafür verantwortlich. Ich wollte etwas dagegen tun und mich für ein Deutschland und ein Europa einsetzen, wie ich es mir in zehn oder zwanzig Jahren wünsche.

Wie soll das aussehen?
Friedlich, solidarisch, tolerant, offen und zukunftsgewandt. Ich möchte, dass wir mit neuen, frischen Ideen in die Zukunft gehen und uns nicht in eine Vergangenheit zurückwünschen, die es so nie gab und die wir auch nicht zurück haben wollen.

Du hast eine politische Forderung, die sofort umgesetzt werden kann – welche wäre das?
Tierrechte stärken und Massentierhaltung abschaffen.

Warum sollen sich junge Menschen politisch engagieren?
Es geht um unsere Zukunft. Es ist nicht die Zukunft der 70- oder 80-Jährigen, über die heute entschieden wird. Wir entscheiden jetzt, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren leben wollen. Ich möchte das nicht anderen Menschen überlassen. Wir sind noch nicht eingerostet im Denken, wir haben neue Ideen. Es ist an uns, sie umzusetzen.