Unter Neonazis in Themar: Diese Szene ist so stark wie eine Pusteblume

Beim größten deutschen Neonazi-Festival sollte die „zerstückelte Szene“ geeint werden. Unser Autor mischte sich inkognito unter die Rechtsextremen.

Die meisten Neonazis, die zu den sogenannten Tagen des nationalen Widerstands kamen, saßen herum und ließen sich berieseln. © ze.tt

Ein bisschen schneller noch, dann hat sie ihn. Die Kleinen huschen unter den Beinen der Erwachsenen durch, vorbei an Bierbänken, rasen über die Wiese. Das Mädchen rennt schneller, streckt den Arm nach dem Jungen aus. Seine Puste lässt nach – erwischt! Die Beiden strahlen.

Die Kinder, nichtmal sechs Jahre alt, spielen Fangen. Sie tragen rote T-Shirts. Auf dem des Mädchens steht „Germania“, auf dem des Jungen „Adios Antifa“ unter zwei gekreuzten Pistolen. Ihre Eltern applaudieren ein paar Meter weiter dem Sänger einer Rechtsrockband, der laut „Fotze“ ins Mikrofon brüllt. Er meint Angela Merkel.

Ich ringe mit der Fassung. Ich habe viel erwartet von diesem Tag, doch darauf war ich nicht vorbereitet. „Reiß dich zusammen, beruhig dich“, befehle ich mir.

Mittendrin in der rechtsextremen Parallelwelt

Ich stehe am Rand des 3.000-Seelen-Städtchens Themar in Thüringen auf einem Acker. Hier finden gerade die sogenannten Tage der nationalen Bewegung statt. Es ist in diesem Jahr das größte Neonazi-Festival in Deutschland. Die Veranstaltungsankündigung auf der Webseite klingt, als stehe es nicht gut um die rechtsextremistische Szene: Man wolle endlich „weg von Gruppenegoismen“, hin zu „einer starken Gemeinschaft“ und einer „gemeinsamen nationalen Bewegung“. Es soll mehr werden als nur ein Konzert, auch eine politische Veranstaltung. Das Ziel der dreitägigen Veranstaltung ist es, die „zerstückelte Szene“ zusammenzubringen.

[Außerdem auf ze.tt: Wie kann es sein, dass 6.000 Neonazis ungestört „Sieg Heil“ schreien dürfen?]

Diesem Ruf sind mehr als doppelt so viele Menschen gefolgt, als die Behörden vorher angenommen hatten. 2.243 Rechtsextreme aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch aus Frankreich, Italien, Kroatien, Russland und Tschechien sind nach Themar in Thüringen gereist, wie die Polizei per Klicker am Einlass zählt. 2.242, um genau zu sein.

Ich habe mich verkleidet unter sie gemischt. Ich lasse mich am Einlass, wie die Neonazis, penibel von der Polizei kontrollieren, werde einen schmalen Zugangsweg auf der komplett abgesperrten Bundesstraße entlang geschleust. Die Kameras der Journalist*innen sind auf mich gerichtet, als ich aufs Gelände gehe. Mit mir pilgert an diesem warmen Juniwochenende das Who-is-Who des deutschen Rechtsextremismus zum Festival: hochrangige NPD-Politiker, Rechtsrockbands wie Die Lunikoff Verschwörung, rechtsextreme Aktivist*innen. Ein Dutzend Redner*innen, 16 Bands treten auf.

Das kommt nicht von ungefähr: Thüringen gilt als Hochburg für rechtsextreme Veranstaltungen wie die an diesem Wochenende. In keinem Bundesland finden so viele statt, wie der gemeinnützige Verein Mobit analysiert. Nirgendwo sonst sind die Neonazis so gut vernetzt. Themar wurde im vergangenen Jahr erstmals Austragungsort eines riesigen Treffens. An die 6.000 Neonazis feierten ein eintägiges Rechtsrockkonzert.

Das Event fräste sich ins Image der Kleinstadt. Es wurde organisiert von Tommy Frenck, einem Neonazi, der einen Ort weiter ein Gasthaus betreibt. Es ist Szenetreff und rechtes Versandhaus in einem. Das Ackergelände gehört Bodo Dressel, dem Bürgermeister der Nachbargemeinde. Dressel stellt es immer wieder für die Szene bereit. So sehr Themar sich auch gegen die Treffen wehrt, verbieten konnte es sie bisher nicht. Dabei wäre das jetzige Festival beinahe nicht zustande gekommen, weil seltene Vogelarten sich heimisch gemacht hatten. Ein Gericht hatte das Verbot im letzen Moment gekippt.

Dauerbeschallung mit Verschwörungstheorien und Kampfrhetorik

Die Sonne scheint für die Neonazis. Das Gelände, auf dem sie sich selbst feiern möchten, ist etwa halb so groß wie ein Fußballfeld und gleicht einem Käfig. Hohe Zäune grenzen das Gelände nach draußen ab, drinnen patroullieren Polizeihundertschaften mit schwerer Schutzkleidung im Minutentakt an mir vorbei. Vor allem männliche Neonazis sind gekommen, vielleicht 30 Prozent Frauen. Fast alle tragen T-Shirts mit zweideutigen Botschaften. „Hknkrz“, „Hitlerche“, „Auch ohne Sonne braun“ oder „Keepers of the Race“. Auf Flaggen und Bannern an Verkaufsständen steht „Wir fordern Freiheit!“. Die Neonazis werden permanent an den Kampf um Deutschland erinnert, den sie führen sollen. Es ist Rechtsextremismus in Überdosis. Ich fühle mich wie unter einer Glasglocke, die alles abschirmt, das mich an die echte Welt da draußen erinnern könnte.

Das hat System: Auf der Bühne im Zelt gibt es abwechselnd Redebeiträge und Rechtsrock, um das Zelt herum haben Parteien wie die NPD, Junge Nationale und Die Rechte Stände aufgebaut. Sie verbreiten alle die gleichen Botschaften: Die Neonazis werden mit der Idee beschallt, sie seien Teil einer letzten Bastion, eines Widerstands für ein Land, in dem alle deutsch, weiß und heterosexuell sind.

Aus „Recht und Wahrheit“. © ze.tt

Einer, der ihnen passenden Lesestoff liefert, ist der rechtsextreme Aktivist Meinolf Schönborn. Er steht zwischen zwei Ständen, die CDs und Schmuck mit nordischen Motiven verkaufen, hinter einem Klapptisch auf dem Gras und ruft Vorbeigehende zu sich. Ich lasse mir Leseproben seines Zweimonatsmagazins Recht und Wahrheit geben und blättere durch. Auf einer Seite wird der deutsche Befreiungskampf beschwört, bebildert mit Ufos und einem Kreuzritter, darunter steht ein Zitat des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski, zweckentfremdet für die Neonazis. Auf einer anderen Seite werden die Deutschen mit „den Indianern“ verglichen, die „ihr Land an Einwanderer verloren haben“. Das dürfe hier nicht auch passieren. Schönborn wurde wegen Verbreitung rechtsextremistischer Propaganda schon zweimal rechtskräftig verurteilt. Hier stört das niemanden.

Solche Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus sind Grundsäulen der rechtsextremen Szene. Ich würde auch Zynismus dazu zählen. Bei den DIXI-Klos belausche ich ein Gespräch zwischen zwei jüngeren Neonazis. „Man muss sich als Asylant ja nur das Gesicht schwarz anmalen und schon bekommt man alles“, sagt der eine. Der andere lacht. Dann stimmt er „Da kommt ein Neger auf dem Fahrrad und keiner hält ihn auf“ an. Es ist ein Song des indizierten Lunikoff-Albums „Ebola im Jobcenter“. Wie alle Rechtsrockbands müssen sie ihren Rassismus in Watte packen und mit sarkastischem Unterton versehen. So können sie das Strafrecht umgehen.

Frauen müssen ihren Männern gute Kameradinnen sein, wenn sie vom Kampf heimkommen. Naja, gerade kämpfen die ja nicht, aber trotzdem.“ – Edda Schmidt

Im Zelt höre ich drei Redebeiträge. Erst spricht einer der Anwälte von Ralf Wohlleben, einer mutmaßlichen Schlüsselfigur des NSU-Prozesses. Er verharmlost die Verbrechen der Terrorzelle. „Das war vielleicht U, aber sicher nicht NS“, sagt er.

Später kommt mit der 68-jährigen Edda Schmidt die Landesvorsitzende des Rings Nationaler Frauen auf die Bühne. Sie gilt als eine der einflussreichsten und bekanntesten Frauen der rechstextremen Szene und spricht 15 Minuten lang darüber, dass Frauen den Männern gute Kameradinnen sein sollten, wenn sie Abends vom Kampf heimkämen. Sie korrigiert sich: „Naja, gerade kämpfen die ja nicht, aber trotzdem.“ Ihr Schlussappell: Männer sollen Frauen als Kameradinnen anerkennen.

Der Thüringer NPD-Chef und militante Neonazi Thorsten Heise brüllt vor den Neonazis ins Mikrofon, sie sollten „alle zusammen kämpfen, für 1.000 Jahre Deutschland“. Zuletzt hat man diese Formulierung aus der NS-Zeit in der Vogelschiss-Aussage von Alexander Gauland gehört. Doch die AfD kommt bei NPDler Heise nicht gut weg: Nur Stimmen bekommen reiche nicht, irgendwann müssten die Politiker*innen „sich zu erkennen geben“. Der Applaus nach diesen Redebeiträgen ist weniger stürmisch, als ich erwartet hatte. Er erinnert mich eher an Höflichkeitsklatscher für den Chef auf der Weihnachtsfeier.

Ich bin mittlerweile seit Stunden Teil dieser Welt und fühle mich unwohl. Das Neonazinarrativ aus Krieg, Kampf, Hass und Lügen, es läuft hier in Dauerschleife. Dass sogar Kleinkinder dieser Kriegs- und Wutrhetorik ausgesetzt sind, macht mir zu schaffen. Das hier zeichnet ihr Leben vor. Wer sagt ihnen, dass es auch noch etwas anderes gibt außer Hass?

Bier ist den Neonazis wichtiger als Politik

Ich widerstehe dem Drang, die Veranstaltung zu verlassen und beschließe, mich wenigstens für eine Weile nur noch auf die Gäste zu konzentrieren. Viele stehen vereinzelt da, verschränken die Arme, rauchen Filterzigaretten. Im hinteren Teil des Zelts sitzen Grüppchen auf Bierbänken, sie lauschen, essen, wirken antriebslos. Als ich mich gerade frage, was ihnen denn fehlt, beobachte ich zwei Neonazis, die sich heimlich Bier in Becher einschenken. Sie exen es. 

Ich kann so langsam kein Cola mehr sehen, ey“ – ein Neonazi

Um das Festival durchziehen zu können, wurden der NPD von den Behörden Auflagen aufgebrummt, darunter auch ein Alkoholverbot bis 20 Uhr. Erst dann dürfen die Menschen hier Bier trinken. So lange müssen sie sich mit Wasser oder Cola zufrieden geben. Wenn sie Alkohol möchten, müssen sie ihn hereinschmuggeln oder an der AVIA-Tankstelle vor dem Käfig trinken.

Bei den Essensständen auf dem Gelände ist die Stimmung weniger ausgelassen. Ein Grüppchen zählt den Countdown zum Bier herunter: „Nur noch eineinhalb Stunden!“.

Ein Neonazi wischt sich Regentropfen von der Glatze, die Sonne ist hinter Wolken verschwunden. Mit dem Wetter ändert sich auch meine Perspektive auf das alles hier. Ich fühle mich immer noch nicht wohl, aber immerhin sehe ich unsere Demokratie nicht mehr in Gefahr. „Zumindest heute hätte das Wetter doch mal mitspielen können, Menschenskinder“, höre ich jemanden meckern. Ein Neonazi mit dickem Totenkopftattoo auf dem Hinterkopf meint, dass die ausgegebene Erbsensuppe kalt und die Bockwurst nicht knackig genug seien.

In Themar zeigt sich gut, warum alle rechten Parteien bis auf eine im Abseits stehen: Die Politiker müssen sich an den Ständen mit sich selbst beschäftigen. Kaum jemand nimmt sich Flyer mit oder unterhält sich mit ihnen. Dass dieses Jahr weniger Neonazis kommen als im Vorjahr, könnte mit der Präsenz der Parteien zu tun haben: Viele wollen nichts mit ihnen zu tun haben, mit gar keiner, sondern sich lieber frei organisieren. Die fehlende Einheit, die bei der Veranstaltungsankündigung angeprangert wurde, zeigt sich auf dem Festacker eindrucksvoll: Wer auch immer hierher kam, um sich mit anderen über politische, nationalistische Strategien auszutauschen, guckt in die Röhre. Bei den Neonazis scheint es kein Interesse an Diskussionen zu geben.

Man fragt sich: Was soll das alles?

Nicht einmal die Musik bringt Bewegung in die Bude: Auftritt von Blutlinie, das Zelt füllt sich etwas. Die Band spielt ihren Song „Germania“.

Der Begriff begegnet mir auf dem Gelände häufig. Hitler plante bekanntlich, Berlin Ende 1940 zur prunkvollen Welthauptstadt Germania umzubauen. Albert Speer wollte Prachtbauten in die Stadt setzen, die den Reichstag zum Gartenhäuschen degradiert hätten. Würden die zuständigen Bauherren das Gelände des wichtigsten Neonazi-Festivals 2018 in Deutschland sehen, sie würden sich im Grab rumdrehen. Wacklige Plastiktische, DIXI-Klos platziert auf unebenem Gelände, Pavillons falsch zusammengesetzt: Jedes Dorffest ist besser strukturiert.

„Wir waren Herrscher eines Reichs, Könige Europas, wer uns sah, fiel vor uns auf die Knie“, grölen einige Neonazis vorne an der Bühne einen Refrain mit. Auf dem Gras vor dem Ausgang sitzt ein Neonazi und genießt einen Crêpe mit Nutella.

Später erfahre ich, dass die Neonazis 84 Anzeigen kassierten, für Verstöße gegen das Waffengesetz, verfassungsfeindliche Symbolik – und auch für Bierschmuggel.

Die, die sich an diesem Wochenende in Themar trafen, einte nur zwei Dinge: Die Sehnsucht, in einer Vergangenheit zu leben, die es niemals gab. Und die auf ein kaltes Bier.


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