Unter #wheniwas berichten Frauen von sexualisierter Belästigung in der Kindheit

In der Schule, im Freund*innenkreis oder im familiären Umfeld – sexualisierte Belästigung und Gewalt gehören für viele junge Frauen und Mädchen bereits zum Alltag. Unter dem Hashtag #wheniwas erzählen sie nun ihre Geschichten in den sozialen Medien.

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Jedes zweite Mädchen in Deutschland zwischen 14 und 16 Jahren hat bereits sexualisierte Belästigung oder Gewalt erfahren. Foto: © Photocase / giulietta73

Der US-amerikanische Jurist Brett Kavanaugh wurde trotz zahlreicher Vergewaltigungsvorwürfe zum Richter des Obersten Gerichtshofes ernannt. Die österreichische Ex-Grünen-Politikerin Sigrid Mauerer wurde wegen übler Nachrede verurteilt, weil sie die mutmaßliche sexualisierte Belästigung eines Mannes öffentlich machte. Ein Jahr, nachdem der Hashtags #MeToo ins Leben gerufen wurde, um sexualisierte Gewalt und Machthierarchien zwischen den Geschlechtern sichtbar zu machen und zu verändern, sind Betroffene immer noch mit Kriminalisierung und Marginalisierung konfrontiert.

Das Leben von Frauen ist schon früh von sexualisierter Belästigung geprägt

Viele haben das Gefühl, dass die Privilegien der Täter*innen und die Täter*innen selbst nach wie vor unangetastet bleiben. Man könnte meinen, dass das viele Frauen in der Zukunft nicht gerade dazu ermuntern wird, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt öffentlich zu machen. Dennoch trendet gerade auf Twitter der Hashtag #wheniwas: Frauen berichten von sexualisierter Gewalt und Belästigung, die sie als Kinder und Jugendliche erfahren haben.

#wheniwas ging das erste Mal im Jahre 2016 viral. Initiiert hat das Revival des Hashtags nun die britische Webseite Everyday Sexism Project, die im April 2012 von der Feministin Laura Bates gegründet wurde. Das Onlineprojekt ist als Dokumentationsplattform für Erfahrungen von Frauen mit Sexismus und sexualisierter Gewalt gedacht, die ihre Geschichten per E-Mail oder eben über die sozialen Medien mitteilen können. Mit der Wiederbelebung von #wheniwas wolle man darauf aufmerksam machen, wie verbreitet das Problem sexualisierter Belästigung und Gewalt sei, schrieb Every Day Sexism am Montag, und wie früh diese Erfahrungen schon das Leben vieler Frauen prägen würden.

Wenn die Lehrer*innen „Die mögen euch halt“ sagen

In Deutschland hat über die Hälfte junger Mädchen zwischen 14 und 16 laut einer repräsentativen Studie bereits sexualisierte Gewalt und Belästigung erfahren. Laut dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs hat die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2016 in Deutschland über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexualisierten Kindesmissbrauchs, sprich an Menschen unter 14 Jahren, verzeichnet. Die Dunkelziffer ist weit höher.

[Außerdem auf ze.tt: Sexuelle Belästigung unter Jugendlichen: „Mir greifen regelmäßig Mitschüler an den Po“]

Die Handlungen, die als sexualisierte Gewalt betrachtet werden, weisen demnach eine große Bandbreite auf: „Sie reichen von sexuellen Übergriffen mittels verbaler sexueller Anspielungen bis zu Hilfestellungen, zum Beispiel des Sportlehrers, der die Gelegenheit nutzt, einen Schüler im Genitalbereich zu berühren“, heißt es im Bericht. Gut drei Viertel der Opfer sind Mädchen, die Täter*innen zwischen 80 und 90 Prozent Männer. Die Dunkelziffer der Übergriffe wird weitaus höher geschätzt.

Die Geschichten unter dem Hashtag #wheniwas spielen sich oft im Kontext der Schule ab. Die Täter*innen: fast immer gleichaltrige männliche Mitschüler. Manche User*innen erzählen von der fehlenden Unterstützung durch Lehrer*innen, die ihre Beschwerden mit „Die mögen euch halt“ abgetan hätten:

In anderen Fällen sind die Täter*innen Menschen aus dem familiären Umfeld. Eine Userin berichtet, wie ein Freund ihres Vaters ihr mit zwölf Jahren das Oberteil hochschob, um sich ihre Brüste anzuschauen. Sie habe es erst kürzlich mit 47 Jahren ihrem Vater erzählen können. Wie Zahlen der Bundesregierung zeigen, sind die Täter*innen in der Hälfte aller Fälle aus dem näheren sozialen Umfeld, also Nachbar*innen, Sporttrainer*innen, Onkel oder Tanten. Weitere 25 Prozent sind direkte Familienangehörige.

Eine Userin erzählt, wie sie mit neun Jahren erlebte, wie ihr eine Gruppe von Männern am Strand hinterpfiff und -rief. Sie habe damals erst die Schuld bei sich selbst gesucht und sich gefragt, ob sie mit ihrem gelben Outfit zu viel Aufmerksamkeit erregt habe.

Auch User*innen aus Deutschland äußern sich in den sozialen Medien mittlerweile zu dem Hashtag:

Andere Frauen berichten hingegen, dass es ihnen immer noch sehr schwerfalle, über diese Erfahrungen zu sprechen: