„Vacation Shaming“ stinkt – warum jede*r Urlaub verdient

Je beschäftigter, desto unentbehrlicher – wenn viel Arbeit zum Statussymbol wird, dann wird Urlaub oft argwöhnisch beäugt. Oder wie man neumodisch sagt: Vacation Shaming.

Vacation Shaming stinkt – warum jede*r Urlaub verdient

Vacation Shaming funktioniert dann, wenn wir uns vacationshamen lassen. Foto: Pexels/ Mateusz Dach

Drei Wochen am Stück Urlaub machen, ab- und ausschalten und womöglich wegfahren? Wo kommen wir denn da hin! Egal, wie ausgelaugt, hitzegeplagt und urlaubsreif – es wird gefälligst weitergearbeitet, im Zweifel aus Hängematte oder Strandkorb. In einem Arbeitsumfeld, in dem Kolleg*innen und Vorgesetzte passiven Gruppendruck und Schuld einsetzen, wenn Angestellte länger richtig Urlaub nehmen wollen, spricht man von Vacation Shaming. Und das klingt lustiger, als es ist.

Vor allem Millennials sind davon betroffen: Die Allianz hat in ihrem Travel Insurance Vacation Confidence Index unter anderem einen Blick auf die Urlaubsdauer – bezogen auf die USA – geworfen und herausgefunden, dass über die Hälfte der Befragten im vergangenen Jahr nicht länger als ein paar Tage am Stück weggefahren ist – allen voran die jüngeren Angestellten.

Schon eine frühere Befragung hat ergeben, dass ein Viertel der Millennials sich extrem unwohl dabei fühlt, Vorgesetzte nach Urlaub zu fragen. Im Vergleich haben nur sechs Prozent der älteren Angestellten über 55 Jahren ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Und etwa die Hälfte der jüngeren Angestellten nimmt nicht alle Urlaubstage in Anspruch, die ihnen zustehen.

Ob das nun daran liegt, dass unbefristete Fest-Verträge ein rares Gut geworden sind, die globale Gesellschafts- und Wirtschaftslage als fragil empfunden wird, nicht genug Geld für längeren Urlaub da ist oder bei der Arbeit unentbehrlich zu sein als Ego-Booster dient – klar ist: Wer keinen Urlaub macht, tut sich damit keinen Gefallen.

Warum jede*r Urlaub braucht und verdient

Wir sind keine Maschinen, der Mensch braucht Ruhezeiten – auch längere. Besonders in einer vernetzten Welt, in der 24 Stunden am Tag alles jederzeit möglich ist, kann den Stecker zu ziehen manchmal richtig gut tun.

Vor allem Kreativität lebt von Pausen; das Gehirn profitiert erheblich von Umgebungswechseln, ungewohnten Abläufen und anderen Reizen. Wer Neues sieht und erlebt, gewinnt frische Perspektiven, kann andere Lösungen und Ideen entwickeln. Das ist logischerweise auch im Job eine super Sache.

Doch auch die Gesundheit braucht Urlaub: Wissenschaftler*innen der University of Syracuse haben unlängst herausgefunden, dass Urlaubmachen beispielsweise das Herz-Kreislauf-System schützt. Der beteiligte Gesundheitsforscher Dr. Bryce Hruska: „Unsere Forschung legt nahe, dass, wenn Angestellte ihre Urlaubstage mehr nutzen würden, sich das in konkreten gesundheitlichen Vorteilen niederschlagen würde.“

Dabei ist es gar nicht nur der Urlaub selbst: Schon die Vorfreude darauf trägt laut Studien erheblich zum Wohlbefinden bei.

Auf der anderen Seite kann eine Kultur des Vacation Shamings dazu führen, dass die Leistung langfristig sinkt und Angestellte, die wegen eines schlechten Gewissens selten und eher kurz Urlaub machen, irgendwann nicht nur erschöpft, sondern auch frustriert sind.

Planen, Grenzen setzen, kommunizieren

Wer in einem Umfeld arbeitet, in dem längerer Urlaub tatsächlich irgendwie verpönt ist, muss nicht sofort das Badetuch werfen, kündigen und ein Strandcafé eröffnen. Es gibt da durchaus ein paar gemäßigtere Maßnahmen.

Das Wichtigste ist frühzeitige und umsichtige Planung. Wenn zum Beispiel eine ganze Abteilung am Jahresanfang gemeinsam ihre Urlaubspläne abstimmt, entstehen weniger Engpässe und damit weniger Gründe für ein schlechtes Gewissen. Dabei kann es auch hilfreich sein, sich eine*n Tandem-Kolleg*in als Vertretung mit ins Boot zu holen – also eine*n kompetente*n Ansprechpartner*in, der*die voll im Thema ist und während der Urlaubszeit nahtlos übernimmt. Gilt selbstredend umgekehrt genauso. Dann gibt’s auch keine zwölftausend E-Mails. Voraussetzung ist allerdings, dass die Beteiligten kein Problem damit haben, Wissen und Kompetenzen zu teilen.

Vorarbeiten und kommunizieren ist auch sinnvoll. Wer im Urlaub wirklich Ruhe haben will, darf logischerweise keine offenen Enden zurücklassen, die plötzlich anfangen, lichterloh zu brennen. Alles erledigen, Kund*innen und alle Betroffenen rechtzeitig informieren, Ansprechpartner*in mitteilen, wichtige Dokumente verfügbar machen und Übergaben schreiben, Abwesenheitsnotiz mit Kontaktperson einrichten. Wenn Kolleg*innen und Vorgesetzte sehen, dass da jemand sein Zeug im Griff hat, sind sie in Sachen Urlaub wahrscheinlich viel weniger skeptisch.

Langfristig braucht es möglicherweise einen Wandel in der Unternehmenskultur. Und der liegt meist nicht in Angestellten-Händen. Allerdings kann auch hier ein bisschen dran gedreht werden. Andere Maßeinheiten für Leistungsvermögen als einen dauerbesetzten Schreibtisch vorschlagen, zum Beispiel.

Hauptsache, Urlaub!

Grenzen setzen und cool bleiben, nicht für den Urlaub entschuldigen, umsichtige Planung und Organisation – all das kann hilfreich sein. Doch letztlich können und müssen wir das schlechte Gewissen mit uns selbst ausmachen. Anders gesagt: Vacation Shaming funktioniert dann, wenn wir uns vacationshamen lassen.

Ein längerer Urlaub einschließlich Tapetenwechsel ist übrigens nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Fernreisen in exotische Gefilde; schon drei Wochen an der Nord- oder Ostsee, in abgelegenen Berghütten oder im Schrebergarten können eine Wohltat sein. Insgesamt ist Erholung nun mal wichtig und gut für Gesundheit, Geist, Kreativität und Karriere. Also egal, wohin und mit wem: Hauptsache, Urlaub!