Vasektomie: So fühlt es sich an, sich sterilisieren zu lassen

Wie lange dauert die Operation? Was spürt man dabei? Und danach? Fabrice berichtet von seiner Vasektomie.

So fühlt es sich an, sich sterilisieren zu lassen

"Auf Monsieur können wir wohl nicht zählen?", wollte die Gynäkologin von Fabrices Frau wissen. Foto: William Daigneault / Unsplash | CC0

Dieser Text ist zuerst auf Französisch im Magazin Rockie erschienen. Lena Völkening hat ihn für ze.tt ins Deutsche übersetzt.

Ich teile ja gerne meine OP-Erfahrungen mit Leser*innen. 2009 fing es damit an, dass ich davon erzählt habe, wie ich mir die Augen lasern ließ. Ein paar Jahre später habe ich über die Freuden meiner Darmspiegelung berichtet, und jetzt, 2019, kannst du, liebe*r Leser*in, erfahren, wie meine Sterilisation für mich war.

Bevor wir anfangen, kurz zur Erinnerung: „Die Vasektomie ist eine endgültige Methode zur Verhütung bei Männern“, heißt es auf der Homepage der französischen Urologenvereinigung. „Es handelt sich dabei um einen chirurgischen Eingriff, bei dem die beiden Samenleiter durchtrennt werden, damit die Spermien nicht mehr in die Samenflüssigkeit gelangen können.“

Was für ein Vasektomie-mimi!

Ich habe mich vor allem aus drei Gründen für eine Vasektomie entschieden:

– Ich bin mir in meinem Leben nur weniger Dinge wirklich sicher, aber nachdem ich lange und gründlich nachgedacht habe, bin ich mir mittlerweile absolut sicher, dass ich nie wieder ein Kind machen werde. Ich habe zwei fabelhafte Töchter in die Welt gesetzt, und ich denke, ich habe mit meinen Sprösslingen genug zu meinem CO2-Fußabdruck auf diesem Planeten beigetragen. Ich bin mir also wirklich absolut sicher, dass ich keine Kinder mehr will. Der*die ein oder andere findet es vielleicht problematisch, dass ich mich da so endgültig festlege – darauf komme ich später noch einmal zurück.

– Als ich diesen Gedanken weiterdachte, kam ich zu dem Schluss, dass ich mit dieser Sache endgültig abschließen wollte. Den Laden dichtmachen. Die Waffen niederlegen. Aus einem einfachen Grund: Sollte es jemals, durch ein unglaubliches Missgeschick, dazu kommen, dass ich mich von meiner Liebsten trenne, dann möchte ich, dass die Frage „Vater sein oder nicht sein“ in meinem zukünftigen Liebesleben überhaupt keine Rolle spielt. Die Frau, die mich möglicherweise wollen würde, würde von Anfang an wissen, dass ich mit Platzpatronen schieße. Das wäre dann halt das Gesamtpaket unfruchtbarer Glatzkopf (der Text für mein zukünftiges Tinder-Profil!). Keine Chance also, mich als potenziellen Vater anzusehen.

Wirklich jede*r wollte mir seine*ihre Meinung dazu sagen.

– Last but not least (auch wenn dieser Gedanke in mir erst später und dank der Hilfe meiner Frau aufgekeimt ist): Ich möchte wirklich, dass wir uns die Verantwortung für die Verhütung in unserer Beziehung teilen. Als sie einmal das Verhütungsmittel wechseln musste, hat meine Frau zu mir gesagt: „Ich habe es satt, die Pille zu nehmen. Hast du nicht vor einiger Zeit mal über Vasektomie geredet?“ Wenn man sich die – verbesserungswürdige – aktuelle Forschungslage zum Thema Verhütung bei Männern ansieht, ist die Sterilisation am zuverlässigsten. Angesichts von Grund eins und zwei war es für mich also nur logisch, mich auf die Suche nach einer*m Ärzt*in zu machen.

Sehr viel Bedenkzeit

Das sind also die drei Gründe, warum ich eines Tages einen Termin bei einem Urologen in meiner Nachbarschaft machte. Bei diesem ersten Termin erfährst du, dass:

– Bei einer Vasektomie die beiden Samenleiter durchtrennt werden, durch die die Spermien in die Samenflüssigkeit gelangen – heißt: Keine Sorge, Großer, du wirst weiter mit voller Manneskraft ejakulieren, aber in deinem Ejakulat werden keine Spermien mehr herumschwimmen.

– Die Operation findet unter lokaler Betäubung statt und dauert 30 Minuten, in denen kurz Schnipp-Schnapp gemacht wird.

– Das französische Gesetz sieht vor, dass zwischen der ersten Beratung bei dem*der Ärzt*in und dem Eingriff vier Monate liegen [in Deutschland gibt es keine derartige Regelung, Anm. d. Red.], damit genug Zeit bleibt, um die Sache zu überdenken. Mjoah. Für Kinderlose mag das vielleicht Sinn ergeben, aber was diese Bedenkzeit Eltern bringen soll, verstehe ich nicht. Wie auch immer, ich brauchte wirklich etwas Bedenkzeit. Tatsächlich habe ich sogar nicht vier Monate, sondern ganze vier Jahre bis zu der Entscheidung gebraucht, nämlich vom Winter 2014 bis zum Frühjahr 2019.

„Auf Monsieur können wir wohl nicht zählen?“

Als sie merkte, dass ich zu keiner Entscheidung kam, hatte sich meine Frau irgendwann für eine Hormonspirale entschieden. Im Sommer 2019 muss sie sie auswechseln, und Anfang des Jahres stellte sie mich noch einmal zur Rede. Ihre Frauenärztin habe gesagt: „Auf Monsieur können wir in Sachen Vasektomie wohl nicht zählen, oder?“ Hm? Oder? Okay, die Gynäkologin meiner Frau hält mir ein Gewehr auf die Brust.

Wobei sie wirklich recht hat. Ich hatte bei der Sache echt ein bisschen Muffensausen. Vielleicht hatte ich zwischen 2016 und 2017 einige persönliche Probleme, durch die meine potenzielle Sterilisation auf meiner Prioritätenliste ganz nach unten gerückt ist, aber im Nachhinein betrachtet denke ich außerdem, dass ich richtig Schiss davor hatte, mir bei einer simplen lokalen Anästhesie in die Eier schneiden zu lassen – auch da komme ich später noch einmal drauf zurück.

Anfang 2019 sagte ich mir also: „Okay, mein Guter, du hast das jetzt lange genug vor dir hergeschoben. Ist das immer noch etwas, was du machen willst? Ja? Gut, dann let‘s go.“ Zwei Tage später hatte ich einen Arzttermin für Anfang Februar.

Auf dem richtigen Weg, um jemanden mit einem kräftigen Schnipp-Schnapp an die Familienjuwelen zu lassen.

Mein Samen sät Zwietracht (verstehste?)

Aber bevor ich jemanden in meine Cojones schneiden ließ, konnte ich testen, wie das Konzept endgültige Sterilisation in meinem Umfeld und auf Partys so ankam. Es genügte, eine kleine Bemerkung wie „Übrigens, ich lasse mich demnächst sterilisieren“ fallen zu lassen, und schon waren alle ganz aufgeregt: „Hast du denn gar keine Angst, das später zu bereuen?“, „Was, wenn du einer Frau begegnest, die du so sehr liebst, dass du ein Kind mit ihr willst?“

Mein Sperma war zu einem noch heißer diskutierten Thema geworden als mein Essen damals, als ich einmal gestehen musste, dass ich nichts von dem Rinderbraten möchte, weil ich Vegetarier geworden war.

Wirklich jede*r wollte mir seine*ihre Meinung dazu sagen, wie wichtig es wäre, dass die Waffe weiterhin geladen ist. Man weiß ja nie, ich könnte es mir eines Tages anders überlegen und wie ein Betrunkener mit seinem Wegbier noch ein letztes Weg-Kind mitnehmen wollen, wenn ich über 40 bin.

Aber ihr spinnt doch alle!!! Ich bin 41 Jahre alt und habe zwei Kinder, ich möchte doch sehr hoffen, dass ich dazu imstande bin, von mir selbst zu sagen, dass ich es nie wieder versuchen werde. Und, dass ich mir voll und ganz sicher bin, das niemals zu bereuen.

Schnipp-Schnapp for the win

Es ist so weit. Ich kreuze also am Tag X mit meinem unterschriebenen Formular auf – „ja, ich habe verstanden, dass man mich unwiderruflich sterilisieren wird“, keine Sorge, das war von Anfang an der Sinn der Sache. Eine Arzthelferin bittet mich, mich untenrum frei zu machen, und schon wenige Augenblicke später werden mir Schwanz und Hoden mit Desinfektionsmittel eingeschmiert. Sie wirkt etwas verlegen und als sie mich, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, fragt, ob ich denn zu Fuß gekommen bin und ob es draußen immer noch regnet, muss ich nervös lachen.

Endlich betritt der Chirurg den Raum, streift Gummihandschuhe über, legt ein OP-Abdecktuch um meinen Penis, greift sich über den äußeren Teil meines rechten Hodens den Samenleiter, und sagt zu mir: „Ich nehme jetzt den Samenleiter in die Hand, um ihn etwas zu lockern, Sie werden vielleicht ein Ziehen in der Bauchgegend spüren.“– „Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihren anderen Patienten so ist, aber bei mir zieht’s nicht im Bauch, sondern in den Eiern, Doktor.“ Er lacht herzhaft. In diesem Augenblick kommt sein Praxiskollege herein, grüßt mich und sagt zu ihm: „Ich möchte zuschauen, wie du die Spritze setzt.“

Auch wenn meine Aufmerksamkeit in diesem Moment voll und ganz diesem Herrn gilt, der da gerade an meinem Sack zieht, muss ich an den Unternehmer und Regisseur Damien Maric denken, und daran, wie er sagt: „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ Siehst du, genau jetzt mache ich etwas zum ersten Mal! Ich lasse mir zum ersten Mal eine Spritze in die Hoden jagen.

„Es tut weniger weh als die Spritze beim Zahnarzt, stimmt‘s?“

Okay, zugegeben: Diese Spritze ist nicht gerade das schönste Erlebnis bei der ganzen Operation, aber wie schon die Arzthelferin zu mir sagte: „Es tut weniger weh als die Spritze beim Zahnarzt, stimmt’s?“– „Hängt ganz davon ab, Doktor. Mir hat man nicht mehr mit einer Spritze ins Zahnfleisch gestochen, seit ich ein kleiner Junge war, und ich muss sagen, dass dies das erste Mal ist, dass mir jemand mit einer Spritze in die Eier sticht. Das Ganze ist für mich also eine sehr neue Erfahrung, was es nicht gerade angenehm macht.“

Damit habe ich sie zum Lachen gebracht. Ich denke: „Bin ich witzig, wenn man mir in die Hoden piekst? Vielleicht wäre das mal ein gutes Konzept für eine One-Man-Show?“ Anschließend macht der Chirurg sich ans Werk. Es ist nicht wirklich angenehm, aber es erfüllt seinen Zweck. Mir wird etwas warm. Man muss dazu sagen, dass ich den ganzen Tag über fast nichts gegessen habe. Ich bringe mich manchmal gerne selbst wie so ein Idiot in schwierige Situationen. Der Chirurg bemerkt meine Anspannung und sagt:

„Auf dieser Seite bin ich fast fertig.“

– „Oh, weil Sie auf der anderen Seite dasselbe nochmal machen?“ (Was bin ich für ein Vollpfosten)

– „Ja, das ist besser so, damit es auch funktioniert.“

– (Alter, da bin ich empfindlich, okay?) „…“

– „Keine Sorge, es läuft ganz wunderbar.“

– „Also was mich angeht, muss ich Sie vorwarnen, mir wird warm. Und ich kenne mich mittlerweile ganz gut, und wenn mir so warm wird wie jetzt, kann es passieren, dass ich bewusstlos werde, vasovagale Synkope.“

– „Boygroup-Syndrom?“

– „Was?“

– „Vasovagale Synkope, Boygroup-Syndrom nennt man das.“

– (Alter, kümmer dich lieber darum, mich korrekt wieder zuzunähen!!!) „Oh, wenn Sie das sagen.“

– „…“

Tatsächlich war es beim zweiten Hoden unangenehmer, aber ich habe Haltung bewahrt. Ich bin nicht einmal ohnmächtig geworden, obwohl alles dafür sprach, ein Nickerchen zu machen, nach dem Motto: „Weckt mich bitte, wenn ihr damit fertig seid, an meinen Eiern herumzuschnippeln. Danke!“

Nein, stattdessen fing die großartige Arzthelferin wieder mit dem Smalltalk an: „Was machen Sie denn so beruflich?“ Worauf ich wie Hein Blöd, der es Leid ist, dass man ihm den Intimbereich zerschnippelt, antwortete: „Ich weiß genau, dass Sie vorhaben, mich abzulenken!!!“ Was soll ich sagen, es hat funktioniert. Sie öffnete das Fenster, und die drei froren, aber ich lag entspannt da, das blaue OP-Tuch auf dem Bauch, mit einem Loch auf Höhe meiner Banane. Die Operation muss alles in allem etwa 15 Minuten gedauert haben, und danach bat mich der Doc, für ein Abschlussgespräch in sein Büro zu kommen:

– „Es kann sein, dass sie ein paar Tage lang noch ein Ziehen im Bauch verspüren, aber das geht bald vorbei.“

– „Im Bauch oder in den Hoden?“

– „Das wissen Sie am besten! Es geht von selber wieder weg. Es kann auch passieren, dass Ihr Intimbereich etwas blau wird, das ist bei jedem unterschiedlich … Es ist gewissermaßen unvorhersehbar, wie die Börse (höhö!). Rufen Sie mich jederzeit an, falls das Ziehen zu lange nicht weggeht. Passen Sie ansonsten weiterhin auf, Ihre Vasektomie ist erst nach zweieinhalb Monaten wirklich wirksam. Sie sollten also Mitte April ein Spermiogramm machen lassen. Ich weise Sie darauf hin, dass eine Vasektomie in 99 Prozent der Fälle wirkt, aber weil das Risiko immer noch ein Prozent beträgt, sollten Sie das Spermiogramm nicht vergessen, das ist sicherer.“

– „Okay, ist notiert.“

– „Ach, und eine Frage habe ich noch: Würde sich Ihrer Meinung nach eine Vollnarkose lohnen?“

In dem Moment wusste ich nicht, was ich ihm antworten sollte, aber im Nachhinein denke ich: Ja. Dann wäre mir die unschöne Erinnerung daran, wie jemand an meinen Hoden herumwerkelt, erspart geblieben. Jede*r hat so seine Vorlieben, ich verurteile niemanden, aber ich stehe da definitiv nicht drauf. Es ist jetzt, wo ich diesen Text schreibe, drei Tage her. Ich watschel immer weniger wie eine Ente durch die Gegend und werde dabei auch immer schneller (es war sehr seltsam, so langsam zu gehen, und dabei einen Ohrwurm von It‘s Not Unusual zu haben). Es zieht noch immer ein bisschen in meinem Bauch in meinen Hoden, wenn ich aufstehe und wenn ich gehe. Mein rechter Hoden war gestern ein bisschen blau angelaufen, aber heute Morgen war es besser (puh!). Ich habe mich noch nicht wirklich getraut, meinen kleinen neuen Narben direkt in die Augen zu sehen, aber ich föhne meine Eier jeden Morgen (ein großartiges Gefühl).

Meine Frau wiederum hat letztendlich beschlossen, ihre Hormonspirale diesen Sommer zu erneuern, um sich nicht mehr mit ihrer Regelblutung herumärgern zu müssen. Aber immerhin sage ich mir, dass sie die Wahl hat und tun kann, was sie will, und dass ich jetzt, wo wir 40 sind, meinen Teil zur Verhütung beigetragen habe. Etwas spät zwar, aber trotzdem: Mir in die Eier schneiden zu lassen, das war wirklich eine Herausforderung.

Außerdem auf ze.tt: Welche Verhütungsmethoden für den Mann gibt es?