Das Opfer sei nicht attraktiv genug: Gericht in Italien spricht mutmaßliche Vergewaltiger frei

Im italienischen Ancona hat ein Gericht befunden, eine junge Frau sehe angeblich zu männlich aus, als dass die mutmaßlichen Täter sie vergewaltigt haben könnten. Gegen das Urteil formiert sich Protest.

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Man könne sich gut vorstellen, dass die Frau die Tat selbst provoziert habe, so das Berufungsgericht. Foto: Photocase | FemmeCurieuse

Sie sei nicht attraktiv und sehe zu männlich aus, als dass die Angeklagten daran interessiert sein könnten, sie zu vergewaltigen – mit dieser Begründung hat ein Gericht im italienischen Ancona zwei Männer vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. „Das Foto in ihrer Akte scheint das zu bestätigen“, fügte das Gericht hinzu. Im Schlusssatz hieß es: Es sei denkbar, dass das mutmaßliche Opfer, eine 22-jährige Peruanerin, die Männer selbst zu sexuellen Handlungen provoziert habe.

Bereits im März 2015 hatte die junge Frau die mutmaßliche Vergewaltigung zur Anzeige gebracht. Im Krankenhaus gab sie an, von einem 24-jährigen Freund sexualisiert missbraucht worden zu sein, während ein anderer Wache gehalten hatte. Sie erzählte, die Männer hätten ihr zuvor Drogen in ihr Getränk gemischt. Tatsächlich wurden die Männer im Jahre 2016 zu drei und fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Berufungsgericht in Ancona hob das Urteil jedoch ein Jahr später auf. Bekannt wurde der Fall erst kürzlich, als das oberste Gericht einen neuen Prozess anordnete. Das vorangegangene Urteil kriminalisiere das mutmaßliche Opfer, so der zuständige Generalstaatsanwalt, und sei ein weiterer Akt der Gewalt.

„Schande“, riefen die Protestierenden vor dem Gericht in Ancona

„Wir verstehen immer noch nicht, wieso das Berufungsgericht damals dieses Urteil fällte“, sagte der Anwalt der jungen Frau, Cinzia Molinaro, der italienischen Presse. Das mutmaßliche Opfer sei dabei in erster Instanz als glaubwürdig eingeschätzt worden. 2017 sah das Berufungsgericht die Angeklagten jedoch auch dadurch entlastet: Der mutmaßliche Vergewaltiger hatte die junge Frau unter dem Namen Nina Vikingo in seinem Handy abgespeichert, also Wikinger. Darin sahen die entscheidenden drei Richterinnen ein weiteres Indiz dafür, dass der Mann kein sexuelles Interesse an der jungen Frau haben könnte.

Der Fall dominiert seit Bekanntwerden die italienischen Schlagzeilen – und macht viele Menschen wütend. Am Montag demonstrierten laut italienischen Medien spontan rund 150 Personen bei einem Flashmob vor dem Gericht der Stadt Ancona. Mehrere feministische Netzwerke hatten zu dem Protest aufgerufen. „Schande“, ertönte immer wieder aus dem Protestchor. In einer gemeinsamen Erklärung vorab hieß es, alle Italiener*innen seien dazu aufgerufen, sich gegen Frauen-, Homo- und Transfeindlichkeit zu stellen, die sich in dem Urteil des Gerichtes ausdrücke. „Ein Land, das in seiner Verfassung Rechte und die Freiheit der Individuen anerkennt, darf dazu nicht schweigen.“

Luisa Rizzitelli, Aktivistin und eine der Initiator*innen des Flashmobs, beurteilte die Entscheidung des Berufungsgerichts als „mittelalterlich“. Das Schlimmste daran sei, dass dieses Urteil gerade von drei weiblichen Richterinnen gefällt worden sei, die denken, es sei unwahrscheinlich, dass eine maskulin aussehende Person vergewaltigt werden könnte. „Es ist beschämend“, so Rizzitelli, „aber 200 Personen auf solch eine Demonstration zu bekommen, gleicht in Italien einem Wunder. Es zeigt glücklicherweise, dass die Sensibilität für solche Themen größer geworden ist.“

Update: Dieser Artikel wurde am 12. März 2019 um 13.05 Uhr um den letzten Absatz ergänzt.