Vergiss Kino, Konzert und Lesung! Warum Kultur auf Dates nichts verloren hat

Du glaubst, ein gutes Date braucht Kino, Konzert oder Lesung? Versuch’s doch mal mit reden.

Date-Ideen: Warum Kultur auf Verabredungen nichts verloren hat

Warum reden wir nicht gleich miteinander, statt uns bei einem Date erst Kulturprogramm zu geben? Foto: Min An/ Pexels | CC0

Raoul und ich kennen uns noch nicht besonders gut, aber das wollen wir ändern. Darum haben wir heute Abend ein Date. „Marc-Uwe Kling liest“, schreibt Raoul mir gleich morgens. „Wollen wir da hin? Oder lieber zum Opening im Kulturforum?“ Er gibt sich Mühe, das merke ich. Nichts mit Kneipen-Bier oder Cornern vorm Späti. Das hier soll ein ganz besonders schöner Abend werden. Und ohne Scheiß, ich will am liebsten beides: an Marc-Uwes Lippen hängen und mir mit Gratis-Wein in der Hand die besten Plakate des Jahres reinziehen. Grundsätzlich. Immer. Nur nicht heute.

Und, gefällt’s dir?

Wer hat eigentlich diese unsinnige Konvention eingeführt, dass man sich bei einem ordentlichen Date irgendetwas ansehen muss? Einen Film, eine Ausstellung, ein Theaterstück oder eine Band – sogar für unverbindlichen Sex muss man erst mal netflixen. Zwei Menschen, die sich näher kommen oder Quality Time miteinander verbringen wollen, setzen sich erst mal neunzig Minuten nebeneinander und konzentrieren sich auf etwas komplett anderes.

Okay, vielleicht fummeln sie dabei ein bisschen aneinander rum oder halten Händchen. Aber das war’s dann schon mit Kommunikation. Später, wenn das Spektakel beendet ist, redet man endlich – aber nur über das, was man gesehen oder gehört hat. Noch viel später wird irgendwer von beiden es hoffentlich schaffen, eine etwas privatere Frage als „Und, gefällt’s dir?“ zu stellen.

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Und ganz zum Schluss kommt vielleicht ein Gespräch zustande, das sich um nichts als diese zwei dreht. Die, die sich eigentlich trafen, um sich gegenseitig besser kennenzulernen. Nach zwei Stunden mentaler Anreise für etwas, das hätte von der ersten Minute an entstehen können: eine echte Begegnung.

Wie wär’s mit reden?

Wenn ich ein Gefühl für jemanden bekommen möchte, will ich mich nicht mit der Kunst oder der Gedankenwelt von anderen Menschen auseinandersetzen. Klar, gewisse Hinweise auf Kompatibilität kann man auch so bekommen. Etwa, ob wir wohl den gleichen Geschmack haben (jemand, der*die kein Kind von Marc-Uwe will, kommt mir eh nicht ins Bett) oder ein ähnliches Kommunikationsbedürfnis haben (wehe, er*sie quatscht beim Film die ganze Zeit dazwischen). Aber echt mal, warum nur den kleinen Finger nehmen, wenn ich den ganzen Mensch haben kann?

Ich will keinen heißen Brei. Ich würde tausendmal lieber sein*ihr Tagebuch lesen, statt die Ergüsse eines*r anderen. Mir auf der Gitarre vorspielen oder Handyfotos zeigen lassen oder dieses vollgekritzelte Notizbuch. Egal was, egal wo. Hauptsache, es hat mit einer*m von uns zu tun. Denn das einzige, was ich von einem Date will, ist wissen, was mein Gegenüber wirklich bewegt.

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Ich halte Raouls Mühen wirklich in Ehren. Aber ich fürchte, aus dem kultivierten Date wird nichts. Also schreibe ich ihm, wie es ist: „Bier von der Tanke und dann ans Wasser!“ Dort können wir dann ohne Umschweife zu den wichtigen Fragen des Lebens vordringen. Wie er*sie wohnt. Wo er*sie aufgewachsen ist. Meinetwegen wie die Sache mit seiner*ihrem Ex endete. Und natürlich, wer wen retten muss, wenn das Ruderboot untergeht.