Verharmlosung einer Vergewaltigung: Studentin startet Petition gegen Donaulied

Die 22-jährige Corinna Schütz will erreichen, dass das Donaulied in Passauer Bierzelten nicht mehr gesungen wird. 

Oktoberfest 2017
Immer wieder kommt es bei Volksfesten wie dem Oktoberfest zu sexuellen Übergriffen. Foto: © Tobias Hase / dpa

Im folgenden Text wird sexualisierte Gewalt thematisiert, die triggernd und retraumatisierend sein kann.


Einst ging ich am Strande der Donau entlang
Ein schlafendes Mädel am Ufer ich fand
Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt
Ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt
Ich machte mich über die Schlafende her

Mit diesen Zeilen beginnen die ersten Strophen des Donaulieds. Im Text geht es in dieser Version weiter mit dem Protagonisten, der die schlafende Frau vergewaltigt, sie danach beschimpft, ihre Vorwürfe, sie geschwängert zu haben, abstreitet und ihr schließlich eine Münze zuwirft. Das Lied existiert auch in einer weiteren, weniger expliziten Form von Ballermannsänger Mickie Krause.

In diesem alten Volkslied vermittelt der umgeschriebene Text ein Weltbild, welches sexuelle Gewaltfantasien gegen Frauen normalisiert.

Corinna Schütz, Studentin

Das Lied ist ein beliebter Stimmungsmacher in Bierzelten auf Dorf- und Volksfesten. Die Studentin Corinna Schütz aus Passau hat dagegen nun eine Onlinepetition gestartet. Damit das Donaulied zumindest in Passauer Bierzelten nicht mehr gespielt und gesungen wird. „Sprache formt das Denken. In diesem alten Volkslied vermittelt der umgeschriebene Text ein Weltbild, welches sexuelle Gewaltfantasien gegen Frauen normalisiert und verherrlicht. Deswegen stellt das Donaulied eine Form sexueller Gewalt dar“, schreibt die 22-Jährige in ihrer Petition. Samstagnachmittag hatten bereits mehr als 17.000 Unterstützer*innen unterschrieben.

Mit der Petition wolle die Studentin jedoch kein Verbot des Donauliedes erwirken, sondern Menschen vielmehr zum Nachdenken anregen, damit sie künftig auf freiwilliger Basis auf das Singen des Liedes verzichten.

„Wir müssen uns dann rechtfertigen, warum wir so etwas noch singen“

Auf die Idee brachte sie der Pro7-Beitrag Männerwelten von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, sagte Schütz der dpa. Darin thematisierten die TV-Moderatoren mithilfe von Sophie Passmann, wie Frauen sexuell belästigt werden. Gegen das Lied habe sie schon seit Jahren etwas unternehmen wollen, aber erst mit diesem Fernsehbeitrag sei ihr die Idee einer Petition gekommen.

Vor ihren internationalen Mitstudierenden müsse sie sich für dieses Lied rechtfertigen. Sie sei zwar keine Traditionsfeindin, aber beim Feiern auf der Bierbank wolle sie sich das nicht anhören müssen.

Für ihr Engagement erhält Schütz bislang überwiegend positives Feedback. Sie würde mit ihrem Vorstoß „zum Denken anregen“ und „Augen öffnen“, loben User*innen sie in den Kommentaren der Petition. Negative Meldungen diesbezüglich beschränken sich zusammengefasst auf das Übliche: „Stell dich nicht so an“.

Immer wieder kommt es bei Partys, Festivals, Volksfesten oder Jahrmärkten zu sexuellen Übergriffen. 2019 ist beispielsweise die Anzahl der Sexualdelikte auf dem Münchener Oktoberfest mit 45 Fällen wieder leicht gestiegen. Bei mindestens zwei davon handelte es sich um eine Vergewaltigung.


Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde am 1. Juni 2020 aktualisiert. In einer früheren Version wurde der Originaltext des Donaulieds fälschlicherweise Mickie Krause zugeschrieben. Tatsächlich handelt es sich bei dessen Version um die abgemilderte Form. 

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